Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt

850 Jahre: Immekeppel wehrte sich gegen die Trennung von Bensberg

Die Zeiten des Bahnanschlusses sind lange vorbei. Der Bahnhof steht heute unter Denkmalschutz.

Die Zeiten des Bahnanschlusses sind lange vorbei. Der Bahnhof steht heute unter Denkmalschutz.

Overath -

Immekeppel. Straßendorf im engen Sülztal. 2000 Seelen. Auf dem Weg aus der Tiefe des Bergischen Landes in die rheinische Metropole Köln das letzte Dorf vor der Autobahnauffahrt Untereschbach. Was noch? Man kann gut essen in Immekeppel.

Es gibt eine Kita, eine Kleine Offene Tür für Jugendliche, eine schöne alte Grundschule mit einer Turnhalle, die so weit entfernt ist, dass die Kinder mit dem Schulbus gebracht werden müssen und die auch aus anderen Gründen Mahnmal einer zumindest angreifbaren Kommunalpolitik ist. Doch das wahre, alles überragende Wahrzeichen des Dorfes ist der „Sülztaler Dom“, die erst gute 125 Jahre alte zweitürige Pfarrkirche St. Lucia. Und in der wärmeren Jahreszeit gibt es mit Immo und Keppel auch noch zwei markante Wasserbüffel im Dienste des Naturschutzes.

Am Montag, 22. Februar, jährt sich zum 850. Mal die urkundliche Ersterwähnung. Den Festakt dazu gibt es bereits am Sonntag. Dann kommen der Landtagsabgeordnete, der Landrat und der Bürgermeister als herausragende Gäste in den Ort. Wobei der Bürgermeister von Overath, Jörg Weigt, selbst hier wohnt. Nicht bemerkenswert?

Doch. Denn bis 1975, also bis vor 41 Jahren, gehörte Immekeppel gar nicht zu Overath, sondern zu Bensberg, das damals noch selbstständige Stadt war. Doch dann brach die Kommunalreform über das Bergische Land herein. Bensberg wurde mit Bergisch Gladbach zwangsverheiratet, und Immekeppel und sein Sülz-Nachbarort Untereschbach kamen zu Overath.

„Es war damals für uns ein Schock“, erinnert sich Walter Schneider (75), Immekeppeler seit seinem 32. Lebensjahr und heute Kulturwart des Heimatvereins. „Wir haben uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.“ Mit Overath hatten die Immekeppeler damals nicht viel zu schaffen – mit Untereschbach übrigens auch nicht, aber dazu später. Die wahren Immekeppeler Lokalpatrioten setzten damals ihre Hoffnung auf eine Klage der Stadt Bensberg gegen die Kommunalreform. „Unsere Hoffnung war: Wenn Bensberg bleibt, bleiben wir auch. Der Heimatverein hat damals Freibier versprochen, falls es klappt.“ Das Freibier fiel bekanntlich aus.

Wer diese Ultrakleinstaaterei nicht selbst erlebt hat, dem mag das heute alles absurd vorkommen, und die Tatsache, dass sich sogar die Nachbardörfler aus Immekeppel und Untereschbach untereinander nicht grün waren, noch viel mehr. Andererseits hat die bis vor 41 Jahren unterschiedliche Kommunalzugehörigkeit bis heute Spuren hinterlassen. Die Telefonvorwahl endet auf 4 statt auf 6, und es ist umständlich, mit Bus und Bahn von Immekeppel nach Overath zu kommen.

Schneider: „Wir haben keine direkte Verbindung. Und wenn Sie erst von Bensberg fahren müssen, um nach Overath zu kommen, dann bleiben Sie auch gleich in Bensberg.“ Immerhin: Inzwischen kann man wenigstens in Untereschbach umsteigen. Bei 15 Minuten (!) Umsteigezeit (das ist genau so lange, wie die Linie 421 von Immekeppel nach Bensberg braucht), riskiert man auch nicht, in Untereschbach den Anschluss zu verpassen.

Dass Overath und Immekeppel zwei Paar Schuhe sind, ist übrigens keine Erfindung der Neuzeit. Den trennenden Heiligenhauser Berg zwischen dem Agger- und dem Sülztal gab es auch früher schon. Im Mittelalter lag Immekeppel zeitweise im Dekanat Deutz, Overath dagegen im Dekanat Bonn, wie der Geschichte-Experte Professor Theodor Rutt in seinem 1980 erschienenen Standardwerk „Overath. Geschichte der Gemeinde“ schreibt. Um 1500 wurde die Sülz zur Verwaltungsgrenze.

Nun mag man sich fragen, wieso die Immekeppeler ausgerechnet den 22. Februar 1166 als Gründungsdatum ansehen. Die Antwort hat – unter anderem – der Historiker Gerd Müller in seinem Aufsatz „Achthundert Jahre Immekeppel“ im Rheinisch-Bergischen Kalender für 1966 gegeben. Sie lautet: Der heutige Ort Immekeppel, damals noch Sulsen genannt, wechselte an jenem Tag den Besitzer. Graf Hermann zu Liedberg, der Alt-Eigentümer, hatte das Zeitliche gesegnet, und seine Töchter Hildegund und Elisabeth teilten sich das Erbe, zu dem unter anderem der Hof von Sulsen gehörte. Sulsen fiel an Hildegund, die anschließend Gutes tat: Sie stiftete das adelige Jungfrauenkloster Meer (bei Neuss) und teilte ihm ihren gesamten Besitz, darunter eben auch Sulsen, zu. Der Kölner Erzbischof Reinald von Dassel gab diese Stiftung am 22. Februar 1166 bekannt – und fertig war die Ersterwähnung. Diese ist indes nicht mit der Gründung des Ortes zu verwechseln. „Hier lebten auch vorher schon Menschen. Immekeppel ist ja nicht vom Himmel gefallen“, sagt Walter Schneider. Er verweist auf neuere Forschungsergebnisse, die von einer engen Verbindung von Immekeppel und dem weiter westlich gelegenen Refrath ausgehen. In der vom Heimatverein Immekeppel anlässlich seines 75-jährigen Bestehens 2003 herausgegebenen Schrift heißt es, dass die ersten Siedlerscharen bereits in den Jahren 915 bis 918 ins Sülztal gelangt seien und den Ort gegründet hätten. Bindeglied zwischen Refrath und Immekeppel war danach insbesondere die Heidenstraße, die einst von Köln bis Kassel und Leipzig führte und an die sich Immekeppel neuerdings im Zuge ihrer Markierung als Jakobus-Weg (2014) wieder erinnert. In Immekeppel gab es eine Furt zur Durchquerung der Sülz.

Die Neuzeit begann in Immekeppel mit einem Skandal: Pfarrer Johann Steynhoff verzichtete 1526 auf seine Stelle, weil sie ihm zu schlecht bezahlt war. Fortan wurde die 1215 erstmals erwähnte Kapelle zu Immekeppel dem Bensberger Pfarrer als Tochterkirche untergeordnet. Ab 1600 gab es in dem Ort protestantische Prediger; nach Ende des 30-jährigen Kriegs (1618-1648) fand der Ort aber zum Katholizismus zurück.

Eine nachhaltige Veränderung, großes Bevölkerungswachstum und soziale Probleme brachte das Jahr 1830 mit sich: Beim Bau der Köln-Olper Straße wurde bei Altenbrück Bleierz gefunden. Der Bergbau, den es schon seit Jahrhunderten gegebenen hatte, der aber laut Rutt durch den 30-jährigen Krieg fast vollständig zum Erliegen gekommen war, nahm einen neuen Aufschwung, und die Bevölkerungszahl explodierte. Gab es 1814 gerade einmal 77 Häuser in Immekeppel, so lebten 1880 genau 1991 Seelen in dem Ort, schreibt Rutt. Ihre Zahl stieg noch bis auf 2350 im Jahr 1935, ging bis 1977 aber wieder auf 1706 zurück. Das lag daran, dass eine Grube nach der anderen stillgelegt wurde. Aktuell liegt die Einwohnerzahl laut Stadtverwaltung zum Stichtag 31. Dezember 2015 bei 2021, wobei die Männer mit 1021 Exemplaren knapp die Mehrheit bilden.

Der Bergbau hat rund um Immekeppel seine Spuren hinterlassen. „Das Freudenthal ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse, ich kann Ihnen fünf, sechs Stollenlöcher zeigen“, sagt Heimatexperte Walter Schneider. Damit nicht genug: Immekeppel hatte rund 70 Jahre lang einen eigenen Eisenbahnanschluss mit Bahnhof. Ende 1891, also in dem Jahr, in dem (am 6. August) auch die heutige Pfarrkirche St. Lucia eingeweiht wurde, konnte die Strecke nach Hoffnungsthal eröffnet werden. Bis 1912 war der Bahnhof Immekeppel, der heute unter Denkmalschutz steht, Endstation, danach ging es weiter bis Lindlar. 1966, im Jahr der 800-Jahr-Feier, wurde die Strecke endgültig eingestellt.

Heute ist Immekeppel, so sagt es Schneider, „vor allem Schlafstadt von Köln und Leverkusen“. Der Ort hat mit seiner geringen Größe zu kämpfen. An seiner Hauptstraße, der Lindlarer Straße, gibt es einige Geschäfte und Gaststätten, aber, so Schneider: „Ein Pfund Salz bekommen Sie in Immekeppel nicht.“ Für die Lebensmittelmarkt-Ketten ist Immekeppel anscheinend zu klein, für die Discounter sowieso. Wohl dem, der auch im Alter so mobil und betucht ist, dass er noch Auto fahren kann.

Dafür hat Immekeppel aber auch Stärken. Und dazu gehört: die geringe Größe. Man kennt sich, man grüßt sich, man hilft sich. Die Dorfrivalitäten sind inzwischen Vergangenheit. Als der TuS Immekeppel vergangenes Jahr seinen neuen Kunstrasenplatz einweihte, luden Vereinsvorsitzender Dieter Himperich und seine Mitstreiter den TuS Untereschbach zum Mitfeiern ein – ein Dank dafür, dass sie zuvor Gastrecht im Nachbardorf genossen hatten. Zu Himperichs aktiver Fußballerzeit wäre das noch undenkbar gewesen: Nachdem er vor vielen Jahren den Verein gewechselt hatte und nach Untereschbach gewechselt war, wurde ihm in Immekeppel in der Kneipe das Bier verweigert.