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Bildung in Bergisch Gladbach: VHS Bergisch Gladbach verliert Besucher - Leiterin im Interview

Zukunftsfest möchte Leiterin Birgitt Killersreiter die VHS mit neuen Ideen machen.

Zukunftsfest möchte Leiterin Birgitt Killersreiter die VHS mit neuen Ideen machen.

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Klaus Daub

Bergisch Gladbach -

Ist die Volkshochschule ein Auslaufmodell oder zukunftsfest? Darüber sprach Birgit Eckes mit Birgitt Killersreiter, Leiterin der Volkshochschule Bergisch Gladbach.

Seit 2009 verzeichnet die Volkshochschule immer weniger Besucher. Die Teilnehmerzahlen sind von 14 600 auf 12 600 gesunken.

Das haben wir erwartet, das ist in anderen Volkshochschulen vergleichbarer Größe auch so. Hinzu kam bei uns die Baustellen- und Parksituation an der Buchmühle, die insbesondere 2012 zu einem Einbruch geführt hat. Davon haben wir uns zwar wieder erholt, aber es sind auch viele endgültig weg.

Sie haben eine Marktanalyse gemacht. Was hat sich daraus für die Besucherströme ergeben?

Am meisten beschäftigt uns die Tatsache, dass zu wenig Neukunden kommen. Die ganz Alten gehen weg. Die ganz Jungen kriegen wir nicht, aber wenn ich in jungen Jahren die Saat VHS nicht setze, kommen sie auch später nicht. Außerdem haben wir einen Knick bei den ab Sechzigjährigen, die gerade in Rente gehen. Das ist eigentlich eine starke Zielgruppe.

Viele Baustellen . . .

Zu uns kommen die Leute freiwillig und sie bezahlen Geld. Wir haben ein Superprogramm, davon bin ich überzeugt. Nur: Wie transportieren wir unser Superprogramm? Und wie gehen wir auf die Wünsche der Kunden ein?

Gerade im anspruchsvollen Angebot ist den Volkshochschulen in den Jahren starke private Konkurrenz erwachsen. Viele Neurentner gehen auf die Uni, auf Bildungsreisen, zahlen viel Geld für Kulturangebote. Was können Sie dagegen bieten?

Das ist eben die Frage: Müssen wir dieses Publikum ansprechen oder konzentrieren wir uns auf das Kerngeschäft, ein niederschwelliges Angebot für Menschen zu machen, die nicht so hohe Pensionsgelder bekommen?

Und wie beantworten Sie diese Frage für sich selbst?

Wir werden ein niederschwelliges Angebot bereithalten, weil wir damit glaubwürdiger bleiben. Wenn wir einen Kochkurs für 50 Euro anbieten, dürfen wir nicht so tun, als ob das mit einem Kurs bei Dieter Müller vergleichbar wäre. Auf anderen Gebieten wie der Kunstvermittlung können wir schon sehr hochkarätig werden, wie etwa bei den Führungen oder Galeriegesprächen, die wir neu aufgelegt haben.

Sprachkurse waren stets der große Klassiker der Volkshochschule. Wie hat sich denn dieses Segment entwickelt?

Bei den Deutschkursen kommen wir aufgrund der Flüchtlingssituation kaum nach, haben neue Stellen bewilligt bekommen. Bei den Fremdsprachen für Deutsche ist die Auslastung geringer geworden.

Warum?

Die Leute gehen auf Online-Sprachkurse oder Apps. Die VHS hat leider einen verschnarchten Ruf. Das ärgert mich echt. Es mag sogar sein, dass der Lernprozess länger dauert bei uns. Aber ich behaupte mal: Bei uns bleibt viel mehr hängen.

Stichwort verschnarchter Ruf. Wie wollen Sie diesem Imageproblem beikommen?

Wir haben uns dieses Jahr viele Gedanken über das Cover unseres Programmhefts gemacht oder wie wir unsere Veranstaltungen nennen. Wir schneiden alte Zöpfe ab. Der Kurs „Kochen für Anfänger“ hatte fünf Anmeldungen, der gleiche Kurs war unter dem Titel „Hilfe, meine Wohnung hat eine Küche“ ausgebucht. Da haben wir genau die Zielgruppe getroffen, junge Erwachsene, die mit 19 aus dem Haus gehen und nicht wissen, wie man eine Kartoffel schält. In die Richtung muss es laufen.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Ein Abend mit spanischen Gedichten und Tapas war sehr erfolgreich, oder lokale Krimis mit Bergischen Häppchen.

Jetzt fragt sich der Laie, was hat das mit Bildung zu tun?

Wir denken stets den Lernaspekt mit. Es geht aber auch um soziale Kontakte, dafür sind wir ja Spezialist vor Ort, gerade für Singles.

Macht es Sinn, sich online stärker zu engagieren?

Wir haben seit 2015 das Onlineportal Moodle als begleitende interaktive Plattform, aber das ist nicht so ein Erfolgsmodell wie erhofft. Bei Sprachen wollen wir ausprobieren, ob eine Kombination aus Präsenzkursen und Online-Ergänzung funktioniert. Wir sind auf Facebook, Twitter, Instagram. Ich würd’ gern mal einen Werbefilm machen, der so erfolgreich wird wie der Edeka-Film mit dem einsamen Opa zu Weihnachten, der 100 000 Mal geklickt wird. Aber dazu haben wir kein Geld.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, der guten alten Volkshochschule einen neuen, peppigen Namen zu geben?

Ja, darüber haben wir mit einem Marketingspezialisten gesprochen, aber wir sind noch nicht weitergekommen.

Ginge das denn so einfach?

VHS ist schon eine überregionale Marke. Manche Volkshochschulen führen zusätzlich eine Art Edelmarke für Etablierte unter einem anderen Namen, aber das ist umstritten. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Erklärungsnotstand bei den Subventionen kommen. Wir sind günstiger als private Anbieter, weil die Stadt Gebäude, Instandhaltung, PC-Pools und Personal bezahlt. Trotzdem haben wir die Auflage, eine Kostendeckung zu erreichen.

Haben Sie Druck aus der Politik?

Nein. Denn was die Deckung angeht, sind wir so gut wie nie, trotz Besucherschwund. Ich sage halt rigoros Kurse ab, die nicht gedeckt sind. Das ist wichtig in einer Kommune mit Nothaushalt und Haushaltssicherung.

Welches sind die größten Flops?

Länderkunde, Diavorträge, Psychologie, Kunstgeschichte, Kreatives Schreiben: Die Zeiten sind vorbei. Auch EDV-Kurse haben sich überlebt, die Leute können das alle. Was gut geht, sind individualisierte Einzelkurse.

Was ist die größte Herausforderung für 2016?

Mit interkulturellen Bildungsangeboten Integrationsarbeit zu leisten. Das Kennenlernen der Kulturen und ihr gegenseitiges Verständnis zu fördern. Dafür ist die VHS genau der richtige Ort.