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Jürgen Becker: „Der Kölner wappnet sich mit Humor“

Kölner vor Berlinern: Alles wohl geordnet, alles mit Sinn. Lustig wäre, wenn die Backwaren umfallen würden, sagt Jürgen Becker. Denn Humor braucht Unsinn. Davon gibt es viel in Köln. (Foto: Belibasakis)

Kölner vor Berlinern: Alles wohl geordnet, alles mit Sinn. Lustig wäre, wenn die Backwaren umfallen würden, sagt Jürgen Becker. Denn Humor braucht Unsinn. Davon gibt es viel in Köln. (Foto: Belibasakis)

Köln -

Herr Becker, eine große Frage: Was ist kölscher Humor?

Humor beruht auf einem spielerischen Umgang mit der Realität. Die kölsche Sprache kann das fördern, weil sie sofort die Ebenen verändert. In meiner Autowerkstatt zum Beispiel sprechen alle Kölsch. Sogar der Kroate hat einen kölschen Einschlag. Die seriöse Trennlinie zwischen Du und Sie sucht der Kunde dort vergeblich, man umspielt sie mit „Ihr“. Man weiß also nie, ob man geduzt oder gesiezt wird. Neulich hat der Chef, Herr Heimerl, mir ein Dichtungsspray mitgegeben mit etwa folgender Anweisung: ,Wenn et noch ens röch, dann maat’r dat da op, dann dot’r dat do rin und dann kütt dat do russ.’ Philosophisch brillant.

Hat was von Dadaismus. Manche Worte tragen das Versöhnliche auch in sich. Ein „Malörchen“ klingt zum Schmunzeln.

Oder „Fisternöllche“... selbst wenn es im Ergebnis dasselbe ist, würde der Kölner niemals von einer Affäre sprechen.

Andererseits wird dem kölschen Humor auch immer etwas Brachiales vorgeworfen.

Das wird gefördert durch diese schrecklichen Stimmungsbands, die im Karneval auf die Bühne kommen und ihr ,Seid ihr all jot drop?’ schmettern. Die schreiben ihre Texte mit dem Holzhammer, und die klingen immer gleich: Mir sinn, wie mer sinn, un so wie mer sinn, simmer perfekt! Das ist aber kein Humor. Das ist Ballermann.

Der Pädagoge Jürgen Bennack hat mal geschrieben: Der kölsche Humor will das kölsche Milieu pflegen, Konflikte mindern und versöhnen.

(überlegt) Stimmt, Humor tröstet. Das ist aber nicht nur in Köln so. Wenn der Trauerredner auf einer Beerdigung die Angehörigen zum Lachen bringt, tröstet das enorm. Einfach, weil Humor Distanz schafft und man dadurch die Dinge von oben betrachtet wie aus einem Flugzeug. Das Große wird klein, auch die Tragik. Das ist in Westfalen aber auch nicht anders. Also müsste man zunächst analysieren, was Humor ist und dann destillieren, was daran spezifisch kölsch ist.

Fangen wir an.

Gut, Humor ist zunächst eine Fehlinformation ans Gehirn. Einfaches Beispiel: Dick und Doof, die Torte im Gesicht – die gehört da nicht hin. Lustig. Torte auf dem Kaffeetisch, richtig, da lacht niemand. Das Falsche macht den Witz: ,Ein Vampir fährt allein auf dem Tandem und gerät in eine Polizeikontrolle. Fragt der Beamte: Haben Sie was getrunken? – Ja, zwei Radler.“ Warum lacht man da? Das Gehirn kann die zwei Bedeutungsebenen des Wortes Radler nicht richtig einordnen und spürt, da stimmt etwas nicht, irgendwas ist falsch. Durch die Spannung überlegt es: Muss ich fliehen? Nein. Muss ich angreifen? Nein. Also wird die Spannung abgebaut, und zwar ins Zwerchfell...

... und das Kölsche daran?...

Zum Spielerischen des Humors gehört die Bereitschaft, das Falsche zuzulassen. Wenn in einer Stadt nun besonders viel falsch läuft, üben die Bürger das permanent und können sich dann dadurch mit Humor wappnen. Und dann sind wir in Köln. In Düsseldorf ist alles in Ordnung, da kosten die Kindergärten nix, die Stadt hat keine Schulden, da muss kein Mensch lachen (lacht). Die Torte steht quasi auf dem Kaffeetisch. Düsseldorf macht Sinn. Humor braucht aber den Unsinn. Weshalb die Juden eine riesige Sammlung von Witzen haben, die dort zur Allgemeinbildung gehören. Diese Religion hat so viele Regeln und Gesetze, die können sie kaum einhalten, die müssen sie mit Humor umgehen.

Der Katholizismus hat auch einiges zu bieten.

Auch da gibt es viele unsinnige Verbote, zum Beispiel Kondome, das Zölibat. Durch den Humor erst wird das lebbar: Ein Pfarrer und seine Haushälterin teilen sich das Schlafzimmer. Vom Bischof daraufhin zur Rede gestellt, sagt der Pfarrer: ,Wir haben den Raum sauber quer über das Ehebett mit Kreppband in zwei Hälften geteilt. Wer auf die andere Seite des Zimmers geht, zahlt 10 Cent Strafe. ,Na, das ist ja nu nicht viel’, meint der Bischof. ,Och’, meint der Pfarrer, ,dat läppert sich aber zusammen.’ Erst der Unsinn des Zölibats ermöglicht den Witz.

Für viele gehört auch Selbstüberhöhung und die Abgrenzung zum kölschen Humor dazu. Gerne natürlich gegen Düsseldorf gerichtet. Muss das eigentlich sein?

Wer man selbst ist, erkennt man erst, wenn man die andern sieht. Und da fällt ein Unterschied ins Auge: Der Düsseldorfer hält es prinzipiell für möglich, dass es woanders auch schön ist. So muss er sich seine Stadt nicht schön saufen oder singen...

Über Tünnes und Schäl müssen wir noch sprechen. Wie viel von diesen Figuren liegt im kölschen Humor?

Der Psychologe und Brauchtumsforscher Wolfgang Oelsner hat Tünnes mal als den Triebhaften und Schäl als den Verstandesmenschen, der auch listig taktiert, beschrieben. Jeder von uns habe beide Elemente in sich. Das stimmt wohl. Aber in Köln hat der Tünnes natürlich mehr Sympathien. Deswegen klappt das ja nicht mit der U-Bahn (lacht). Wenn ganz Deutschland so organisiert wäre wie die Stadt Köln, hätten wir italienische Verhältnisse. Oder anders gesagt: Rom ist ein Vorort von Köln, und Köln funktioniert nur wegen der stabilen Verhältnisse um uns herum.