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Henriette Reker bald 100 Tage im Amt: Wie war's bis jetzt?

210216 Reker im November

Henriette Reker am 20. November 2015, als sie sich das erste Mal nach dem Attentat der Öffentlichkeit zeigte.

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dpa

Köln -

Am kommenden Samstag wird Henriette Reker genau 100 Tage im Amt sein. Die frühere Sozialdezernentin und erste Kölner Oberbürgermeisterin überhaupt konnte ihr Amt nach dem Attentat erst mit Verzögerung antreten. Diese Kölner beurteilen die ersten 100 Tage der neuen Oberbürgermeisterin so:

Ulf C. Reichardt, IHK-Hauptgeschäftsführer:

"Ein wichtiges Zeichen war, die Sicherheit für Karneval zu verbessern. Diese Entschlossenheit braucht sie für die anstehenden Aufgaben wie die solide Aufstellung des Finanzhaushalts. Die Wirtschaft in der Region steht sehr gut da. Damit das so bleibt, brauchen wir eine Verwaltung, die verlässlich agiert. Bürokratieabbau gehört dazu. Statt einer möglichen Erhöhung der Gewerbesteuer plädieren wir für Arbeit an der Basis. Konzepte gibt es genug. Wir sind gerne dabei, sie umzusetzen."

Jürgen Becker, Kabarettist:

"In einer Stadt, die fast zwei Jahrzehnte für ein Stück U-Bahn brauchte und 600 Jahre für eine Kirche, sind 100 Tage eine homöopathische Dosis, eine nicht messbare Zeiteinheit. Wir dürfen nicht vergessen, dass Henriette Reker nach dem tragischen Attentat am Wahlsonntag im künstlichen Koma lag. Einen OB im künstlichen Koma kannten wir Kölner durch Jürgen Roters seit fünf Jahren. Wir sollten mit rheinischer Gelassenheit in größeren Zeiträumen denken, denn eins passt mal ganz gut: Henriette Reker ,is ne kölsche Jung'."

Stephan Grünewald, Leiter Rheingold-Institut:

"Sie hat durch die Silvesterübergriffe vieles nicht anpacken können. Sie läuft jedoch Gefahr, dem Charme zu erliegen, auf sehr vielen Veranstaltungen, von denen ich manche als Kindergeburtstag bezeichne, dabei zu sein. Eine wirkliche Reform kann nur gelingen, wenn sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentriert. Da gibt es viel zu tun: Dauerstau, Wohnungsbau, Masterplan. Es wird Zeit, dass Köln endlich aus dem selbstgenügsamen Dornröschenschlaf erwacht. Dafür ist sie auch angetreten."

Daniel Dickopf, Sänger der Wise Guys:

"Einen schweren Start hatte die OB durch die Ereignisse der Silvester-Nacht. Ihre ,Armlängen'-Äußerung war unglücklich, die Beschimpfungen in den Netzwerken halte ich aber für übertrieben. Für die Stadt wünsche ich mir das, was Frau Reker ausstrahlt: Unabhängigkeit, Seriosität und Vernunft. Ich hoffe, sie schafft es, das Erscheinungsbild der Stadt - beispielsweise rund um den Dom - zu verbessern, aber auch das medial transportierte Image vom chaotischen Köln in eine positive Richtung zu drehen."

Dr. Yilmaz Dziewior, Direktor Museum Ludwig:

"Es hat uns gefreut, dass sie als Ort ihrer Antrittskonferenz das Museum Ludwig wählte. Dies sehen wir als deutliches Zeichen für ihr kulturelles Engagement und Leidenschaft. Außerdem war sie schon eine äußerst anregende Gesprächspartnerin in Bezug auf die Bildende Kunst. Die Kölner Museen sollten in deutschen Metropolen jedoch noch präsenter sein: Wir sind zuversichtlich, dass Frau Reker den kulturellen Leuchttürmen wieder zur größeren Strahlkraft verhelfen wird."

Michael Jäger, Vorsitzender von Arbeitgeber Köln:

"Frau Reker bringt frischen Wind in den Politikbetrieb und geht die Dinge beherzt an. Die ersten Monate ihrer Amtsführung war die OB als Krisenmanagerin gefragt. Hierbei hat sie sich nicht weggeduckt, sondern Verantwortung übernommen. Die Substanzerhaltung der Verkehrsinfrastruktur in Köln und eine rasche Umsetzung von Großprojekten - wie zum Beispiel dem Godorfer Hafen - gehören für die Arbeitgeber Köln jetzt zu den drängendsten Aufgaben."

Robert Kleine, Stadtdechant:

"Die Anbindung der Flüchtlingskoordination an ihr Büro und die Einberufung des Rates der Religionen für Anfang April begrüße ich sehr. Man spricht von 100 Tagen "Schonfrist" ; diese gab es für Frau Reker - ehrlich gesagt - nicht: 14 Tage nach Amtsantritt wurden die Verbrechen in der Silvesternacht begangen. Deren Aufarbeitung samt Konsequenzen bündelten alle Kräfte. Dann kam Karneval - begleitet von Sorge. Für viele Aufgabenbereiche bedeutet das: Seit Aschermittwoch geht es richtig los..."

Peter Krücker, Vorstandssprecher Caritas Köln:

"Frau Reker hat in der Aufarbeitung der Ereignisse in der Silvesternacht eine gute Rolle gespielt. Sie hat auch dazu beigetragen, dass es in der Karnevalszeit ein positives Sicherheitsgefühl gab. Noch herrscht aber auf vielen wichtigen Arbeitsfeldern Stillstand, was wohl auch mit der Mehrheitsfindung im Rat zusammenhängt. Ich wünsche mir ein beherzteres Vorgehen bei den schwierigen Themen Finanzen und Verkehrsinfrastruktur. Auch an der sozialen Infrastruktur muss gearbeitet werden."

Helena Haack, Bloggerin:

"Sie hat die große Koalition verhindert und begonnen, die Strukturen in der Verwaltung zu verändern. In den nächsten 100 Tagen muss sie den Rat aus der Vergangenheit ins Jahr 2016 holen: Es gibt kein Online-Archiv für Videos der Ratssitzungen, auf der Zuschauertribüne herrscht eisernes Smartphone- und Twitterverbot. Das sind Zeichen eines alten, überholten Systems. Wir brauchen mehr Möglichkeiten uns an der Politik zu beteiligen, eine Transparenzsatzung und ein politisches Gremium für junge Leute."