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Bühnlein Brilliant: Yvonne begeistert trotz Hässlichkeit

Bei Hofe spielen alle immer idiotischere Rollen.

Bei Hofe spielen alle immer idiotischere Rollen.

Foto:

Luhr

Bergisch Gladbach -

In einem Blümchenkleid sitzt sie da. Ihre brünetten Locken hängen ihr ungezähmt ins dreckige Gesicht. Die Mundwinkel sind schlapp herunter gezogen. Die Augen blicken dümmlich in alle Richtungen – von links nach rechts, von oben nach unten, ohne etwas Bestimmtes zu fixieren. Ihre Beine sind nach innen geknickt.

„Yvonne, die Burgunderprinzessin“ wurde am Samstagabend im Theas-Theater in Bergisch Gladbach von der Kölner Theatergruppe Bühnlein Brilliant aufgeführt. Die eigentlich hübsche Vera Gillesen spielt die Yvonne mit beeindruckender Mimik, die ihrer Figur Dummheit und Apathie verleiht.

Passivität und Apathie als Provokation

Durch ihre Passivität und Apathie wird sie zur Provokation. Gerade das reizt den Prinzen von Burgund, sie zu heiraten. König und Königin sind empört, müssen sich aber arrangieren. Doch der Prinz kann sie so wenig in seine formelle Welt ziehen, wie sie ihn aus der Hofwelt holen kann. „Wir stecken in ihr“, sagt der Prinz, als er realisieren muss, dass er sie nie mehr los wird, auch als er sie fortschickt, sie durch die weibliche Isa ersetzt. Der Prinz und seine ganze Sippe stecken so sehr in ihr, dass alles aus den Fugen gerät.

Bei Hofe hören sie auf selbstbeherrscht zu sein, sie fangen an immer idiotischere Rollen zu spielen. Sie sehen sich plötzlich mit Yvonnes Augen. Yvonnes natürliche Unzulänglichkeiten lässt die Figuren bei Hofe verzweifeln. Jeder findet darin so etwas wie eine Spiegelung von Unvollkommenheit der eigenen Person und auch der anderen. Der König entsinnt sich seiner alten Sünden. Die heimlich wie besessen schreibende Königin entdeckt ihre alten Gedichte voll mit unausgelebten Phantasien und Gedanken. Die Gedichte, so entdeckt sie, gleichen Yvonne. Die Dummheit und der Unsinn greifen um sich. Alle wollen Yvonne töten, doch nur der König zieht es durch: Er sorgt dafür, dass sie bei einem Gastmahl an einer Gräte erstickt – nicht sein erster Mord. Der Freund des Prinzen fotografiert die Leiche mit dem Handy.

Gesellschaftskritisch, tiefenpsychologisch, religiös

Gombrowicz' Yvonne, Prinzessin von Burgund, ist eine der hässlichsten Heldinnen der Theatergeschichte. 1937 veröffentlichte der polnische Autor das Stück, aufgeführt wurde es aber erst zwanzig Jahre später. Zeitlos ist die Groteske, die viele Deutungen zulässt. Die Heldin ist eine Projektionsfläche für Ängste und Bedrohungen.

Michael Nocon zeigt die neun Figuren in ihrer grotesken Art – auch grotesk geschminkt. Robert Schumacher gibt einen König, der immer wenn er regiert, seine um die Hüfte gebundene Krone aufsetzen muss, damit er zum Regenten wird. Um dessen Contenance ist der Kammerdiener/in (Julia Bühler) besorgt, versucht ihn mit weiblicher List zu leiten.

Die Königin, von Rosa Bellinhausen gespielt, glänzte mit einer Vielfalt von dargestellten Seiten und damit komischen Monologen. Das Publikum lacht laut auf, als sie mit sich und dem Mord an Yvonne kämpft.

Jessica Millard aus Wuppertal hatte Spaß an dem Stück. „Es sind viele Kleinigkeiten, die mir besonders gut gefallen haben: die Kammerzofe mit ihren grotesken Bewegungen oder auch der Diener Valentin, der immer durch die Kulisse läuft und dann rausgeschickt wird.“ Auch Kathrin Marquardt aus Bochum gefiel das Gesamtpaket und dass es so vielschichtig gewesen sei. „Da ist von allem was dabei, es ist gesellschaftskritisch, tiefenpsychologisch und sogar religiös.“ Jan Kapmeier aus Düsseldorf fand das Stück spannend aufbereitet. „Trotz der grotesken Figuren ist dort eine totale Präsens auf der Bühne gewesen.“