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Beratungsstelle für NSU-Opfer: „Wir sind enorm spät dran“

Köln -

Die Opfer der rechtsextremen Anschläge durch die Gruppierung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) können nun ein neues Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Neun Jahre nach dem Nagelbomben-Attentat auf der Keupstraße, bei dem 22 Menschen verletzt worden waren, und zwölf Jahre nach dem Anschlag an der Probsteigasse gibt es jetzt Unterstützung bei rechtlichen, sozialen und psychischen Problemen.

„Wir sind enorm spät dran, vielleicht auch zu spät“, gab Ulrike Lubek, Direktorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), gestern bei der Vorstellung des Angebots zu. „Aber es ist gut, dass wir jetzt dabei sind.“ LVR und Stadt finanzieren die Beratung mit 7000 Euro, auch vom Land soll noch einmal die gleiche Summe kommen. Getragen wird das Angebot vom Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenverbands.

Während in München die Täter vor Gericht stünden, müssten hier die Opfer, die selbst Verdächtigungen ausgesetzt wurden, in den Blick genommen werden, sagte Oberbürgermeister Jürgen Roters: „Aufgrund der ganz besonderen Belastung der Opfer reichen die bislang erbrachten Bemühungen nicht aus.“ Auch Lubek betonte, es gehe darum, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und „etwas Neues, Unabhängiges aufzubauen“. Dies war der Ansatz von Stadtsuperintendent Rolf Domning, der – als klar wurde, dass die NSU-Gruppe für die Anschläge verantwortlich ist – aus „tiefer Erschütterung“ heraus eine Opferberatung für Köln gefordert hatte.

Angelegt ist das niedrigschwellige Angebot auf ein halbes Jahr. Martina Hille wird an zwei Tagen in der Woche auf der Keupstraße Flyer verteilen und Menschen gezielt ansprechen. „Wir hoffen, dass sich unser Angebot herumspricht“, sagte Helga Blümel, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks. Hille soll Hilfe vermitteln und unterstützend tätig werden – natürlich kostenlos.

Angesprochen werden sollen alle, die direkt oder indirekt betroffen waren und sich bislang nicht getraut haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mancher werde durch das mediale Interesse nun retraumatisiert, sagte Lubek. Noch im vorigen Jahr seien beim LVR Erst- und Verschlimmerungsanträge in Sachen Opferentschädigung eingegangen. Blümel rechnet mit zehn bis 20 Betroffenen. Über eine Fortführung des Projekts soll je nach Bedarf entschieden werden.

Martina Hille, Ruf 0221/160 38 32

martina.hille@diakonie-koeln.de