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Interview mit Mirjam Leuze: „Frauen sind pragmatischer“

Kirgisisch kann sie schon. Als nächste exotische Sprache möchte Mirjam Leuze Kölsch lernen. (Foto: Meisenberg)

Kirgisisch kann sie schon. Als nächste exotische Sprache möchte Mirjam Leuze Kölsch lernen. (Foto: Meisenberg)

Köln -

Mit Mirjam Leuze hätte man sich vielleicht eher im Rautenstrauch-Joest- als im Wallraf-Richartz-Museum treffen sollen. Denn die Frau ist Ethnologin und reist für ihre Filme um die ganze Welt. Aber international geht es schließlich auch hier zu.

Sie waren gerade länger im Ausland. Wo kommen Sie her?

Ich war in Kirgistan unterwegs, in der Nähe der chinesischen Grenze. Wir haben dort ein Filmprojekt mit Schülern realisiert, die in der Nähe eines geplanten Staudamms wohnen. Das Thema war, natürlich: Wasser.

Ein anderes Thema ist das Wort „Kirgisien“. Das sei die russische Bezeichnung, erklärt Mirjam Leuze, und deswegen nicht die ihre. Im Deutschen wiederum heißt das Land Kirgisistan. Man munkelt aber, da habe irgendwer etwas verwechselt.

Das Dorf wird, wie viele in China, überschwemmt?

Nein, so schlimm ist es dort nicht. Aber Teile der Äcker müssen wohl verlegt werden, und das Thema ist offenbar heikel. Die Polizei hat uns fünf Stunden verhört und dann unmissverständlich „gebeten“, das Dorf zu verlassen.

Wie kommt eine Schwäbin aus Ehrenfeld dazu, Kirgisisch zu lernen?

Ich war mit Murat, einem Freund, öfter in der Türkei und habe mich geärgert, weil ich kein Wort Türkisch konnte. Also habe ich mir ein Stipendium als Ergotherapeutin in Istanbul besorgt und die Sprache gelernt. Danach habe ich Ethnologie studiert und bin, wiederum über ein Stipendium, in Kirgistan gelandet.

Weil Sie da auch einen Freund hatten?

Nein. 1993, kurz nach der Wende, war die ehemalige UdSSR mit ihrem ungeheuren Gesellschaftsumbruch sehr faszinierend für mich. Kirgisisch ist übrigens auch eine Turksprache, da konnte ich drauf aufbauen.

Türkisch kann ich auch ein bisschen. Wäre für mich das Schwäbische oder das Kirgisische schwerer zu erlernen?

Kirgisisch ist schon total anders. In meinem ersten Jahr dort habe ich’s mir aber irgendwie angeeignet.

Denk ich an Kirgistan, denk ich an weite Grassteppen, kleine Pferde und asiatisch aussehende Menschen. Ein Klischee?

Nein, das stimmt. Aber darüber hinaus habe ich dort eine unglaublich herzliche Gastfreundschaft erfahren. Das Leben ist beschwerlicher, viele Menschen sind arm, aber was da ist, wird mit den Gästen geteilt.

In deutschen Großstädten gibt es thailändische, chinesische und indische Restaurants. Wieso keine kirgisischen?

In kulinarischer Hinsicht sind sie dort nicht unbedingt führend auf der Welt, das gebe ich gerne zu. (lacht)

Was wäre die kirgisische Entsprechung von Flönz und Rheinischem Sauerbraten?

Besch Barmak, das wird mit der Hand gegessen und heißt übersetzt „Fünf Daumen“. Dabei handelt es sich um über mehrere Stunden eingekochtes Schaffleisch samt Innereien. Das kann für den Fremden schon eine Herausforderung sein, zumal Gästen als Zeichen der Ehrerbietung manchmal die Augen angeboten werden.

Haben Sie als höflicher Gast vermutlich ohne Wimpernzucken zerkaut.

Inzwischen fällt es mir nicht mehr so schwer. Schafsauge schmeckt ein bisschen wie gekochtes Eiweiß.

Zu Ostblockzeiten lebten in Kirgisien noch um die 100 000 deutschstämmige Mennoniten und Baptisten. Welchen Stand hatten und haben die?

Die Deutschen waren hoch angesehen wegen ihrer handwerklichen und organisatorischen Fähigkeiten. Ich glaube zudem, dass sich Kirgisen und Deutsche gern mochten, weil sie beide in der Sowjetunion unterdrückte Minderheiten waren.

Ein deutsch-kirgisisches Dorf hört auf den seltsamen Namen Rot-Front. Waren Sie da mal?

Ja, 1998. Das hieß eigentlich Bergtal, der Name Rot-Front wurde dem Dorf von den Sowjets aufgedrückt. Inzwischen leben dort nur noch wenige Deutsche, die meisten sind nach Deutschland gezogen.

Was denken Ihre kirgisischen Freunde über Köln, wenn die hier sind?

Zuletzt war Erkingül zu Besuch, die Protagonistin von „Flowers of Freedom“. Sauerbraten fand sie scheußlich, Ziegenkäse noch schlimmer – in Kirgistan kennt man Käse gar nicht. Der Dom hingegen gefiel ihr. Und eine andere Freundin meinte über die Menschen hier: „Warum rennen die eigentlich alle so?“

Warum sind Sie selbst nach Köln gekommen?

Ich habe mich in Köln und Tübingen für Ethnologie beworben. Die Tübinger meinten, ich müsse für die Immatrikulation aus Istanbul anreisen. Ein Mitarbeiter der Kölner Uni hingegen schlug vor: Ihre Mutter heißt doch auch Leuze . . . Damit war die Sache klar.

Bereut haben Sie es nicht?

Nein, ich finde wirklich, dass die Menschen in Köln sehr offen sind, gern auch mit Zugereisten quatschen und alles etwas gelassener nehmen.

So wie die Kirgisen?

(lacht) Ja, ein bisschen.

Ihr Film „Flowers of Freedom“ wurde auf der Berlinale präsentiert. Darin geht es um Zyanidlieferungen für eine Goldmine. Klingt nach beschwerlichen Dreharbeiten.

Bergbau ist in vielen Ländern ein sehr unbequemes Thema. Die Kamera habe ich vor Ort zwar nicht versteckt, aber ich habe mir zuvor auch keine Drehgenehmigungen eingeholt. Ich war froh, als ich das Filmmaterial außer Landes hatte.

Warum sind es ausschließlich Frauen, die in Ihrem Film protestieren?

Ein wichtiger Grund ist, dass ein großer Teil der Männer mit der Wende vieles, wenn nicht alles verloren hat: die Arbeit, die Unabhängigkeit, die Würde. Alkoholismus ist ein gravierendes Problem seitdem. Und die, die noch einen Job haben, haben Angst, ihn zu verlieren, wenn sie in den politischen Widerstand gehen.

Und die Frauen?

Die sind pragmatischer. Da sind Kinder zu ernähren und Haushalte zu führen. Das scheint zu bewirken, dass Frauen sich in dieser Gesellschaft eher trauen, ihre Meinung zu sagen und notfalls Protest zu üben. Auch in den kirgisischen NGOs trifft man fast ausschließlich auf Frauen.

Eines Ihrer emanzipatorischen Projekte in Deutschland heißt „MyView – Participatory Video“. Worum geht es da?

Das begann mit der von der Rheinenergie gesponserten Reihe „Kölner Blicke“. Meine Kollegin Lisa Glahn und ich leiten Jugendliche aus problematischen Zusammenhängen an, ihren eigenen Film zu drehen.

Sie seien immer auf der Suche nach neuen Sprachen und Orten, sagen Sie in einer Selbstbeschreibung. Was steht als Nächstes an?

Ich möchte gern einen Film über zwei Menschen von Gil Island machen, die dort Schwert- und Buckelwale erforschen. Dieses Gebiet an der Westküste Kanadas gilt als der letzte unberührte Regenwald der nördlichen Hemisphäre. Die Wale sind akut bedroht von einer Schiffslinie für Öltanker.

Und die Ureinwohner dort verfügen über eine eigene Sprache, die nur noch von zwei 90-jährigen Greisen beherrscht wird?

(lacht) Die Gitga’at Nation spricht durchaus eine eigene Sprache. Aber ich habe eigentlich nicht vor, sie zu lernen, die können nämlich alle Englisch. Meine nächste exotische Sprache wird eher Kölsch.