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Syrer beschützt Frau in Silvesternacht: „Das waren keine Männer, das waren Tiere“

Im Büro von „Mama Kornelia“ Wagener: Hesham Ahmad Mohammad (32) hat in Waldbröl eine neue Heimat gefunden, hier möchte er leben – und bald auch wieder als Lehrer arbeiten.

Im Büro von „Mama Kornelia“ Wagener: Hesham Ahmad Mohammad (32) hat in Waldbröl eine neue Heimat gefunden, hier möchte er leben – und bald auch wieder als Lehrer arbeiten.

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(Foto: Schmittgen)

Waldbröl -

Drei, vier Tage lang habe er keinen Fuß vor die Tür gesetzt und seine Wohnung im Stadtzentrum von Waldbröl nicht mehr verlassen. Zu groß sei die Angst gewesen. Die Angst vor wütenden Blicken, selbst hier, die Angst vor Verachtung und die Angst, dass man ihn für schuldig halten könnte. Weil Hesham Ahmad Mohammad (32) ein Flüchtling ist, weil er aus Syrien kommt und weil nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht einfach nichts mehr so ist, wie es vorher war.

„Heute weiß ich, dass dieses Jahr sehr gut begonnen hat“, sagt Mohammad. Denn in jener schrecklichen Nacht hat er die amerikanische Studentin Caitlin (27) vor zehn Angreifern beschützt und in Sicherheit gebracht.

Der Kontakt zu ihr sei intensiv, sagt der Syrer. „Wir telefonieren und skypen“, sagt Mohammad. „Nicht täglich, aber sehr oft.“ Auch bei Facebook haben sich die beiden längst gefunden, natürlich gibt es ein gemeinsames Foto aus der Nacht des Jahreswechsels. „Sebastian, Caitlins Begleiter, hat darauf bestanden.“

In seiner Heimatstadt Azaz, 50 Kilometer nördlich von der Stadt Aleppo und sieben Kilometer entfernt von der Grenze zur Türkei gelegen, hat Hesham Ahmad Mohammad als Lehrer Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren unterrichtet. Englisch spricht er fließend, immer wieder wechselt er ins Deutsche, wenn er von der Silvesternacht erzählt. Ja, das alles beschäftige ihn noch sehr, sagt er.

„Waldbröl ist meine Heimat“

„Aber heute gibt es eine klare Botschaft: Wir Flüchtlinge müssen so wie die Deutschen sein. Wir müssen unseren Gastgebern mit Respekt und derselben Freundlichkeit begegnen, mit der man uns hier aufgenommen hat“, erklärt Mohammad. Denn nichts anderes habe er erfahren, seitdem er vor einem halben Jahr in Deutschland angekommen sei und über Passau, Bielefeld und Bedburg endlich Waldbröl erreicht habe.

„Waldbröl ist meine Heimat“, betont der Syrer. „Denn hier gibt es Mama Kornelia und Herrn Uli.“

„Mama Kornelia“, das ist Kornelia Wagener, die Leiterin des Amts für Soziale Dienste in der Waldbröler Stadtverwaltung, und „Herr Uli“, das ist Uli Jacob, der Sozialarbeiter.

Und es sind Menschen, die Mohammad in sein Herz geschlossen hat, seitdem er in Waldbröl lebt, wie derzeit rund 400 Flüchtlinge vor allem aus Syrien, dem Irak und dem Iran. „Mama Kornelia und Herr Uli sind immer für uns da“, betont Mohammad und erklärt damit auch, warum er nach der Silvesternacht die Wohnung, die er sich mit anderen Syrern teilt, nicht verlassen hat: Geschämt habe er sich auch.

„Das waren keine Männer mehr, die uns da gegenüberstanden“, sagt der Syrer und erinnert sich an den Moment, als er und sieben Freunde aus Syrien einen Ring um die junge Frau bildeten, um sie vor Übergriffen zu bewahren.

Syrer beschützen Deutsche

Er spricht von Alkohol, sehr viel Alkohol und sicher auch anderen Drogen. „Das waren Tiere, niemals zuvor habe ich solche Aggressionen erlebt“, sagt Mohammad, der zudem Caitlin und ihren deutschen Begleiter Sebastian (27) – beide studieren in Tübingen – in jener schlimmen Nacht wieder zusammengebracht hat, nachdem sie sich im Kölner Chaos verloren hatten.

„Caitlin konnte nicht aufhören zu weinen, sie hatte große Angst“, schildert der Retter und beschreibt, wie er behutsam das Vertrauen der Amerikanerin gewinnen konnte, und sie sich in seinem Rücken verbarg, damit keine fremde Hand sie erreichen konnte.

Seine syrischen Freunde – sie leben in Bonn, Paderborn und Trier – standen ihm zur Seite. „Wir hätten uns mit jedem geschlagen, wenn es so gekommen wäre“, betont der Asylbewerber. Doch am Ende hätten Gesten und laute Worte genügt. „Reden konnten wir nicht mit den Angreifern, weil sie so betrunken waren und wir den Dialekt nicht verstanden.“ Und nebenbei erwähnt Mohammad, dass er vor der Begegnung mit Caitlin verhindert habe, dass auch ein deutscher Junge ausgeraubt wurde.

Gefragt, ob er noch einmal nach Köln gefahren sei, um sich die Stadt und den Dom anzusehen, wie er es damals eigentlich vorhatte, sagt Mohammad zögernd: „Ja, ich war dort.“ Und mit Blick auf das Medienecho: „Aber nur, um Interviews zu geben.“ Er fühle sich nicht wohl in Köln – „ auch, weil diese Stadt so groß ist“.

Hesham Ahmad Mohammads größter Wunsch ist es, dass seine Ehefrau Elham Talep und die Söhne, Islam (5) und Abdoullah (8), bald zu ihrem Vater reisen dürfen. „Vor zehn Tagen hatte ich das letzte Mal Kontakt zur Familie. In Azaz toben erbitterte Kämpfe.“