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Verkehr: Vier Poller und ein Irrweg

Poller

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Belibasakis

Köln -

Als Dirk Strottas Arbeit endlich auf dem Tisch lag, gab es im Theo-Burauen-Saal kein Halten mehr. Von einer „Vorlage aus Absurdistan“ sprachen die einen, von „Larifari“ die anderen, von einer „Posse“, die nun beendet werden müsse.

Vom Oberbürgermeister wurde das Zitat überliefert, „nicht einmal der Kardinal und der OB befahren den Roncalliplatz“. Dirk Strotta war nicht im Saal, aber irgendwo saß er – und fühlte sich vermutlich ziemlich allein mit seinen Pollern.

„Maßnahmen zum wirksamen Schutz“

Vor gut zwei Jahren hatte der Ausschuss Allgemeine Verwaltung und Rechtsfragen die Verwaltung beauftragt, „Maßnahmen zum wirksamen Schutz des Roncalliplatzes“ zu suchen. Weil es durch schweren Verkehr immer wieder zu Schäden an den Bodenplatten und hohen Instandsetzungskosten gekommen war, wollte die Politik das Befahren auf ein „Mindestmaß“ reduzieren. Teil der Prüfung sollte auch die Absperrung mittels automatisch versenkbarer Poller sein.

Die Politik erkennt ein Problem und beauftragt die Verwaltung, Lösungsvorschläge zu erarbeiten. So funktioniert eine Stadt üblicherweise. Wenn es gut läuft. Die Verwaltung muss dann berichten und beurteilen, was sie durch Knöllchen einnimmt, ob Kreisverkehr hier oder da sinnvoll ist oder ob eine Polleranlage zur Absperrung taugt. Die Verwaltung, das war in diesem Fall Dirk Strotta.

Der 33-jährige Bauingenieur ist ein gemütlicher Mensch. Blaues Hemd unterm Strickpulli und offenbar nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Seit drei Jahren arbeitet er im Amt für Straßen und Verkehrstechnik, Abteilung Ausführung, Amtsstelle 662/4. Von seinem Schreibtisch hoch oben im Deutzer Stadthaus hat er einen schönen Blick auf all die Kölner Straßen und Plätze mit all ihren Schlaglöchern und Wurzelschäden. Mit deren Ausbesserung beschäftigt er sich üblicherweise.

Die Anfrage zum Roncalliplatz landete im vergangenen Jahr auf seinem Schreibtisch. Der benachbarte Heinrich-Böll-Platz war bereits mit schlichten Absperrstangen verriegelt worden, aber ohne durchschlagenden Erfolg. Oft liegen die Poller daneben, werden mit Vierkantschlüssel geöffnet oder einfach umgetreten. „Nicht zielführend für den Roncalliplatz“, urteilte Strotta, zumal die Gemengelage hier ungleich komplexer ist.

Der Roncalliplatz ist Kölns bekanntester Platz. Hier haben bereits Bill Clinton und Boris Jelzin zum Foto posiert, der Papst und ungezählte Kardinäle. Der Dompropst ist ebenso Anlieger wie die Dombauhütte, die Buchhandlung Kösel, das Römisch-Germanische Museum und das Dom-Hotel. Das war die Ausgangslage. „Wir können da nicht einfach unsere Poller hinstellen“, sagt Strotta. Auch die Feuerwehr hat ihre Anforderungen. „Und es bleibt ein Akt der Straßenverkehrsordnung.“ Und unter dem Platz liegt eine Tiefgarage. Da geht schon mal kein Poller. Zumindest kein versenkbarer.

Absenkbare Poller sind nämlich der letzte Schrei der städtischen Abriegelungstechnik. Strotta hat die Prospekte studiert, von der Firma „Debuschewitz“ etwa, die unter der Überschrift

„Die wiedergewonnene Straße“ für ihre Produkte wirbt. Das elektrisch betriebene Modell „Metropole“ zählt auch dazu. Bis zu 60 Zentimeter hoch ist dieses Wunderwerk der Zufahrtskontrolle, mit Führung aus Edelstahl, Schalung aus Fiberglas und drei Sekunden Ab- und Aufsteigezeit. Es gibt auch andere Modelle, mit Ölhydraulik: sehr exklusiv, aber ungemein störanfällig. Vor dem Hauptbahnhof sind die Poller „Metropole“ schon zu bewundern. „Mehr kaputt als sonst was“, heißt es im Stadthaus. Weil Autofahrer einfach dagegen fahren. Im letzten Jahr fielen 16 000 Euro für Reparaturkosten an. Trotz Sollbruchstellen.

120 000 Euro würden die Installation von zwei Anlagen mit vier Pollern zur Sperrung des Roncalliplatzes kosten. Sie würden an der Straße „Am Hof“ und Am „Wallrafplatz“ stehen. Ein teurer Spaß, und schon für diese Kosten hat sich Strotta mit seiner Vorlage 2288 im September Ohrfeigen vom Ausschuss gefangen. Die Anlage erlaube eine flexible Verriegelung, wehrt sich Strotta, das wünsche doch die Politik. Die Technik koste eben.

Dummerweise war damit nicht die Frage der Aufsicht geklärt. Im Rheinauhafen stehen versenkbare Poller, die mit einer Videokamera überwacht werden. Von einem Kontrollschirm lässt sich wunderbar beobachten, ob unerwünschter Besuch heranrollt, praktisch und kostengünstig. „Wäre schön gewesen“, sagt Strotta. „Am Roncalliplatz befinden wir uns aber im öffentlichem Straßenland. Der darf nicht videoüberwacht werden.“ Er hat sich eigens mit dem Datenschutzbeauftragten getroffen. Keine Chance.

Die vier Poller sind längst Chefsache

Also blieb die Frage der Zufahrtsregelung. Mit einer Magnetkarte wäre Missbrauch Tür und Tor geöffnet, findet Strotta, denkbar wäre eine Fernsprechanlage zur Zentrale des Stadthauses oder zu einer externen Stelle. „Aufgrund der vielfältigen Anforderungen am Platz“ sollte die 24 Stunden am Tag besetzt sein, schrieb er in an die Politik. Betriebskosten: 100 000 bis 200 000 Euro pro Jahr. Irgendjemand müsse schließlich ernsthaft prüfen, ob nicht jemand unzulässigerweise auf den Platz fahren will.

Zu Strottas Pollerforschung zählte auch die stichprobenartige Erfassung der Fahrten: Am 4. Oktober etwa rollten 128 Autos auf den Platz, und fünf Tage später waren es 183. Ganz schön viel. Auf den Pollerwächter käme also ein schweißtreibender Job zu. Die meisten Fahrer wollten zum Dom-Hotel, und das ist noch so ein Problem in dieser Gemengelage. Viel spricht dafür, dass sich dies an den andern 363 Tagen im Jahr ähnlich verhält. Vor 15 Jahren hat der Rat in der Widmung des Roncalliplatzes die Zu- und Abfahrten für Besucher des Dom-Hotels ausdrücklich zugelassen. Die Gäste dürfen nicht parken, aber die Koffer ein- und ausladen. Klaus Harzendorf, Leiter des Amtes für Straßen und Verkehrstechnik, will zu Beginn des neuen Jahres neben dem Dompropst auch den Hoteldirektor konsultieren. Die vier Poller sind längst Chefsache.

Auftrag ist Auftrag

Nun könnte man fragen, warum die Politik überhaupt anstrebt, einen Platz abzuriegeln, über den pro Tag bis zu 400 An- und Abfahrten rollen. Möglicherweise wäre es zielführender, den Schwerlastverkehr gezielt ins Visier zu nehmen. Ohne Poller. „Das haben wir uns auch gefragt“, sagt Klaus Neuenhöffer. Er ist Sachgebietsleiter im gleichen Amt und Strottas Chef. Er habe diese Bedenken durchaus zu Protokoll gegeben. Das ist nun schon zwei Jahre her. Aber Auftrag ist Auftrag.

Bis zum Frühjahr soll Dirk Strotta nun eine neue Vorlage für den Ausschuss erarbeiten. „Dringend überarbeiten“, lautete die letzte Empfehlung der Politik. Mittlerweile füllen die Erhebungen zu den vier Pollern einen Aktenordner. Der junge Ingenieur hat gesprochen mit dem Liegenschaftsamt, der Gebäudewirtschaft, dem Amt für Brücken- und Stadtbahnbau, dem Bauverwaltungsamt, dem Stadtraummanagement und der Straßenverkehrsbehörde. Er kennt sich jetzt ganz gut aus. Ob es denn sein könnte, dass am Ende in dem Papier der simple Schluss steht, dass es einfach keinen Sinn macht, den Roncalliplatz abzuriegeln? Neuenhöffer sagt: „Könnte sein.“