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Kölnische Rundschau | Turnhallen für Flüchtlinge: Stadtsportbund sieht seine Vereine gefährdet
26. January 2016
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Turnhallen für Flüchtlinge: Stadtsportbund sieht seine Vereine gefährdet

Die ehemalige Diplomatenschule in Ippendorf wird voraussichtlich ab Mai zur Herberge für Flüchtlinge.Sie soll im Endausbau bis zum August fertig sein.

Die ehemalige Diplomatenschule in Ippendorf wird voraussichtlich ab Mai zur Herberge für Flüchtlinge.Sie soll im Endausbau bis zum August fertig sein.

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(Foto: Böschemeyer)

Bonn -

Besonders scharf kritisiert der Stadtsportbund (SSB) die bisherige Flüchtlingspolitik der Stadt´. Diese hat am Montag angekündigt, ab Aschermittwoch in weitere 15 Sporthallen Betten für Asylbewerber – zurzeit rund 3700 – aufzustellen. Dann wären insgesamt 21 Turnhallen für den Schul- und Breitensport vorläufig nicht mehr nutzbar.

„Ich glaube, der Oberbürgermeister und seine Verwaltungsspitze sind sich der Tragweite gar nicht bewusst, was in Bonn passiert, wenn sie ihre Pläne mit dieser einseitigen Belastung der Bonner Sportvereine und der Bonner Schulen umsetzen. Die gesamte Arbeit der Vereine wird mit einem Schlag kaputt gemacht. Es wird Jahre brauchen, bis sich die Vereine davon wieder erholen“, sagt der SSB-Vorsitzende Michael Scharf am Mittwoch nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung des Verbandes.

Kultur hilft dem Sport

Der rechnet vor, dass bis Oktober alle Bonner Sporthallen belegt sind, wenn die Stadt keine Alternativlösungen vorlege. Scharf: „Es ist nicht zu verstehen, dass erst jetzt Hotels angeschrieben werden und nachgefragt wird, ob Kapazitäten bestehen. Es ist ebenso nicht zu verstehen, dass erst jetzt die Eigentümer größerer Grundstücke angeschrieben werden, ob dort Container aufgestellt werden können. Und erst recht ist nicht zu verstehen, dass man die Bürger noch nicht eindringlich befragt hat, ob sie bereit seien, privaten Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.“ Vielleicht müsse die Stadt nur mal einen Blick in Richtung Rhein-Sieg-Kreis und Wachtberg werfen, wo das vorbildlich passiere. Scharf: „Schließlich hört die Hilfsbereitschaft nicht abrupt an der Godesberger Stadtgrenze zu Wachtberg auf.“

Die Sportlerlobby fordert die Stadtverwaltung auf, den von Hallenschließungen betroffenen Vereinen Alternativen anzubieten: Räume in Privatschulen, in städtischen Sälen, in denen man alles von Judo bis Entspannungsangebote ausüben kann, schlägt der SSB vor. „Man kann auch in einem der rund 40 städtischen Museen in einem Nebenraum zehn Bilder abhängen, um übergangsweise einen Bewegungsraum einzurichten“, nimmt der Vorsitzende die Kultur in die Pflicht.

Die hat schon reagiert: Generalintendant Bernhard Helmich stellt in der Oper das Foyer und den Ballettsaal für Sportler zur Verfügung, in der Halle Beuel die Probebühne und in den Kammerspielen in Bad Godesberg ebenfalls das Foyer. Die BonnCC GmbH hat signalisiert, das Forum Süd der Beethovenhalle zu öffnen, auch im Brückenforum könnte der große Saal genutzt werden, wenn er nicht belegt ist. Schließlich hat auch Professor Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums, einen Raum in Aussicht gestellt.

SSB-Chef Scharf verlangt indes für seine Vereine, dass sie von der Stadt entschädigt werden, falls sie für ihr Sportangebot andere Räume anmieten müssten. „Das sind Peanuts im Vergleich zu jenen 1815 Euro, welche die Stadt pro Monat und Person für die Unterbringung eines Flüchtlings in einer Sporthalle ausgibt“, sagt Scharf. Sollte die Stadt ihre Pläne umsetzen und bis Juni 3300 Plätze in Sporthallen zur Verfügung stellen, sind das rund sechs Millionen Euro im Monat.“

Kritik auch aus der Koalition

Der Stadtsportbund hat für Aschermittwoch um 19 Uhr seine Vereine ins Clubhaus der Bonner THV zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen. Eingeladen sind auch der Oberbürgermeister und Vertreter der Parteien. Scharf: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es existenziell um den Fortbestand des Bonner Sports geht. Wir und unsere Vereine müssen uns wehren. Und ich schließe dabei alle Schüler mit ein, deren Sportstunden auf lange Zeit ausfallen.“

Der Brandbrief des Stadtsportbundes hat gestern die Ortsverbände Castell und Beuel der Bonner CDU so aufgeschreckt, dass sie ihre Parteivorsitzende, Bundeskanzlerin Angela Merkel , angeschrieben und sie aufgefordert haben, die kommunale Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Integrationskraft mit ihrer Flüchtlingspolitik nicht zu überlasten. Die Ortsvorsitzenden Gunnar Gmilkowsky (Castell) und Stefan Brüggemann (Beuel) an die Kanzlerin: „Wir brauchen endlich eine Politik, die die Wünsche und Ängste der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigt und eine wirkliche Integration gewährleistet.“ Der breite gesellschaftliche Konsens werde „Tag für Tag“ verspielt.

Kritik am Management der Stadt in der Flüchtlingskrise kommt auch aus Sridharans Koalition. CDU-Kreisvorsitzender Christos Katzidis sieht „Bonn am Rande der Belastbarkeit“. Die Flüchtlingsströme nach Deutschland müssten deutlich reduziert werden. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Werner Hümmrich fühlt sich von der Zahl der zu schließenden Hallen „geradezu überrollt, die Handlungsoptionen werden immer enger. Vorausschauend sieht anders aus“. Der FDP-Kreisvorsitzende Joachim Stamp betont: „Gerade die Sportvereine sind ein wesentlicher Bestandteil der Integrationsarbeit. Ihnen und den Schulen sollten so viele Hallen wie möglich offen gehalten werden.“

Der Bürger Bund Bonn sorgt sich um den sozialen Frieden in der Stadt. Sie könne nicht „das Politikversagen der Bundesebene auffangen.“ Die SPD-Fraktionsvorsitzende Bärbel Richter hofft, dass sich möglichst viele der alternativen Unterbringungsmöglichkeiten kurzfristig realisieren lassen. Für Holger Schmidt, den Fraktionsgeschäftsführer der Linken, bleibt die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen ein „humanitäres Gebot“. Bestimmte Mindeststandards wie etwa eine Wohnfläche von zehn Quadratmetern pro Person sollten bei Unterkünften nicht aufgegeben werden.