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Mutterschaf in Oberagger gerissen: Schäfer fürchten die Rückkehr des Wolfs

Der Wanderschäfer Wolfgang Motzkau sorgt sich um seine Herde, nachdem bei Oberagger ein Tier gerissen wurde. (Foto: Siegfried-Hagenow)

Der Wanderschäfer Wolfgang Motzkau sorgt sich um seine Herde, nachdem bei Oberagger ein Tier gerissen wurde. (Foto: Siegfried-Hagenow)

Oberagger -

Es war ein grausiger Anblick, der sich dem Gummersbacher Wanderschäfer Wolfgang Motzkau bot, als er am Dienstagmorgen auf die Weide bei Reichshof-Oberagger kam, wo seine Schafe über Nacht eingepfercht waren: Ein Mutterschaf mit blutig zerfetzter Kehle lag tot im Gras, drei Lämmer fehlten. „So was habe ich in all den Jahren noch nie gesehen“, seufzt der 52-jährige erschüttert. „Am Abend um 21.30 Uhr habe ich noch nach der Herde geguckt, da war alles in Ordnung.“ In der Nacht müsse ein Raubtier eingedrungen sein – ein großer wildernder Hund. Oder war es ein Wolf?

Gerd Dumke, Bezirksvorstand beim Schafzuchtverband NRW will das „nicht auszuschließen“. Ein Hunderiss sehe anders aus. Auch Schäfer Motzkau hat schon mehrfach erlebt, dass wildernde Hunde, die Schafe gehetzt und in die Hinterläufe gebissen hätten. Tierärztin Cordula Koch, die sich bei gesundheitlichen Problemen um die Herde kümmert, ist ebenfalls schockiert über die schweren Verletzungen: „Mein erster Gedanke war: ,Krass! Richtet ein Hund wirklich sowas an?’“

Das Kreisveterinäramt leitete, vom Schäfer informiert, denn Fall sofort ans zuständige Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) weiter, und das schickte den für Oberberg zuständigen Wolfsberater Klaus Poppe heraus. „Um Spuren zu sichern und den Fall zu dokumentieren“, erklärt er. Poppe machte Fotos und nahm Proben aus der zerrissenen Kehle des toten Schafs, die nun im Auftrag des Lanuv in einem Speziallabor auf Wolfs-DNA untersucht werden. „Es ist bisher der erste derartige Vorfall in Oberberg“, sagt Poppe. Allerdings gebe es einige Meldungen von Menschen, die hier Wölfe gesehen haben wollen. Dem geht er jedes Mal auf den Grund, sucht nach ausgerissenem Fell an Stacheldrahtzäunen oder Kot – bisher ohne Ergebnis.

Frau will bei Marienheide Wolf gesichtet haben

Auch, ob das Tier, das eine Frau vor zwei Wochen zwischen Marienheide, Wipperfürth und Rönsahl beobachtet hat, ein Wolf war, ist bisher nicht belegt.

Unmöglich ist es aber nicht. In einer Pressemitteilung des Lanuv wird NRW als „Wolfserwartungsland“ bezeichnet: Dort richtet man sich demnach auf eine dauerhafte Rückkehr der vor 180 Jahren ausgerotteten Wölfe aus Richtung Osten ein. Im vergangenen Jahr wurde ein Wolfsriss im Kreis Minden dokumentiert. Bei Siegen wurde ein Wolf mit einer Fotofalle „geblitzt“.

„Wenn man weiß, dass ein Wolf in einer Nacht 40 Kilometer zurücklegen kann, dann ist es möglich, dass ein durchwandernder Wolf durch Oberberg zieht oder ein Jungtier hier eine neue Familie gründen will“, bestätigt Lanuv-Pressesprecher Peter Schütz. Allerdings sei mit derartigen Wanderungen eher im Herbst zu rechnen.

Ein Einzeltier sei schon schlimm genug, findet Gerd Dumke vom Schafzuchtverband, aber ein ganzes Rudel mache gehörig Angst. Er denkt dabei auch an die vielen Hobbyschafhalter in Oberberg, die ihre paar Tiere nur mit drei Reihen Stacheldraht eingezäunt haben. „Der Tisch ist mit 5500 Schafen im Kreis reichlich gedeckt.“

Der Leiter der Kreisverbandsgeschäftsstelle des Naturschutzbunds Oberberg (Nabu), Uwe Hoffmann, hält dagegen: „Die Natur kehrt zurück“. Der Wolf sei streng geschützt, sagt Hoffmann. Man müsse sich gegebenenfalls wie andere Regionen entsprechend darauf einstellen.

Schäfer Motzkau ist sehr besorgt um seine rund 50 Mutterschafe und 40 Lämmer und auch um seine Zukunft. Einen Elektrozaun anschaffen? Herdenschutzhunde? Das übersteige seine Möglichkeiten als kleiner Wanderschäfer bei weitem. Immerhin, rechnet Dumke vor, koste so ein Hund mindestens 3500 Euro.

Der Nabu Oberberg hat für Fälle wie in Oberagger gerade erst eine Elektrozaunanlage angeschafft, die Schäfern im Notfall für einige Tage kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Wenn sich herausstellen sollte, dass tatsächlich ein Wolf am Werk gewesen sein, kann der Schäfer eine Entschädigung beim Land beantragen. Waren es Hunde, deren Besitzer nicht ausfindig gemacht werden kann, bleibt er auf seinem Schaden sitzen.

War es nun ein Wolf oder nicht? Bisher ist das alles allerdings Spekulation. Frühestens in zwei Wochen wird laut Wolfsberater Poppe das Ergebnis der Laboruntersuchung vorliegen.