Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt

Jahresrückblick der Rundschau: „Kölner Menschen“ blickt auf das Jahr 2015 zurück

Temperamentvolle Unterhaltung: Moderator Hans Georg Bögner und Museumschef Yilmaz Dziewior (r.).

Temperamentvolle Unterhaltung: Moderator Hans Georg Bögner und Museumschef Yilmaz Dziewior (r.).

Köln -

Ludwig Sebus lehnt sich lässig ans Klavier. Ganz Grandseigneur des Kölner Karnevals. Ein kurzer Blickkontakt mit Björn Heuser. Der greift in die Tasten, und beide singen „Heimweh nach Köln“ von Willi Ostermann. Das Publikum im voll besetzten Millowitsch-Theater (Volksbühne) stimmt umgehend ein. Einer dieser besonderen Momente, an denen der Jahresrückblick der Kölnischen Rundschau „Menschen 2015“ im Rahmen der „Kölner Abende“ der Sparkassen-Stiftung Kultur reich war.

Zu Gast waren neben Sebus und Heuser Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, der Dompropst Gerd Bachner, der Direktor des Museums Ludwig, Dr. Yilmaz Dziewior, die Flüchtlingshelfer Hans Nix (Johanniter Unfallhilfe) und Christa Eumann sowie die beiden Karnevalisten Jörg Runge (Tuppes vum Land) und Michael Hehn (De Nubbel). Durch den Abend führten Stefan Sommer, Leiter der Lokalredaktion Köln der Rundschau, und Hans Georg Bögner, Leiter der SK-Stiftung Kultur. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Netcologne.

„So eine Wahl ist doch eigentlich eine schöne Sache.“ Ein Satz, der konsensfähig sein dürfte – und dennoch bemerkenswert ist, wenn er interne Vorgänge in der katholischen Kirche beschreibt. Gerd Bachner sprach ihn aus. 2015 wurde er vom Metropolitankapitel zum neuen Dompropst gewählt. Das Votum sei für ihn Rückenstärkung – die er aber eigentlich nicht brauche: „Wenn man sich für den Dom einsetzt, hat man keinen gegen sich.“ 70 war er, als die Wahl auf ihn fiel. „Aber diese Aufgabe ist schöner als Ruhestand.“

„Sie werden von einer Welle der Sympathie getragen.“ Als Stefan Sommer Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker mit diesen Worten begrüßte, wollte der Applaus nicht abebben. Eine Messerattacke überstanden, die Wahl gewonnen und als unabhängige Kandidatin mit neuem Politikstil ins Amt gestartet – das scheint zu beeindrucken. Und dennoch, das Attentat schüttelt Reker nicht einfach ab. „Wenn ich nachts Krankenwagen höre, ist das beklemmend.“ Und wie geht es mit Köln weiter? Neuen Großprojekten erteilt sie eine Absage – mit Ausnahme einer Ost-West-Stadtbahn. Gebührenerhöhungen schließt sie nicht aus. Bei der Oper verspricht sie nur so viel: „Fertig wird sie.“ Und ihre Antwort auf die Frage, wie das Missmanagement bei Bauprojekten verhindert werden kann, wirkt frappierend einfach: „Es braucht bei der Stadt einen Bauleiter, der so etwas kann.“ „Und da ist bis jetzt keiner drauf gekommen?“, ist Sommer erstaunt. Aktuell arbeitet Reker an ihrer ersten Rede für die morgige Prinzenproklamation. „Ich übe jeden Tag – auf Kölsch. Und mein Mann mimt Prinz, Bauer und Jungfrau.“

Damit war die Brücke geschlagen zu Jörg Runge und Michael Hehn. Runge alias Tuppes nimmt sich einer vom Aussterben bedrohten Tradition an: der Reimrede. Erprobt habe er sein Talent auf Seniorensitzungen im Bergischen. Und dann kam der Tag, als die Doof Noß (Hans Hachenberg) ihm auf Band sprach. „Sein Lob verursachte mir Gänsehaut.“ Bodenständigkeit trotz des Ritterschlages: „Ich bin ein Fan von Pfarrsitzungen. Dort lebt der Karneval.“

Michael Hehn alias Nubbel erhält von der „Akademie för uns kölsche Sproch“ den Preis als bester kölscher Rednernachwuchs. Eine Ehre, die er rheinisch gelassen nimmt: „Es ist gekommen, wie es gekommen ist.“

10. Oktober 2008. Dieses Datum vergisst Björn Heuser nicht. Sein erstes Mitsingkonzert im „Gaffel am Dom“. Mit dem Hut habe er damals noch rumgehen müssen. Das hat sich geändert. Mittlerweile lebt er davon, dass er allein mit Gitarre und Stimme zum Mitsingen kölscher Lieder anregt. Wie erklärt er sich den Erfolg? „Bei mir kann man sich den Frust von der Seele singen.“ Ein geerdeter Liedermacher mit Ambitionen. Am 2. Oktober gibt Björn Heuser ein Mitsingkonzert in der Lanxess-Arena. Bis zu 18 000 Besucher sollen kommen. Ein Projekt, das ihn bis in seine Träume verfolge, und das natürlich an der Theke geboren wurde.

Ein Rheinländer mit türkisch-polnischen Wurzeln, der für die Kunst brennt. Moderator Hans Georg Bögner schälte heraus, dass Dr. Yilmaz Dziewior mit dieser Mischung die Idealbesetzung für den Direktorenposten des Museums Ludwig ist. Zuerst hat er gegenüber der Stadt das Budget für sein Haus auf eine neue Basis gestellt, dann hat er im laufenden Betrieb die Dauerausstellung neu ausgerichtet. Nun plant er eine Sonderausstellung zum 40-jährigen Bestehen des Museums. Wie sehr ihn diese Aufgaben fordert, dafür hat Dziewior einen Gradmesser. Er überprüft regelmäßig den Anteil grauer Haare auf seinem Kopf.

Einer besonderen Herausforderung stellen sich auch Hans Nix von der Johanniter Unfallhilfe und Christa Eumann als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. Als Rechtspopulisten damit angefangen hatten, Angst vor Flüchtlingen zu schüren, da habe für sie festgestanden: „So will ich das nicht.“ Die pensionierte Lehrerin begleitete fortan Flüchtlingskinder in Schulen. Hans Nix erreichte am Karnevalsfreitag ein Anruf. Innerhalb von 24 Stunden solle er in Chorweiler eine Zeltunterkunft organisieren. „Versuchen Sie mal zu Karneval mobile Toiletten zu bekommen“, beschreibt er nur eins der vielen Probleme.

Und dann Ludwig Sebus. 2015 wurde er 90 Jahre alt. Schwungvoll nimmt er die Stufen zur Bühne und füllt den Saal mit seiner Persönlichkeit. Dass er so etwas kann, merkte er in russischer Gefangenschaft. Als er für Rotarmisten einen sterbenden Revoluzzer gab, da weinten die Soldaten. Und bevor er „Menschen 2015“ mit Gesangseinlagen abrundete, ließ er noch eben alle Redebeiträge des Abends mit seiner Lebenserfahrung in ein Resümee einfließen: „Das Leben ist nicht rund. Darum muss man es locker angehen.“