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Ausstellung im Gutenberghaus: Die spannende Geschichte des Himmerich

Ein Bergplateau und seine Geschichte: Renate Mahnke und Dirk Sieg in der Ausstellung über den Himmerich im Gutenberghaus.

Ein Bergplateau und seine Geschichte: Renate Mahnke und Dirk Sieg in der Ausstellung über den Himmerich im Gutenberghaus.

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Kehrein

Bad Honnef -

Wer heute während einer Wanderung das mitten im Wald gelegene Plateau des Himmerich oberhalb von Selhof erreicht, der ahnt in dieser ruhigen Abgeschiedenheit nichts davon, dass hier einmal der Bär los war. „Ich kann mich noch gut erinnern, dass ein langer Wurm von Menschen – gut zweieinhalb Kilometer lang – sich durch das Mucher Wiesental bewegte hinauf zum Himmerich“, berichtete der Zeitzeuge Kurt Vogel aus dem Jahr 1950.

Doch da war die, wenn man so will, eigentliche Blütezeit des Himmerich schon längst vorbei. Die Nazis hatten ihr direkt nach der Machtergreifung 1933 ein brutales Ende bereitet, als sie zwei Ausflugshäuser der Naturfreunde auf dem Himmerich dem Erdboden gleichmachten. Mehr als 6000 Menschen hatten dort zeitweise im Jahr übernachtet und nicht nur den weiten Blick übers Rheintal genossen. Doch die Bad Honnefer können heute froh sein, dass dieses friedliche Fleckchen Erde von den Nazis nicht mit einem für die NS-Architektur typischen überdimensionierten „Denkmal“ verunstaltet wurde. Den Grundstein dafür hatte Propagandaminister Joseph Goebbels nämlich am 15. Oktober 1933 schon gelegt . . .

Der Konflikt zwischen Nutzung und Naturschutz

„Das war ein richtiger Aufmarschplatz. Das ,Denkmal’ sollte man weit ins Land hinein sehen können“, sagt Historiker und Archivar Dirk Sieg und zeigt auf einen Entwurf dieses Bauwerks zur Erinnerung an die „Separatistenabwehrkämpfe 1923“. Das Foto ist zurzeit im Gutenberghaus zu sehen, dem kleinen Archiv und Heimatmuseum an der Hauptstraße in Bad Honnef. Dort informiert eine Ausstellung über die spannende Geschichte des Himmerich, die ein Stück weit im Kleinen für das große Ganze steht – nämlich die Historie des Siebengebirges, die geprägt ist von den Konflikten zwischen der Nutzung einerseits und dem Naturschutz andererseits.

In der von Dirk Sieg und Renate Mahnke, Vorsitzende des Vereins Gutenberghaus, konzipierten Ausstellung geht es natürlich um die Natur, die Pflanzen und Tiere, die in diesem Gebiet heimisch sind. Wirklich spannend ist indes die Nutzung des Bergs. Von 1894 bis 1910 wurde am Himmerich Latit abgebaut, ein Stein, der sich gut als Baumaterial nutzen lässt und aus dem einst das Kloster Heisterbach errichtet wurde. In der Ausstellung ist unter anderem eine Schiene der Bremsbahn zu sehen, mit der die Steine ins Mucher Wiesental herunter- und Material heraufgebracht wurde. Dirk Sieg zeigt ein Karte aus dem Jahr 1805: „Da war der Berg noch unversehrt.“

Mit der im 19. Jahrhundert aufkommenden Rheinromantik und dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts wachsenden Naturschutzgedanken änderte sich der Blick der Menschen auf ihr Siebengebirge. Beim Himmerich war es konkret der Unternehmer Peter Modersohn, der von seiner Villa aus – sie steht heute noch und gehört zur Rheinklinik an der Luisenstraße – den Abbau des Berges direkt sehen konnte. „Viele Bürger haben damals protestiert“, sagt Renate Mahnke.

Modersohn kaufte den Steinbruch und verpachtete das „Werkshaus“ ab 1920 an die Kölner Naturfreunde. Die legten ordentlich Hand an, wie Fotos in der Ausstellung zeigen. Zunächst bot das Haus zwei Übernachtungsräume mit insgesamt 16 Betten. Doch 1924 kam ein zweites Haus hinzu: eine zweistöckige Holzbaracke, die die Naturfreunde in Köln-Deutz ab- und auf dem Himmerich aufbauten. 1924 wurde der Bau seiner Bestimmung übergeben. Damit standen acht Räume mit 56 Betten zur Verfügung. Jahresberichte der Naturfreunde belegen, dass das Haus beispielsweise 1927 genau 6623 Übernachtungen hatte. Hinzu kamen zahlreiche Tagesgäste, die auf den Himmerich pilgerten.

Doch die Machtergreifung der Nazis machte allem ein Ende. Schon im Mai 1933 wurden die Naturfreunde enteignet. Die Häuser seien „Aufenthaltsort für flüchtige Kommunisten“, heißt es in einem historischen Dokument, das in der Ausstellung zu sehen ist. Akribisch haben die braunen Machthaber festgehalten, was alles beschlagnahmt wurde: Betten, Strohkissen, Kopfkissenbezüge... Die Häuser wurden später dem Erdboden gleich gemacht. Dirk Sieg und Renate Mahnke haben in einer Vitrine Stücke von Krügen, Weinflaschen, Löffeln oder Sprungfedern von Betten zusammengetragen. Alles Dinge, „die man heute noch unterhalb des Plateaus findet“, sagt Dirk Sieg.

Am 15. Oktober 1933 legte Propagandaminister Goebbels den Grundstein für das „Separatistenabwehrdenkmal“. Eigentlich, so berichtet Renate Mahnke, hätte es eine Feier mit 18 000 Menschen geben sollen. „Aber irgendwas ist vorgefallen“, so Mahnke. „Was, das müssen wir noch herausfinden.“ Das Denkmal wurde jedenfalls zum Glück nie gebaut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Naturfreunde auf dem Himmerich nicht mehr an die Vorkriegszeiten anknüpfen. Zwar fand dort 1950 noch das große Fest statt, für das eine „Riesenzeltstadt im Wald“ aufgebaut wurde, wie Zeitzeuge Kurt Vogel berichtete. Aber: „Im Rückerstattungsverfahren nach 1945“, schreibt der 2011 im Alter von 84 Jahren verstorbene Mediziner, „konnten wir unsere Interessen auf ein neues Haus an alter Stelle nicht durchsetzen, weil dem berechtigte Einwände des Naturschutzes entgegenstanden. Und Naturfreunde können schließlich nicht mit zwei Köpfen denken oder gar mit zwei Zungen reden.“

„Der Himmerich. Geheimnisse eines Honnefer Berges“, Gutenberghaus Bad Honnef, Hauptstraße 40, geöffnet bis Ende Februar sonntags von 10 bis 13 Uhr, der Eintritt kostet: 2,50 Euro.

www.gutenberghaus.org