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Roland Vossebrecker: Bergisch Gladbacher führt Gruppen durch Auschwitz

Roland Vossebrecker in den Trümmern von Auschwitz mit einem Bild der Bergisch Gladbacher Holocaust-Überlebenden Philomena Franz.

Roland Vossebrecker in den Trümmern von Auschwitz mit einem Bild der Bergisch Gladbacher Holocaust-Überlebenden Philomena Franz.

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privat

Bergisch Gladbach -

Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erinnert Roland Vossebrecker in einem Vortrag an das Vernichtungslager Auschwitz. Der Bergisch Gladbacher führt Besuchergruppen durch die Anlagen und die umliegenden SS-Siedlungen. Birgit Eckes sprach mit dem Experten über Täterprofile und Wiederholungsängste.

Ein zentrales Thema bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist der Wunsch, aus der Geschichte zu lernen. Was bedeutet das für Sie?

Wir dürfen uns nicht nur mit den Opfern befassen. Wir müssen wissen, wie die Täter funktionierten. Wie sie in die Lage versetzt wurden, solche Taten zu begehen. Nur so können wir wirklich verstehen.

Befassen Sie sich in Ihren Forschungen mit konkreten Tätern oder geht es eher um Täterprofile?

Natürlich geht es um konkrete Täter, aber an ihnen lässt sich auch aufzeigen, wie differenziert so eine Täterschaft ist.

Können Sie das erklären?

In einem Vernichtungslager wie Auschwitz gab es ja klar strukturierte, sehr unterschiedliche Arbeitsplätze. Den Mediziner, den Wachmann, den Kommandanten, den Ingenieur und so weiter. Jeder funktionierte auf seine Art, und diese Strukturen haben die Täter geprägt.

Also ein geschlossener Kreislauf?

Nein. Die Täter waren vor Ort gesellschaftlich eingebunden, Auschwitz war ein öffentlicher Ort, da lebte man, er gab den Tätern psychologischen Rückhalt. Wenn heute die Frage gestellt wird, „wie konnte es dazu kommen“, dann müssen wir zunächst zurückfragen: Was ist „es“?

Na ja, der Holocaust natürlich.

Aber dieser besteht aus zweierlei Dingen, dem Organ der institutionalisierten Massenvernichtung und den individuellen Gräueltaten. Die Täter haben diese Grausamkeiten nicht begangen, weil sie mussten, sondern weil sie durften.

Das würde bedeuten, dass es den sogenannten Befehlsnotstand, auf den sich viele Täter vor Gericht berufen haben, gar nicht gab?

Viele SS-Leute hatten ihre Familien in Auschwitz angesiedelt. Sie hatten ein gutes Leben dort. Die Stadt galt als „Reichsluftschutzbunker“, weil sie relativ sicher war. Die Verrohung im Lager entstand eher aus einem Gruppendruck heraus, weil man kein Schwächling sein wollte. Meines Wissens ist es bisher keinem einzigen Verteidiger gelungen, einen Beweis für eine Bestrafung oder gar die Todesstrafe nach einer Verweigerung zu führen.

Viele Menschen stellen sich die Frage: Wie hätte ich mich in einer solchen Situation verhalten?

Diese Frage ist unsinnig. Denn ich wäre damals nicht ich gewesen, der ich heute bin, ich hätte anders gelebt und wäre ganz anders sozialisiert gewesen. Die Frage muss vielmehr lauten: Wie werde ich mich verhalten, wenn ich heute in eine solche Situation komme?

Kann man eine solche Fragestellung auf die derzeitige Ausländer-Debatte übertragen?

In gewisser Weise schon. Der Soziologe Harald Welzer hat in seinem Buch „Täter“ eine Art Zuspitzungstheorie formuliert. Es ist zweifellos etwas anderes, ob ich die Straßenseite wechsle, wenn ich einen Juden sehe, ob ich in seine beschlagnahmte Wohnung ziehe, ihn nach Auschwitz verlade, ihn einsperre oder ihn umbringe. Aber es sind Stufen, die möglicherweise ein Kontinuum darstellen. Deshalb sollte man schon beim ersten Punkt unbedingt sensibel sein.

Sie sind Musiker und Lehrer. Wie sind Sie zum Experten für Auschwitz geworden?

Es ist einfach passiert. Irgendwann habe ich das Lager und die Stadt zum ersten Mal besucht. Und ich hatte sofort das Gefühl, ein Tag ist viel zu wenig. Das Thema hat mich einfach nicht mehr losgelassen.