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Kölnische Rundschau | Zusammenstehen: Birlikte soll auch weiterhin gelten
09. June 2014
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Zusammenstehen: Birlikte soll auch weiterhin gelten

hingen über der Keupstraße. Tausende Besucher kamen schon am Sonntag zu „Birlikte. Zusammenstehen“, feierten auf der Straße, verfolgten das Programm, das an den Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 erinnerte.

hingen über der Keupstraße. Tausende Besucher kamen schon am Sonntag zu „Birlikte. Zusammenstehen“, feierten auf der Straße, verfolgten das Programm, das an den Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 erinnerte.

Köln -

Vor der Hauptbühne an der Keupstraße drängen sich die Menschen. Gemeinsam zählen sie den Countdown hinunter, dann werden die Kästen auf der Bühne geöffnet. Weiße Tauben fliegen über ihre Köpfe. Das Bild ist „ein bisschen kitschig, aber das ist Keupstraße“, sagt Meral Sahin. Mit mehreren Seiten Papier ist die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße auf die Bühne gegangen, um „Birlikte. Zusammenstehen“ zu eröffnen. Gemeinsam steht sie dort unter anderem mit Oberbürgermeister Jürgen Roters und Avni Karslioglu, dem türkischen Botschafter in Deutschland. Sie schaut auf tausende Menschen und legt ihre Notizen weg. „Ich wollte so viel vorlesen. Aber ich bin überwältigt“, sagt sie.

Meral Sahin ist stolz, dass alles geklappt hat, dass so viele an der Verwirklichung der Veranstaltung gearbeitet haben. An dem Fest, das von Kontrasten lebt. Es wird gefeiert. Über der Keupstraße hängt der Dampf unzähliger Grillstände. Die Besucher probieren süßes Halka-Gebäck, herzhafte Gözleme und Börek. Überall ist Musik, türkische, deutsche, von HipHop bis Folklore. Es wird gemeinsam gelacht, spontan getanzt.

In brütender Hitze stehen Menschen wie Muzaffer Gül und seine Schwester Leyla Schlange, um den deutsch-türkischen Kabarettisten Fatih Cevikkollu zu hören. Ein paar Häuser weiter stehen Väter mit ihren Kindern an, um ein Foto von sich mit Torwartlegende Toni Schumacher machen zu lassen. Es gibt Bücher zu kaufen, Schmuck und Torten-Kunstwerke der Feinkonditorei Hasan Özdag. Auch eine Marzipan-Welt, auf der verschiedenste Menschen gemeinsam sitzen: Birlikte zum Naschen.

Feliz Kara ist mit ihrem Mann Mustafa gekommen. Sie wohnt in Flittard, aber bis 2005 lebte sie in der Keupstraße. Mehrfach in der Woche ist sie hier bei ihrer Familie. „Diese Kulturmischung, das ist einfach toll“, ist sie begeistert. „Es ist wie eine Wiedergeburt“, fügt Zelda Singh hinzu.

Denn allgegenwärtig sind die Erinnerungen an das Nagelbombenattentat vom 9. Juni 2004. „Bei all dem Festlichen, Gemütlichen, Geselligen dürfen wir den traurigen Anlass nicht vergessen. Den Nagelbombenanschlag der NSU. Gezielt gegen Türken“, macht der türkische Botschafter Avni Karslioglu bei der Eröffnung deutlich. An der Ecke Holweider Straße wird der „Engel der Kulturen“, ein Symbol für das Zusammenleben aller Religionen und Kulturen, im Boden verlegt. Vor dem Fenster des Friseursalons Özcan in der Keupstraße 29 lehnt ein Fahrrad, aus Pappe nachgebaut. Genau hier explodierte damals die Nagelbombe. In den Schaufenstern hängen großformatig die Bilder, die zeigen, wie es unmittelbar nach dem Anschlag aussah. Im Hinterhof gegenüber lesen das Ensemble des Schauspiel Köln und Kölner Bürger Protokolle des NSU-Untersuchungsausschusses vor. „Die Opfer konnten nicht trauern, sie mussten sich stattdessen mit Vorwürfen auseinandersetzen“, heißt es dort.

Für Abdullah Özkan ist es kein leichter Tag. Der 39-jährige Elektroinstallateur wurde bei dem Anschlag verletzt, zugleich verdächtigt, über mehrere Stunden nach dem Anschlag vernommen. „Normalerweise kann ich gut darüber reden, aber heute bin ich sehr nervös“ sagt er, während er an verschiedenen Stellen in der Keupstraße genau das tut – über seine Verletzungen, das Trauma, das jahrelange Schweigen, den Selbstmord eines Nachbarn, der all das nicht mehr ertragen konnte, zu reden.

Mitat Özdemir, Ehrenvorsitzender der IG Keupstraße, freut sich über das große Interesse, das Gedränge. Und er spricht Menschen gezielt an: Waren sie schon einmal hier? Welchen Eindruck haben sie von der Keupstraße? Es sind viele gekommen, die noch nie hier waren. Renate Vick ist eine von ihnen. „Ich habe von dem Programm gelesen, war neugierig, bin heute zum ersten Mal hier.“ Das Angebot und die Vielfalt gefallen ihr.

Genau das hoffen die Menschen in der Keupstraße zu erreichen. Oder wie Meral Sahin es sagt: „Bleibt auch nach dem Fest. Habt keine Angst, wir wollen auch keine haben.“ Das ist die größte Hoffnung: Dass Birlikte auch heute noch gilt. Und morgen.


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