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Bereitschaftsbetreuung in Bergisch Gladbach: Familien kümmern sich um hilfsbedürftige Kinder

Susanne Krakau (l.) von der familiären Bereitschaftsbetreuung übergibt ein Kind an eine Pflegemutter. Judith Scholz und Elke Haas (r.) unterstützen.

Susanne Krakau (l.) von der familiären Bereitschaftsbetreuung übergibt ein Kind an eine Pflegemutter. Judith Scholz und Elke Haas (r.) unterstützen.

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Arlinghaus

Bergisch Gladbach -

Meistens muss es schnell gehen, wenn das Jugendamt bei Petra anruft. Zwei Stunden, maximal ein Tag – dann ist Petra wieder Mutter geworden. Mutter auf Zeit. Petra gehört zur familiären Bereitschaftsbetreuung (FBB) der Stadt Bergisch Gladbach, die diese an das Kinder- und Jugenddorf Bethanien als freien Träger vergeben hat. Neun Familien stehen bereit, wenn Sozialarbeiter Kinder von ihren Eltern wegholen müssen.

„Mein erstes Kind war noch nicht geboren, als schon feststand, dass der Junge nach der Geburt nicht bei seiner Mutter bleiben kann“, erinnert sich Petra, die wie alle Bereitschaftsmütter nur beim Vornamen genannt werden möchte. „Aus Sicherheitsgründen, denn es ist wichtig, dass die Kinder inkognito untergebracht sind“, erläutert Susanne Krakau, Leiterin des Projekts. Genau deshalb gibt es die Wohnung, zu deren Einweihung sich alle an diesem Tag treffen. Freundlich ist sie, es gibt Kinder- und Besprechungszimmer sowie eine Wohnküche. Hier begegnen die Kinder ihren leiblichen Eltern, in Anwesenheit der Pflegemutter und einer Sozialarbeiterin.

Es ist eine mittlere Geheimoperation, damit die Sicherheit der Kleinen gewährleistet ist. Aus Bethanien, wo die Begegnungswohnung vorher beheimatet war, berichtet Kinderdorf-Sprecherin Susanne Gonswa vom Fall eines Familienclans, der in Bandenstärke angereist war, um seine Kinder zu „befreien“. Auch Petra hat Angst, dass Eltern herausfinden, bei wem ihre Kinder leben, dass sie bedroht oder das Kind entführt wird.

„Viele Betroffene sind wie vor den Kopf geschlagen, wenn ihnen das Kind entzogen wird“, erklärt Susanne Krakau. Sie empfinden das Vorgehen der Behörde als ungerechtfertigte Einmischung in ihre Privatsphäre und reagieren entsprechend aggressiv.

Dabei ist von vorneherein klar, dass die Kinder nur vorübergehend aus einer akuten Krisensituation in die Bereitschaftsfamilie gebracht werden, bis geklärt ist, wohin die Reise weitergeht: ins Heim, in eine feste Pflegefamilie oder zurück zur leiblichen Mutter (oder Vater). „Maximal drei Monate“, sagt Krakauer. Eigentlich. In Wirklichkeit verzögern Gerichtsverfahren oder schwierige Verhältnisse häufig den Prozess.

Inas erste Tochter Laura kam mit sechs Monaten in die Bereitschaftsfamilie und blieb 13 Monate. Jetzt liegt in ihren Armen Sissy – und schreit. Der Säugling ist schon Inas zehntes Kind in den fünf Jahren, seit es den FBB gibt. „Es ist wie mein eigenes“, lächelt Ina das Baby liebevoll an. Die jugendliche Frau geht ganz auf in ihrer Mission: „Es ist einfach wunderbar, immer mal wieder Mama zu werden und wirklich helfen zu können.“ Drei eigene Kinder (10, 12, 14 Jahre) hat sie auch noch: „Von denen und von meinem Mann wird die Sache hundertprozentig mitgetragen.“

Das ist nicht immer ganz einfach, denn die Kleinst- und Kleinkinder haben oft schon viel zu viel erlebt, sind nicht selten sogar traumatisiert. Sie wurden konfrontiert mit Drogen- oder Alkoholsucht von Bezugspersonen, psychischen Erkrankungen, Kriminalität plus Knastaufenthalten, Überforderung oder Gewaltanwendungen. „Wir wissen nicht jedes Detail ihres Leidens“, sagt Susanne Krakauer. „Aber natürlich kommen Verhaltensauffälligkeiten vor, die ängstigen oder irritieren können.“

Dass sie in der Projektstelle jederzeit eine kompetente Ratgeberin hat, gibt Ina Sicherheit und Vertrauen. Nur bei einem können die sachkundigen Damen nicht wirklich helfen: „Das Schwierigste ist, die Kinder wieder gehen zu lassen“, gibt Ina zu und herzt Baby Sissy. „Wir haben sie lieb wie das eigene.“ Loslassen gehört zum Konzept, aber auch für Petra ist dies eine der schwierigsten Disziplinen ihres Einsatzes: „Die Trauer gehört dazu“, sagt sie und weiß genau: „Wenn sie weg sind, fehlt einfach etwas. Jedes Mal weint die ganze Familie.“ Auch die Kinder – vor allem die ganz kleinen – entwickeln schnell ein inniges Vertrauensverhältnis zu ihrer Pflegemutter. Nicht zuletzt deshalb ist der regelmäßige Kontakt zu den leiblichen Eltern so wichtig, auch wenn diese manchmal erst lernen müssen, wie man sich solch einem kleinen Menschen zuwendet. Dennoch: „Wenn ich sehe, wie lieb sie ihre Kinder trotz allem haben, bin ich oft sehr gerührt und durchaus optimistisch“, gesteht Ina.

Petra hat mit einigen Kindern noch heute Kontakt, obwohl sie längst bei „richtigen“ Pflegeeltern leben – oder sogar bei wieder ihren leiblichen Eltern; das sind immerhin 50 Prozent, schätzt Susanne Krakau. „Eins meiner Kinder kam nach kurzer Zeit leider wieder zurück“, bedauert Petra. „Das ist bitter.“ Der kleine Junge aber, den sie 2011 sofort nach der Geburt zu sich genommen hat – in diesem Fall sogar auf eigenen Wunsch der überforderten jungen Mutter –, hat Glück gehabt. Die Mutter hat die Hilfsangebote des Jugendamts angenommen, ging mit ihrem Kleinen in eine Mutter-Kind-Einrichtung. Sie ist auf einem guten Weg, sich selbst und ihrem Jungen irgendwann ein behütetes Heim bieten zu können. Petra besucht die beiden ab und zu und freut sich über die Fortschritte. „Manchmal ist eine solche Inobhutnahme ein wahrer Weckruf für Eltern, ihr Leben in Ordnung zu bringen“, weiß Susanne Krakau.

Kontakt: Susanne Krakau im Bethanien Kinder- und Jugenddorf Bergisch Gladbach, wochentags 9-16 Uhr unter (02204) 2002-106 und per E-Mail.

krakau@bethanien-kinderdoerfer.de