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Schreckschuss-, Gas- und Signalwaffen: Immer mehr Bürger in Rhein-Berg beantragen einen Waffenschein

Für diese täuschend echt aussehende Luftpistole benötigt der Besitzer, möchte er sie außer Haus tragen, einen großen Waffenschein.

Für diese täuschend echt aussehende Luftpistole benötigt der Besitzer, möchte er sie außer Haus tragen, einen großen Waffenschein.

Rhein-Berg -

Die Bürger in Rhein-Berg rüsten auf: Bei der Kreispolizei in Bergisch Gladbach stapeln sich die Anträge auf Erteilung des kleinen Waffenscheins. Waren es im Jahr 2014 noch 47 Anträge und im darauffolgenden 97, so haben in den ersten fünf Wochen des Jahres 2016 schon 387 Bürger den Antrag gestellt.

Rund 1300 Männer und Frauen im Kreisgebiet besitzen aktuell diesen Schein. Er berechtigt zum Tragen von Schreckschuss-, Gas- und Signalwaffen, auch außerhalb der eigenen vier Wände. Luftdruck-, Federdruck- und CO2-Waffen sind ausdrücklich ausgenommen. Um diese Waffen tragen zu dürfen, benötigt man einen richtigen Waffenschein.

Subjektives Empfinden

„Wir fragen grundsätzlich nach, warum der Bürger den Antrag stellt. Die klassische Antwort bezieht sich immer auf die Vorgänge in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof“, sagt Karl Hein von der Abteilung Waffenrecht der Kreispolizei. Doch schon Monate vorher verzeichneten die Waffenexperten der Kreispolizei einen Anstieg der Anträge. „Einen leichten Steigerung haben wir schon gesehen als die ersten Flüchtlinge in den Kreis kamen. So richtig ist es aber erst im Januar angestiegen“, sagt Heins Vorgesetzter Gerd Stümper. Das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen habe sich verändert.

Inwieweit die oft vorgetragene Begründung der Antragsteller, dass die Belästigungen in Köln ausschlaggebend für den Wunsch eine Waffe nur vorgeschoben sind, wollen Hein und Stümper nicht bewerten. Zweifel bleiben: In Köln wurden fast nur Frauen belästigt, aber in Rhein-Berg sind 80 Prozent der Antragsteller Männer.

Einer von ihnen ist Rolf Dieter Münster. Der 76-Jährige spricht offen davon, dass er das Vertrauen in die Polizei und die Justiz verloren habe und seinen persönlichen Schutz in die eigene Hände nehmen wolle. Der Rentner fühlt sich ungerecht behandelt und ungehört, wirft Polizei und Staatsanwaltschaft „schlampige Ermittlungen“ vor. Er sei am 30. Oktober mit seinem Hund spazieren gegangen. Dabei sei er mit einem jüngeren Mann in Streit geraten. Dieser habe ihn und seinen Hund auf das Übelste mit rassistischen Sprüchen bedacht und ihm schließlich mehrfach ins Gesicht gespuckt.

Eine junge Frau hätte dies gesehen und sei bereit gewesen, als Zeugin für ihn auszusagen. „Als ich auf der Polizeiwache Anzeige erstattete, war die Beamtin nicht nur mit mir, sondern auch noch mit dem Funk beschäftigt. Immer wieder wurden wir unterbrochen“, sagt Münster. Das Resultat: Die Anzeige sei fehlerhaft aufgenommen worden. Als die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellte, war Münster außer sich. „Die Begründung, dass Aussage gegen Aussage stehe, ist eine Frechheit. Meine Zeugin ist gar nicht gefragt worden“, erklärt der Rentner. Jetzt müsse er sich halt selbst schützen. In Zukunft werde er sich nicht mehr anspucken lassen, egal wie jung und fit der Gegenüber sei – deshalb wolle er eine Waffe.

Die Polizei dagegen sieht dies skeptisch. „Ob der Einsatz solch einer Waffe immer geeignet ist einen Angreifer abzuwehren, ist nicht sicher“, argumentiert Stümper. Außerdem bestehe die Gefahr einer Eskalation, wenn eine Streitpartei eine Gaspistole ziehe. Auch der Angreifer könne dann zur Waffe greifen – und das sei dann womöglich eine scharfe Pistole.

Heidi Conzen , Pressesprecherin der Landespolizei in Düsseldorf wird deutlicher. „Das Tragen solch einer Waffe wiegt den Träger oft in einer falschen Sicherheit“, sagt sie. Die erfahrene Polizisten bezweifelt, dass Laien eine Gaspistole in Gefahrensituationen „souverän handhaben können“. Es bestehe ferner die Gefahr, vom Täter die Waffe abgenommen zu bekommen. Conzen: „Die richtet sich dann plötzlich gegen einen selbst.“ So warnt die Polizei auch vor dem Einsatz von Pfefferspray. Diese Waffe könne ebenfalls in die Hand des Täters gelangen und diesen nur noch aggressiver machen.

Claudia Kammann von der Kreispolizei gibt Tipps zum richtigen Verhalten in Gefahrensituationen. So sei es wichtig, sich auf eine etwaige Gefahrensituation seelisch vorzubereiten. „Man muss sich darüber klar werden, wie weit man gehen kann. Wie hoch die Bereitschaft ist, sich zur Wehr zu setzen“, sagt Kammann. So könne es besser sein, gleich um Hilfe zu rufen, statt sich nicht entscheiden zu können, welche Maßnahme in Frage komme. Kammann: „Kommt es zur Eskalation, kann sich das Opfer mit allem wehren, was greifbar ist.“ Schirm, Faust, Knie und Schlüssel seien geeignete Abwehrmittel. Immer solle aber schnellstmöglich Öffentlichkeit hergestellt werden. Laut werden, deutliche Botschaften abgeben und konkret um Hilfe bitten sei sinnvoll.