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Kölnische Rundschau | Kölsche Eckkneipe: Hommage an die vergehende Trinkkultur
01. November 2013
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Kölsche Eckkneipe: Hommage an die vergehende Trinkkultur

Köln -

Uschi hat ein großes Herz. An ihrer holzgetäfelten Theke finden sie alle ein Plätzchen: die zockenden Rentner Manni, Erich und Bernd, Akos, der traurige Grieche, und der liebeskranke Gerd, das ehemalige Mannequin und ein alterndes Pärchen, das sich jeden Tag nach dem Einkauf einen Korn genehmigt. Der gläubige Boxer, ein dösender Zecher und der spielsüchtige Bäcker: Uschi hat für jeden ein offenes Ohr, ein kühles Kölsch und ein paar warme Worte. Sie ist eine Institution. Ein zweites Zuhause für viele Veedels-Gestalten. Und sie stirbt einen langsamen Tod.

Dafür, dass Uschi’s Kölschkneipe op dr Eck nicht vergessen wird, sorgen Patrick Essex und Manuel Preuten. Der Fotograf und der Journalist haben ihr mit einem Bildband (ab heute im Handel) über die typische Kneipe und ihre Stammgäste ein Denkmal gesetzt. Dabei steht „Uschi’s Eck“ als fiktive Gaststätte stellvertretend für über 80 Veedelskneipen, durch die sich die beiden Kölner ein Jahr lang gekämpft haben. Sie haben die letzten Tage der Kneipen und ihrer Bewohner nicht nur mit der Kamera begleitet. Essex und Preuten haben stundenlang getröstet, erklärt und diskutiert, fliegende Fäuste und blutige Nasen gesehen, literweise Bier getrunken und sind oft bis über die letzte Runde hinaus geblieben. „Unter zehn Kölsch ging nix“, verrät Manuel Preuten. So lange hat es meistens gedauert, bis die eingeschworene Thekengemeinschaft den Neulingen ihre Herzen ausgeschüttet hat. Mindestens fünf Kilo haben beide zugenommen – ein kleines Opfer für eine große Hommage an die vergehende Trinkkultur.

Diese Trinkkultur lassen Essex und Preuten im Museum für verwandte Kunst drei Wochen lang wieder aufleben. An der selbst gebauten, mit dunklem Holz vertäfelten Theke kommen Hermann, Willi, Liesel und Fritz wieder zusammen. Lebendige Objekte in einer lebenden Ausstellung sozusagen, vor dem Gedanken, dass die gute alte Kölschkneipe bald ins Museum gehört. Für die Vernissage heute Abend und die Museumsnacht sollen in Uschis fiktiver Eckkneipe Kölsch, Korn und Kabänes fließen. Damit auch authentisches 80er-Jahre-Flair aufkommt, haben die Künstler alles aufgetrieben, was unbedingt dazugehört: gelbstichige Barhocker und -tische aus Holz, einen alten Spielautomaten, Stammtisch-Aschenbecher und die „hübsch-hässlichste Schnapsgläser-Kollektion“, die sich finden ließ.

„Die Grenze zwischen Museum und Kneipe soll verwischen“, wünscht sich Patrick Essex. Deswegen ist die Hängung der etwa 50 originalen Schwarz-Weiß-Fotografien auch alles andere als museal. Kleinformatige Bilder in altbackenen Messing-Rahmen hängen kreuz und quer zwischen großen, ausgewählten Porträts. Zu den ausdrucksstarken Fotos gesellen sich tragisch-komische Anekdoten, bierseelige Zitate und berührende Lebens- und Leidensgeschichten. „Wir haben erst überlegt, im Buch ein paar fiktive Geschichten unterzumischen“, erinnert sich Preuten. Diesen Gedanken haben die beiden nach den ersten Kneipentouren allerdings schnell verworfen: „Die besten Szenen erlebst du in der Kneipe. So was kannst du dir nicht ausdenken.“

Wie die Erkenntnis, dass James Dean „mit seinen kleinen Ärmchen“ gegen die echten Kölner Milieu-Kerle doch ne ziemliche Lusche war, zum Beispiel. Und dass die tragische Liebe zu Prostituierten meistens mit einem gebrochenen Herzen endet – vor allem dann, wenn man sogar seine Modelleisenbahn für die Dame zu Geld macht. „Wir haben viele interessante Menschen kennengelernt und sind warmherzig aufgenommen worden“, blicken die beiden zurück. „Es ist schade, dass die Kneipenkultur langsam ausstirbt. Welche 30-Jährigen gehen denn in echte Kölsch-Kneipen?“

Das wollen Essex und Preuten ändern: Für die Partyreihe „Wilde Uschi“ bringen sie junges Publikum und traditionelle Eckkneipen bei Kabänes und Bierpogo-Pop zusammen. Der Auftakt ist heute um 22 Uhr Em Gumprecht Eck, Venloer Straße/Ecke Gumprechtstraße. Vorher gibt’s zur Einstimmung ab 17 Uhr Vernissage und Buchvorstellung im Museum für verwandte Kunst, Genter Straße 6. Die Ausstellung geht bis zum 24. November. Und in der Museumsnacht am 9. November gibt’s vielleicht noch ne Frikadelle dazu, nicht nur für Manni, Erich und Bernd.