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Hamid aus Afghanistan: „Eigentlich besteht mein Leben aus Nichts“

Flüchtlinge tragen ihren Habseligkeiten zu den Unterkünften in Deutschland. (Symbolfoto: dpa)

Flüchtlinge tragen ihren Habseligkeiten zu den Unterkünften in Deutschland. (Symbolfoto: dpa)

Wipperfürth -

In Afghanistan war Krieg. Sie wollten nicht weg, aber sie hatten Angst. Als Hamid zehn Jahre alt war, flüchteten seine Eltern mit ihm in den Iran. Für eine Flucht weiter weg war kein Geld da. Dort waren sie sicher, zumindest für den Moment. Es war ja nicht für immer. Die Lage in Afghanistan würde sich schon wieder beruhigen. Hamid ging im Iran in die Schule, nur, bis die Familie wieder nach Hause konnte. Dann studierte er Informatik und machte ein eigenes Geschäft auf, reparierte Computer. Auf einmal waren 17 Jahre vergangen und in Afghanistan herrschte immer noch Krieg. Und im Iran war Hamid nicht mehr sicher. Sie schlossen sein Geschäft, wollten Hamid zurück nach Afghanistan schicken. Er sollte in seinem Land kämpfen. Doch Hamid wollte nicht kämpfen, nicht im Krieg sterben.

Die Familie traf eine Entscheidung. Hamids Mutter verkaufte ihren Schmuck an einen Juwelier. Zusammen mit dem, was er gespart hatte, reichte das Geld, um Hamid die Reise nach Europa zu finanzieren. Erst ging es in die Türkei. Dann wurden er und andere Flüchtlinge auf eines dieser Schiffe geladen, die man in den Nachrichten sieht, meistens, wenn sie untergehen. Hamid hatte Angst. Die anderen Flüchtlinge auch. Aber sie sagten einander: Entweder wir sterben hier oder wir schaffen es nach Europa.

Sie schafften es nach Europa. Hamid gelangte sogar bis nach Deutschland, dem Land, in dem seine Großmutter seit 25 Jahren lebte. Endlich konnte seine Zukunft beginnen, schließlich war er jung, gut ausgebildet und bereit, sich in Deutschland etwas aufzubauen. Auf einem Foto, das kurz nach seiner Ankunft aufgenommen wurde, sieht man einen lächelnden 28-Jährigen mit vollem Haar. Mittlerweile ist es ihm ausgefallen.

Kurz nach Hamids Ankunft starb seine Großmutter. Er wurde nach Wipperfürth geschickt. Das war vor dreieinhalb Jahren. Seitdem wartet Hamid. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, der Krieg in Afghanistan wurde ja für beendet erklärt. Nur kann Hamid nicht so leicht abgeschoben werden, denn er besitzt keinen Pass. Als er mit 10 Jahren aus Afghanistan floh, hatte er keine Papiere. Hamid erzählt, dass er im afghanischen Konsulat war. Dort konnte ihm niemand helfen. Viele Archive in Afghanistan sind zerstört. Es könne nicht nachgewiesen werden, dass er wirklich Hamid, dass er überhaupt Afghane sei. Hamid ist staatenlos. „Ich bin wie ein Tier“, sagt er. „Ich habe ein Dach über dem Kopf. Und Futter. Aber ich kann nichts machen.“ Hamid spricht gut Deutsch. Ein Sprachkurs wurde ihm bewilligt, der für Fortgeschrittene aber nicht. Er wird nur geduldet, hat kein Anrecht auf weitere Sprachkurse. Ebenso wenig auf eine Krankenversicherung, ein Konto oder Arbeit.

Hamid sitzt seine Zeit ab, von der keiner weiß, wie lange sie noch dauern wird oder wie sie endet. Er hat Angst vor der Polizei. Nachts kann er nicht schlafen, weil er sich vorstellt, wie sie in seine Wohnung kommen und ihn mitnehmen.

Die alltägliche Angst vor der Abschiebung

Hamid ist wegen Depressionen in Behandlung. Er macht eine Arbeitstherapie, steht den ganzen Tag an einer Maschine. Eintönig, sagt er, aber besser, als Zuhause zu sitzen. Da sei ja nichts. Und eigentlich bestehe sein Leben auch aus nichts: „Ich bin 32 Jahre alt, ich habe keine Frau, keine Kinder, keine Arbeit.“

Hamid will nicht fotografiert werden, denn die Menschen reagieren ablehnend, wenn sie hören, dass er Asylbewerber ist. Auch seinen Namen will er nicht in der Zeitung sehen. Doch zum Ende des Gesprächs gibt er sich einen Ruck. „Nennen Sie meinen richtigen Namen“, sagt er. „Ich bin sowieso der einzige afghanische Asylbewerber in Wipperfürth.“