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Festkomitee-Präsident: „Der Karneval hat ein Imageproblem“

Einen politischeren Karneval sagt Markus Ritterbach für die kommenden Jahrzehnte voraus. (Foto: Belibasakis)

Einen politischeren Karneval sagt Markus Ritterbach für die kommenden Jahrzehnte voraus. (Foto: Belibasakis)

Lassen Sie uns in die Zukunft spingksen. Was glauben Sie, wie der Kölner Karneval in 25 Jahren aussehen wird?

Das Motto ist wunderbar, wir beschäftigen uns momentan unter anderem mit der Frage, wie das Festkomitee in ein paar Jahren aussehen wird. In der jetzt vorhandenen Konstruktion geht es nicht weiter, weshalb wir Strukturen umbauen müssen. Vor einiger Zeit gab es noch ein komplett ehrenamtlich getragenes Festkomitee. Jetzt haben wir einen hauptamtlichen Geschäftsführer, und ich bin sicher, dass wir diese professionelle Unterstützung ausbauen werden.

Aber es wird keinen hauptamtlichen Präsidenten geben?

Nein, aber mehr fest angestellte Mitarbeiter im Festkomitee. Die Steuerer bleiben ehrenamtlich. Ein Unternehmen steuert man sehr rational, der Karneval ist emotional. Um die Geschäfte zu leiten, braucht man Fachleute, die nicht unbedingt aus dem Karneval kommen. Früher bestand das Festkomitee ausschließlich aus den Präsidenten der Gesellschaften, heute ist das nicht mehr machbar. Ich bin ja selbst Festkomitee-Präsident geworden, ohne je eine Sitzung geleitet oder in einem Saal dreimal Alaaf gerufen zu haben.

Welche finanziellen Anstrengungen sind nötig, um mehr hauptamtliche Mitarbeiter einstellen zu können?

Unser Geschäftsführer hat sich gleich im ersten Jahr getragen, weil wir das Marketing und die Sponsorenleistungen entwickelt haben. Da ist noch viel Luft nach oben. Wir sind kein Gewinnmaximierungsunternehmen, aber wir legen Wert auf finanzielle Unabhängigkeit - dies gibt uns als Narren mehr Freiheit.

Wo ist die Sponsoring-Grenze?

Werbung im Rosenmontagszug ist tabu. Wir haben Medienverträge, das Merchandising wurde enorm ausgebaut und die Stadt unterstützt uns.

Am 11.11. hat der Oberbürgermeister den Karneval als vaterstädtisches Fest bezeichnet. Das werden Sie gerne gehört haben, vor allem, weil die Stadt einen zusätzlichen Betrag von 100 000 Euro zur Finanzierung des letztjährigen Rosenmontagszugs zugesagt hat.

Das ist ein ganz sensibles Thema, wo es auch um Zukunft geht. Welche Aufgaben hat das Festkomitee und welche Aufgaben die Stadt? Ist der Karneval ein städtisches Fest oder hat die Stadt damit nichts zu tun? Sind wir als Festkomitee zuständig für die Verschmutzung der Zülpicher Straße? Oder sagt die Stadt: Ihr veranstaltet den Rosenmontagszug, und wir kümmern uns um die Infrastruktur. Diese Partnerschaft stellen wir uns vor, und so wird sie derzeit verhandelt. Jürgen Roters hat sich massiv zu unseren Gunsten geäußert. Die Kosten für den Zoch werden zu 98 Prozent vom Festkomitee getragen, etwa zwei Prozent werden durch den Zuschuss der Stadt Köln gedeckt.

Kann sich der Event-Charakter des Karnevals noch steigern? Früher standen am 11.11. ein paar Mann am Ostermannbrunnen, heute wird überall in der Stadt gefeiert. Wohin entwickelt sich das?

Es klingt banal, aber der Karneval wird ein Spiegelbild der Gesellschaft bleiben. Wenn es in 25 Jahren die Eventkultur noch gibt, wird sie sich auch im Karneval ausdrücken. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Karneval in seiner lockeren und befreienden Art Zukunft hat. Dieses sehr faszinierende Brechen mit Hierarchien.

Wird der Karneval politischer? Wenn man sich die Entwicklung der Büttenreden anschaut, hat man nicht diesen Eindruck.

Es gibt heute kaum noch Demonstrationen, die Menschen gehen nicht mehr auf die Straße. Ich kann mir vorstellen, dass der Karneval einige dieser Streitthemen aufgreift und politischer wird. Da sind wir heute noch weit von entfernt.

Wie soll das geschehen?

Ein Beispiel: Wenn man sieht, wie in Russland mit dem Thema Homosexualität umgegangen wird, muss man sich schämen. Es wird aber nicht demonstriert, wofür man sich auch schämen muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Karneval diese Rolle annehmen könnte. Dabei geht es auch nicht um Parteipolitik, sondern um ein Unrecht, was angeprangert wird.

Der Karneval als eine Art "Arsch huh"-Bewegung?

Ja, in diese Richtung kann es gehen.

Worin zeigt sich denn heute der Wille zu solchen Bekundungen?

Wir haben im Festkomitee eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, zu der Vertreter der zwölf größten Gesellschaften gehören. Denn es ist sehr schwer, mit mehr als 100 Gesellschaften zu diskutieren und Beschlüsse zu fassen. Das Gremium soll dem Handeln des Festkomitees eine Richtung geben. Wir überlegen uns dort sehr genau Themen, mit denen wir an die Öffentlichkeit gehen werden. Zum Beispiel wollen wir uns für eine möglichst hohe Beteiligung bei der Kommunalwahl einsetzen. Dazu werden wir Fragebögen an die Politiker verschicken um festzustellen, wie diese zum Karneval stehen. Außerdem gibt es doch keine Kampagnen mehr in der Stadt, die mal ein wenig aufrütteln. Diese Rolle kann der Karneval übernehmen.

Wird es mal eine Frau im Prinzenamt geben?

Irgendwann vielleicht. Es gibt einige Traditionen, die so bleiben werden. Vielleicht wird das nach meiner Zeit mal so sein, aber ich werde das nicht ändern.

Wie wichtig ist der Titel des immateriellen Weltkulturerbes für den Kölner Karneval? War die Bewerbung nötig?

Wir haben nach wie vor das Problem, das Image des Karnevals nicht vom reinen Feiern und Biertrinken lösen zu können. Das muss sich ändern. Viele Menschen denken immer noch an betrunkene Jugendliche. Um den Wert des Karnevals zu verdeutlichen, wäre der Titel des Welterbes hilfreich. Der Karneval ist ein gesellschaftlicher Klebstoff, den man nicht auf Gegröle reduzieren sollte.

Das Image des Karnevals wirkt oft schlechter als das des Oktoberfests, wo es ausschließlich ums Trinken geht.

Genau. Demnächst sollen im Karnevalsmuseum beispielsweise Kindergeburtstage gefeiert werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Rosenmontagswagen das Jahr über in der Stadt zu sehen sind und nicht in unserer dunklen Wagenhalle stehen. Man soll wissen: Hier ist Karneval. Ein kulturell wertvolles Fest.

Welche Rollen spielen die sozialen Medien?

In Rio gibt es Karnevals-Flashmobs, da gehen plötzlich Züge, weil sich Menschen im Internet verabredet haben. Diese Richtung wird sich hier vermutlich auch stärker entwickeln.

Zur Person

Markus Ritterbach wurde am 24. Juli 1963 in Köln geboren. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Ritterbach Group, zu der ein Verlag und eine Unternehmensberatung gehören.

Zwischen 1998 und 2000 war er Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Köln. Seit vielen Jahren gehört er den Roten Funken an. Im Festkomitee Kölner Karneval wurde er 2003 Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kölner Karnevals. Seit 2005 ist er Präsident des Festkomitees.

Im Frühjahr 2012 ist er zudem neben Toni Schumacher von der Mitgliederversammlung zum Vizepräsidenten des Fußball-Zweitligisten 1. FC Köln gewählt worden. (tho)