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Rosenmontag trotz Sturmwarnung: Kölsche Jecke von der Sonne gebützt

Jecke im Sunnesching

Jecke im Sunnesching

Foto:

Belibasakis

Köln -

Wie oft er fotografiert worden ist, weiß Walter Holland (75) nicht, er musste sich schließlich aufs Kamellewerfen konzentrieren. „30 Beutel, jeder 30 Euro“, sagt der Rote Funk stolz, als er von zwei Pagen am Zugende durch die Mohrenstraße gezogen wird. Er thront auf einem hölzernen Strafesel, für die internationale Presse, die dieses Mal reichlich vertreten ist, ein Bild mit Symbolcharakter, schließlich sieht das Gefährt aus wie ein Pferd, und die echten Gäule stehen derweil im Stall. Am Ende wird es heißen, der Wetterdienst habe mit seiner Unwetterprognose wohl ein wenig die Pferde scheu gemacht.

Als hätten die Wolken ein Einsehen, hört es mit Beginn des Zugs auf zu schütten. „Vor der Severinstorburg haben wir unsere Hüte und Kostüme vom Cellophan befreit“, sagt Elmar Görtz vom Rosenmontags Divertissementchen erleichtert. So schnell wie die Zugteilnehmer können viele Jecke nicht mehr reagieren. Vor allem am Vormittag ist teils ungewohnt viel Platz am Rand des Zugwegs. Wer den Warnungen trotzt, wird mit reichlich Kamelle belohnt. Einige Jecke an der Severinstraße haben schon nach drei Gruppen ihre Tüten voll.

500 Pferde sind in Ställen geblieben

Trotz Sonne und blau-grauem Himmel ist der Kölner Rosenmontagszug 2016 ein Zug mit großer Hypothek: Virulente Terrorfurcht, die Silvester-Nachwehen samt riesigem Polizeiaufgebot und verschärftem Sicherheitskonzept. Am Dom knattert unentwegt ein Polizeihubschrauber, so als gelte es, ein Krisengebiet zu sichern. Unten auf der Straße wölben sich die Jacken mancher Beamten derweil vor lauter Strüßjer. Und dann auch noch das Wetter. Etwa 500 Pferde sind in ihren Ställen geblieben. „Das kann gerne jedes Jahr so sein, für die Tiere ist es besser und man muss nicht so auf die Kinder aufpassen“, findet Judith Pietsch, Lappenclown, „geboren am 11.11.“, wie sie betont.

Über Nacht hatten die Altstädter noch Traktoren aufgetrieben, um diese vor die Pferdefuhrwerke zu spannen. Auch die Blauen Funken haben Ersatz für ihre Fuhrwerke gefunden und fahren nun auf Festwagen der KG Brühl-West und der Ehrengarde Efferen durch Köln. Das hat ein wenig Vorort-Charme. Zwischendurch winken die Reiter-Korps der Großen Kölner und der Ehrengarde trotzig mit Steckenpferden ins närrische Volk.

Dreimal ist Merkel vertreten

Während in Düsseldorf die Persiflagewagen vor dem Rathaus präsentiert werden und in Mainz ganz in der Garage bleiben, gebührt die Aufmerksamkeit an diesem Rosenmontag ausschließlich den Kölner Wagenbauten. Gleich dreimal ist die Bundeskanzlerin vertreten, als Nussknacker, der sich an der Flüchtlingspolitik die Zähne ausbeißt, ein zweites Mal sehr resigniert mit gesenkter EU-Fahne und schließlich mit dicken Tränen in den Augen, verspottet vom neuzeitlichen Zeus Alexis Tsipras.

Die politische Gemengelage nutzen auch viele Jecke am Straßenrand als Kostümvorlage. Zwei weiße Gestalten sind als „Schneegida“ unterwegs und geißeln die „Lügenpresse“, die behauptet, im Winter sei es kalt. Eine Hippie-Frau fordert auf einem Schild: „Make Alaaf, not war“. Oder auf Deutsch: Karneval statt Krieg.

Reker wirft fröhlich Kamelle

Applaus am Streckenrand gibt es aber vor allem für die vielen kölschen Motive. Viel davon heimsen die Roten Funken ein, die auf dem Wagen stehen dürfen, der den Dom als Pissoir-Kathedrale zeigt. Dann fährt Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Funken-Ornat an den Menschen vorbei und wirft fröhlich Kamelle.

Vieles ist halt doch wie immer. Spielmannszüge aus der Region und auch den Niederlanden trommeln und posaunen kölsches Liedgut, zu dem bei mancher Kapelle auch noch das Uralt-Stück „Rucki zucki“ gehört. Die Kostümierten rufen „Kamelle“ und „Wir woll’n euch tanzen sehen“– dann fliegen abwechselnd Schokolade und Tanzmariechen durch die Luft. Weil der Zug schon um 10 Uhr gestartet ist, erreicht sogar Prinz Thomas II. noch im Hellen das Ziel.

Am Zugende herrscht schließlich Erleichterung. „Da hatten wir Glück, in Düsseldorf werden sie sich ärgern“, sagt ein Funk – wohl wissend, dass an diesem Tag nur in Köln weitgehend Narrenfreiheit herrscht.