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„Buchstabenshow“: 100 000 Analphabeten in Köln

Hoch hinaus: Nachdem der Kölner Analphabet lesen und schreiben gelernt hat, kann er sogar kopfüber den Stadtplan lesen und der netten Dame den Weg erklären.

Hoch hinaus: Nachdem der Kölner Analphabet lesen und schreiben gelernt hat, kann er sogar kopfüber den Stadtplan lesen und der netten Dame den Weg erklären.

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Schmülgen

Mit Radschlägen und Flickflacks stürmen die fünf Schauspieler vom „Theater Mobilé“ die Bühne im Untergeschoss der Köln Arcaden. Vor den Ladentüren von Vero Moda und Pieces beginnen sie ihre „Buchstabenshow“. Die Charaktere sind eine lustige Truppe Kölner – „trinkfest, sportbegeistert, kultiviert“, wie die männliche Lautsprecherstimme kommentiert. Doch einer von ihnen hat ein Geheimnis: Er kann kaum lesen und schreiben. „Es geht ihm wie hunderttausend Kölnern“, schallt es aus dem Lautsprecher.

Zum heutigen Weltalphabetisierungstag möchten die Firma Japan Tobacco International Germany (JTI) und die „Lernende Region – Netzwerk Köln“ mit dieser Aktion auf die hohe Analphabetenzahl aufmerksam machen. Die „Lernende Region“ richtet gerade das vierte Lernstudio für Analphabeten in Nippes ein. Dort können Betroffene täglich mit Computerprogrammen und Selbstlernkursen üben – oft als Ergänzung zum Volkshochschulkurs.

„Wir erreichen momentan etwa fünf Prozent der Kölner Analphabeten“, sagt Geschäftsführer Kai Sterzenbach. Bei ihrem neuen Projekt wenden der Verein und JTI sich an die Firmen: Ziel ist es, in drei Jahren auch Kursangebote in Betrieben zu etablieren. Denn das Klischee, funktionale Analphabeten seien arbeitslos, trifft nicht zu, etwa 60 Prozent befinden sich in einem Beschäftigungsverhältnis. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Jede Stunde spielt und tanzt das „Theater Mobilé“ heute in den Arcaden seine „Buchstabenshow“, um deutlich zu machen, dass Analphabetismus keine Schande ist – und erst recht keine Seltenheit.