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Rosenmontagszug 2016: Der Dom als stilles Örtchen

Köln -

Henriette Reker darf sich erleichtert zurücklehnen. Die Kölner Oberbürgermeisterin wird zwar auf einem Persiflagewagen im Kölner Rosenmontagszug verewigt, allerdings haben die Karikaturisten darauf verzichtet, die Steilvorlage ihres „Immer eine Armlänge Abstand“-Tipps, den sie nach den Silvester-Übergriffen für Frauen parat hatte, in ein bissiges Wagenmotiv zu verwandelt. Statt dessen ist Reker zu sehen, wie sie das Rathaus auf den Kopf stellt und ordentlich durchschüttelt, so dass Amtsschimmel und Filz rauspurzeln.

So lokal wie der Zug dieses Jahr sein wird, war er schon lange nicht mehr, das steht nach der Präsentation der Wagen durch das Festkomitee fest. Die Nachwehen der unappetitlichen Silvesternacht werden mit einem simplen, wie wirkungsvollen Kniff behandelt. „Sehstörung“ nennt sich ein Wagen, auf dem eine runzelige Mutter Colonia die Stadt durch die Reste einer zerbrochenen rosaroten Brille betrachtet – ein Stimmungsbarometer in Pappmaché. Ein anderer Wagen zeigt einen komplett verkabelten Jeck auf dem Behandlungsstuhl bei der „Intoleranz-Messung“.

Schnell verständlicher Humor

„Wagen mit Pfeffer“ seien dabei, urteilt Christoph Kuckelkorn, der Zugleiter, und wirkt sehr zufrieden. Die Abteilung Weltpolitik ist klein, aber bissig. Die Bundeskanzlerin wird zum Nussknacker und beißt sich an der Flüchtlingsproblematik zwei Zähne aus. Auf einem anderen Motivwagen rufen die Wagengestalter die „Merkelcholia“ aus und zeigen die Kanzlerin resigniert mit gesenkter EU-Fahne. Die Machthaber Kim Jong-un (Nordkorea), Vladimir Putin (Russland) und Baschar al-Assad (Syrien) mutieren zu „Scheinheiligen“. Und auch der gesperrte Fifa-Boss Sepp Blatter hat es auf einen Wagen geschafft – mit der einen Hand wehrt er den Videobeweis ab, mit der anderen nimmt er hinterrücks Schmiergeld an. Das ist giftiger Humor, der sich den Zugbesuchern bei der Vorbeifahrt der Wagen sofort erschließen dürfte.

„Stadt und Politik haben Themen genug geliefert“, sagt Kuckelkorn, und die Kreativköpfe vom „Kommando Kritzelköpp“, wie sich die Wagen-Karikaturisten neuerdings nennen, haben genüsslich in der lokalen Themenkiste gewühlt. „Du pisst Kölle!“ ätzen sie und versehen den mürrisch dreinblickenden Dom zum Schutz vor den Wildpinklern mit unzählige Pissoirs. Auf einem anderen Wagen sind die Intendanten von Oper und Schauspiel als Straßenkünstler mit der „Wander-Oper“ unterwegs. „Aida morgen bei Schmitz“, heißt es sarkastisch zum Bauchaos. Und aus der Hubschrauberstation auf dem instabilen Kalkberg wird kurzerhand die U-Bahn-Station „Kalk/Heliport“.

Unterirdische Hubschrauberstation

So geht das munter weiter, die Heinzelmännchen werden zu „Heinzelmessies“ und zerlegen Dom, Oper und Rheinbrücken. Im Rathaus wehren viele kleine Könige jede Verantwortung ab, bis ein kleiner Jeck von dieser begraben wird. Und zwei reumütige VW-Chefs klopfen zur „Fort-Bildung“ beim Kölner Autobauer Ford an – den Sponsor des Festkomitees wird’s freuen. Weil nun auch der Rheinboulevard fertig gestellt ist und die rechte Rheinseite immer schicker wird, hievt ein Kran kurzerhand den Dom über den Fluss.

Etwa eine Million Besucher werden dieses Jahr wieder zum Rosenmontagszug erwartet. „Ich erwarte einen ausgelassenen Straßenkarneval, denn der Karneval verläuft oft azyklisch zur gesellschaftlichen Situation“, sagt der Zugleiter. Um dem Motto „Mer stelle alles op der Kopp“ gerecht zu werden, habe man gar überlegt, das Dreigestirn vorne fahren zu lassen. „Aber aus dramaturgischen Gründen geht das nicht“, erklärt Kuckelkorn. Etwas kürzer soll der Zug werden – damit auch der Prinz noch im Hellen ankommt.


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