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Inklusion in Brühl: Brühler Verein gibt Benachteiligten eine Chance

Die Mitglieder des Vereins „Activ für alle - Integration in Sport und Kultur“ aus Brühl.

Die Mitglieder des Vereins „Activ für alle - Integration in Sport und Kultur“ aus Brühl.

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Privat

Brühl -

Aufmerksam verfolgt Gerhard Krafczyk, wie Friedhelm Peetz die Leiter hochklettert. Peetz möchte eine Glühbirne wechseln. Krafczyk weiß, was er zu tun hat. Er sichert Peetz, indem er die Leiter festhält. Der 58-Jährige hat aufgrund eines Unfalls eine geistige Behinderung. Das bedeutet nicht, dass er nicht arbeiten kann – im Gegenteil. Er hat einen Vollzeit-Job und übernimmt Gartenarbeiten und Hausmeisterdienste in mehreren Häusern. Außerdem erledigt er Grabpflegearbeiten.

Gerhard Krafczyk ist beim Brühler Verein „Activ für alle – Integration in Sport und Kultur“ angestellt. Friedhelm Peetz ist der Vorsitzende des Vereins und geht Krafczyk ab und zu zur Hand. Zum Beispiel beim Auswechseln der Glühbirne in dem Haus an der Kaiserstraße in Brühl, das Krafczyk als Hausmeister betreut. Der 58-Jährige kann nämlich nicht die Leiter hochsteigen. „Das wäre aufgrund seiner Behinderung zu gefährlich“, erklärt Peetz.

Er achtet darauf, dass Krafczyk und der zweite Angestellte des Vereins nur die Arbeiten ausüben, denen sie gewachsen sind. Der zweite Mann im Bunde ist ein 21-Jähriger, der eine Lernbehinderung hat und keine Ausbildung zum Gärtner machen konnte, aber durchaus die praktischen Fähigkeiten für solche Arbeiten besitzt.

Der Verein beschäftigt derzeit diese beiden Männer. „Uns geht es um die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen“, sagt Peetz. „Vor allem für die Menschen ab 50 Jahre, weil die es besonders schwer haben.“ Dabei gehe es um beitragspflichtige Arbeitsverhältnisse, betont er, nicht um Minijobs. Die beiden Angestellten des Vereins werden nach Tarif bezahlt. Ältere Arbeitnehmer, Menschen mit Behinderung oder Menschen, die kaum eine Chance in der Gesellschaft haben, erhalten bei dem Verein eine Chance. Peetz: „Sie sollen Teil einer inklusiven Gesellschaft sein, persönliche Wertschätzung erfahren und an dem gesellschaftlichen Miteinander mitwirken.“

Daher setzt sich der Verein, der 1993 gegründet wurde, nicht nur für die Schaffung von vollwertigen Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung ein. Hier wird auch Freizeit gestaltet, und es werden Projekte gemeinsam auf die Beine gestellt.

Beispielsweise verfügt der Verein über ein eigenes Segelboot in Holland. Dort können die Vereinsmitglieder segeln lernen oder, wenn ihre körperliche Konstitution dies nicht zulässt, den Seglern zuschauen. Der Verein nimmt an Tandem-Touren teil, bei denen immer ein „Pilot“ mit einem behinderten Menschen gemeinsam radelt. Außerdem organisiert er regelmäßig einen Verpflegungsstand beim Köln-Marathon.

2014 hatte sich Peetz mit „Activ für alle – Integration in Sport und Kultur“ für das europäische Projekt „Netzwerk Inklusion in europäischen Partnerstädten“ beworben und Gleichgesinnte aus Münster, aus dem polnischen Myslovice und aus York in Großbritannien dafür gewinnen können. Jetzt waren 300 Menschen aus diesen Städten in Brühl zu Gast und haben über Inklusion und den Alltag für Menschen mit Behinderungen diskutiert.

Die Teilnehmer haben im Jugendkulturhaus Cultra eine Sitzbank gestaltet, dort eine Jugendshow genossen und sich die Stadt angeschaut und eine To-do-Liste erstellt, was in Brühl aus ihrer Sicht noch verbessert werden könnte.

Im Juni findet das nächste Treffen in Polen statt, im September geht es nach York. „Schon jetzt haben wir gemerkt, dass wir zusammenwachsen“, sagt Peetz. „Es wird ein Inklusions-Netzwerk für Europa.“