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Präsentismus: Krank ins Büro – das schadet auch dem Arbeitgeber

Viele Arbeitnehmer kurieren ihre Grippe nicht zu Hause aus, sondern arbeiten fleißig weiter. Eine Fehlentscheidung mit Folgen, auch für die Unternehmen.

Viele Arbeitnehmer kurieren ihre Grippe nicht zu Hause aus, sondern arbeiten fleißig weiter. Eine Fehlentscheidung mit Folgen, auch für die Unternehmen.

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imago/Westend61

Blaumacher, klar, die gibt es an jedem Arbeitsplatz. Studien deuten aber vor allem darauf hin, dass es mehr Arbeitnehmer gibt, die krank ins Büro gehen – entgegen der Anweisung des Arztes. Der Fachbegriff lautet Präsentismus („präsent“ = „anwesend“). „Man ist anwesend, geht zur Arbeit, obwohl man sich krank fühlt“, erklärt Professor Conny Antoni von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs).

Wie groß ist das Problem des Präsentismus?

Wie viele Arbeitnehmer betroffen sind – darauf geben Studien leicht abweichende Antworten. Laut einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und des Bundesinstituts für Berufsbildung geht jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland krank zur Arbeit. Diese Studie erschien 2012. In einer Untersuchung aus demselben Jahr, dem sogenannten Stressreport, haben 36 Prozent angegeben, sie seien im zurückliegenden Jahr zur Arbeit gegangen, obwohl sie krank gewesen seien.

Daten auf europäischer Ebene hätten ähnliche Werte ergeben, sagte Professor Antoni. Auch eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK hatte das Phänomen untersucht. Demnach kuriert sich vor allem die durch Karriere und Familie belastete „Rushhour“-Generation zwischen 30 und 40 Jahren nicht aus. Besonders häufig betroffen sind Beschäftigte mit drei oder mehr Kindern.

Grund für Präsentismus ist oft Angst um den Arbeitsplatz

Das Thema sei in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt, erklärte Experte Antoni. Ob man trotz Krankheit im Büro erscheine, liege auch daran, ob man um seinen Arbeitsplatz fürchte. Menschen gingen eher krank ins Büro, wenn sich die wirtschaftliche Situation des Unternehmens verschlechtere, oder wenn sie ihr Verhältnis zum Chef und zum Team noch nicht sicher einschätzen könnten.

Laut der Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeit (BAuA) gehen insbesondere Beschäftigte krank zu Arbeit, die häufig unter Leistungs-, Termin- und Zeitdruck leiden. Stark betroffene Berufsgruppen seien die Bau- und Landwirtschaft sowie Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe, etwa die Altenpflege.

Zu krank zum Arbeiten? Tipps in der Fotostrecke:

Zu ähnlichen Ergebnissen kam jetzt eine aktuelle Studie der University of East Anglia (UAE) (England) und der Concordia University (Kanada). Die Forscher fanden aber nicht nur negative Gründe, darunter finanzielle Schwierigkeiten oder unterbesetzte Teams, heraus: Manche Mitarbeiter würden auch krank arbeiten, weil sie hoch motiviert und zufrieden mit ihrem Job seien und sich allgemein stark für das Unternehmen engagierten. Jedoch schienen die negativen Ursachen dominanter zu sein.

Ein interessanter Aspekt der Untersuchung: Wenn Arbeitgeber erkrankte Mitarbeiter streng reglementieren, etwa indem sie sofort einen gelben Schein von den Kranken fordern oder im Krankheitsfall weniger Geld zahlen, hat das Einfluss auf den Präsentismus der Mitarbeiter.

Negative Langzeitfolgen – auch für Arbeitgeber

Fatale Folgen des Präsentismus sehen Arbeitsforscher der BAuA in nachlassender Leistungsfähigkeit und einer abnehmenden Produktivität. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Kosten von Präsentismus mindestens so hoch seien, wie die Kosten von krankheitsbedingtem Fehlen. Dies bestätigt eine 2011 veröffentlichte Studie der Beratungsfirma Booz & Company: Präsentismus komme die deutschen Unternehmen fast doppelt so teuer zu stehen wie die reinen Fehlzeiten kranker Mitarbeiter, die zu Hause bleiben.

Die Untersuchung geht davon aus, dass kranke Beschäftigte am Arbeitsplatz nicht nur weniger leisten, sondern auch mehr Fehler machen und sogar häufiger Opfer eines Unfalls werden. Präsentismus begünstige zudem chronische Krankheiten. So summierten sich pro Jahr die Kosten für die reinen Fehlzeiten von Erkrankten auf 1197 Euro pro Mitarbeiter. Die versteckten Kosten des Präsentismus dagegen lägen bei 2394 Euro. Andere Studien bestätigen, dass die entstehenden Kosten einen sehr großen und zumeist auch den größten Anteil an den gesamten Ausgaben für Gesundheit ausmachen.

Darüber hinaus löst das Arbeiten trotz Erkrankung oft eine Kettenreaktion aus: Wenn der Vorgesetzte krank ins Büro kommt, orientieren sich vermutlich auch die Mitarbeiter daran, und schleppen sich ebenfalls schwer erkältet zur Arbeit, um nicht negativ aufzufallen und weil sie denken, dass es von ihnen erwartet wird. Und natürlich besteht die Gefahr, die Kollegen anzustecken – selbst dann, wenn man sich eigentlich schon wieder fitter fühlt. (gs/dpa)

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