Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt

40 Jahre Gurtpflicht: Ein Besuch bei der Bundesanstalt für Straßenwesen in Bensberg

BASt-Direktor Andre Seeck erklärt am Dummy, wie Gurte getestet werden. Es gibt etliche mit Technik vollgestopfte Testpuppen.

BASt-Direktor Andre Seeck erklärt am Dummy, wie Gurte getestet werden. Es gibt etliche mit Technik vollgestopfte Testpuppen.

Foto:

Luhr

Bergisch Gladbach -

Ratsch, klick, angeschnallt. Und danach erst das Auto starten und losfahren. Eine Selbstverständlichkeit für die allermeisten Autofahrer. Der Gurt, so wie er heute in den Karossen vorzufinden ist, wird zwar nicht von der Bundesanstalt gebaut. Aber ohne die Forschungen aus Bensberg wäre er wohl bei weitem nicht so lebensrettend. „Der Gurt ist bei Unfällen der Lebensretter Nummer eins“, sagt Andre Seeck, Direktor bei der BASt und dort Leiter der Abteilung Fahrzeugtechnik.

Der Experte kann über das vermeintlich dröge Thema Sicherheitsgurt so spannend erzählen, als handele es sich um Krimi. Seeck hat die Anschnallquoten parat (2014: 98 Prozent), die sich in den vergangenen Jahren auf hohem Niveau eingepegelt haben. Die zwei Prozent Gurtverweigerer ärgern Seeck, die wolle man auch noch mit Argumenten überzeugen.

Schnell ist er im Gespräch bei der Gurtgeometrie angekommen und den anfangs nur am Fahrzeugboden befestigten Gurtsystemen. Beim modernen Gurt ist dieser am Sitz angebracht, daher passe die Geometrie viel besser zum Körper, ein erster Meilenstein. Dann der Gurtstraffer, der bei einer Kollision dafür sorgt, dass der Gurt eng am Körper anliegt, ein zweiter Meilenstein. Ganz aktuell die Entwicklung des Gurtkraftbegrenzers, der dazu da ist, nur so viel Kraft wie nötig auf den Oberkörper einwirken zu lassen, eine dritte Fortentwicklung. „Wir sind mit dem Gurt noch lange nicht am Ende.“

Immer gehe es darum, die enorme Aufprallenergie eines Unfallgeschehens abzudämpfen. „Im Idealfall verbindet sich beim Unfall der Insasse mit der stabilen Fahrgastzelle, damit die Crash-Energie besser abgeleitet wird“, erklärt Seeck. Und die Energie werde abgeleitet, wie bei einem Knetgummi-Ball, der aus der Höhe fällt und, platsch, träge auf dem Boden liegenbleibt. Würde das Bällchen wie ein Flummy wieder hochhüpfen, käme die Energie zurück zum Unfallopfer, mit verheerenden Folgen.

Seeck deutet auf den Rippenbogen. „Bei einem jungen Menschen ist dieser Bereich deutlich robuster als bei einem Senior.“ Mit der unangenehmen Folge, dass in Einzelfällen älteren Verkehrsteilnehmern bei schweren Unfällen Rippenbrüche drohten. Der gute Gurt mache etwas, was er nicht machen soll. Aus den gebrochenen Rippen folgten dann wiederum weitergehende Verletzungen. Die neuesten Fahrzeugmodelle hätte deshalb diese Gurtkraftbegrenzung bereits serienmäßig eingebaut.

Von der BASt sei diese Sache angestoßen worden, wie das allermeiste, was die Fahrzeugsicherheit erhöhe. „Wir gucken uns das Unfallgeschehen an und suchen anschließend nach Lösungen.“ Dafür wird von den 400 Mitarbeitern am Standort Bensberg in vielen unterschiedlichen Disziplinen geforscht und auch in der fahrzeugtechnischen Versuchsanlage und auf dem Freigelände gecrasht. Im Sommer, beim jüngsten Tag der offenen Tür, wollten das Tausende Besucher sehen.

Seeck deutet auf eine Statistik der Getöteten im Straßenverkehr. Ein Gebirge, das ab Mitte der 1970er-Jahre stark abfällt, am stärksten nach 1984, als es erstmals Verwarngelder für uneinsichtige Gurtmuffel gab. Von knapp 14 000 im Jahr 1975 auf 3377 im Jahr 2014, bei gleichzeitig drastisch steigendem Verkehrsaufkommen. In Rhein-Berg gab es im Jahr 1975 47 Unfalltote, 1984 30, 1985 17, 2014 zwei, eine identische Entwicklung.

Für die BASt-Experten sind das immer noch zu viele Unfalltote. „Der Gurt ist die Grundvoraussetzung, um einen schweren Unfall zu überleben“, sagt Seeck. Mit angelegtem Gurt wäre jeder fünfte Unfalltote zu retten gewesen, 600 bis 700 Menschen in Deutschland jedes Jahr.

Was die Bundesanstalt entwickelt, sind sogenannte Wirkvorschriften – für die Sicherheit auf den Straßen im allgemeinen, für den Sicherheitsgurt im speziellen. Dies ist eine der Kernaufgaben der Bundesbehörde: Neue Standards setzen, die dann von den Autobauern erreicht werden müssen. Wie dies technisch umgesetzt wird, sei nicht mehr Aufgabe der BASt, sagt Seeck. „Uns ist wichtig, dass das Ergebnis, also die Schutzwirkung stimmt.“ Ein Boxer habe auch eine Knautschzone, seine Boxhandschuhe. Im Zusammenspiel von Gurt und Airbag müsse die „Knautschzone“ der Fahrgastzelle so optimal wie irgendwie möglich ausgenutzt werden. Jeder Zentimeter, der die Aufprallenergie aufnehme, rette Menschenleben.

Ausreden der Gurtverweigerer kennt Andre Seeck ebenso wie Polizeisprecherin Claudia Kammann. „»Ich bin gerade erst losgefahren«, »Ich habe mich erst vor einer Sekunde abgeschnallt«, »Ich bin beim Ausfahren aus dem Parkhaus nicht an den Ticketautomaten gekommen«.“ Für Kammann die Klassiker, die die Beamten immer wieder hören bei ihren Kontrollen. Aber: Nicht angeschnallt bleibt nicht angeschnallt. Fällig sind dann 30 Euro Verwarngeld. Bei Kindern, die ganz ohne Sicherung im Fond sitzen, 60 Euro plus einem Punkt in der Verkehrssünderkartei.

Es kann auch noch teurer werden, wie Claudia Kammann erklärt: „Die Fotos von Temposündern zeigen sehr deutlich, ob ein Gurt angelegt ist oder nicht. Ausrede hin, Ausrede her: Gezahlt werden muss dann doppelt.“


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?