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Kölnische Rundschau | Kerpener Amt: Dieter Spürck ist seit 100 Tagen Bürgermeister
15. February 2016
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Kerpener Amt: Dieter Spürck ist seit 100 Tagen Bürgermeister

Seit Herbst ist der Christdemokrat Dieter Spürck Bürgermeister der Stadt Kerpen.

Seit Herbst ist der Christdemokrat Dieter Spürck Bürgermeister der Stadt Kerpen.

Foto:

Jansen

Herr Spürck, Sie sind 100 Tage im Amt. Was haben Sie für einen Eindruck?

Ich kenne die Stadtverwaltung ja schon, weil ich aus der zweiten Reihe in die erste Reihe getreten bin. Jetzt trage ich die Letztverantwortung für die Verwaltung. Damit bin ich natürlich auch mehr Projektionsfläche für die Wünsche und Anliegen der Menschen.

Womit haben Sie denn in den ersten Tagen nicht gerechnet?

Ich wusste vorher schon, dass es sehr zeitintensiv wird. Auch, weil ich mein altes Dezernat noch weiter kommissarisch betreue, bedeutet dass für mich, dass ich noch viel stärker mit den Zeiten haushalten muss. Es gibt viele Dinge, die es zu regeln gilt, und der Tag hat nur 24 Stunden.

Das Thema Flüchtlinge drängt sich auf. Wie beurteilen Sie die Sicherheitslage in Kerpen, gerade nach den Silvestervorfällen in Köln?

Erstmal bin ich froh, dass wir eine ausgeprägte Willkommenskultur in Kerpen haben. Ich sehe auch die Sicherheitslage in Kerpen als sehr gut an.

Glauben Sie, dass die Polizei hier immer angemessen berichtet, wenn Kriminalität im Umfeld der Flüchtlingsheime passiert?

Ja, wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur örtlichen Polizei. Integration gelingt dann, wenn die Tatsachen auf den Tisch kommen. Wir haben eine besondere Verantwortung, was die Aufnahme von Flüchtlinge betrifft, wir müssen aber auch sehen, dass teilweise Menschen zu uns kommen, die unsere Regeln nicht anerkennen. Diesen Menschen haben wir die Regeln zu erklären und durchzusetzen, und wenn sie diese nicht akzeptieren, wünschen ich ihnen eine gute Heimreise.

Was meinen Sie mit „besonderer Verantwortung“?

Na ja, von Deutschland ist der Weltkrieg ausgegangen. Wir haben eine besondere Verantwortung angesichts der Judenverfolgung. Wir haben eine Städtepartnerschaft ausgerechnet mit Oswiecim, dem früheren Auschwitz. Wir haben als Kolpingstadt eine soziale Tradition, und wir sind mit Deutschland eine Führungsmacht in Europa, auch wirtschaftlich gesehen. Da müssen wir vorangehen.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Bundesregierung die Flüchtlingskrise in den Griff kriegt?

Ich kommentiere nicht die Linie der Bundesregierung, ich bin nur ein Bürgermeister. Mein Anspruch ist es, hier in Kerpen eine breit getragene Lösung zu finden, wie wir die Menschen unterbringen wollen. Hier bin ich zuversichtlich. Ich weiß, dass ich diese Lösung mit allen Kräften im Rat finden werde.

Können Sie Einzelheiten berichten?

Wir wollen Anfang des Jahres verstärkt Flüchtlinge in Manheim-alt unterbringen. Dann werden wir bis zu 1200 Menschen bis Jahresende in mobilen Wohnanlagen unterbringen, die bisher von Soldaten genutzt wurden. Die werden stadtweit gerecht verteilt. Dann ist das gut zu stemmen. Anfang des kommenden Jahres würden wir in dauerhaftes Wohnen investieren und feste Wohneinheiten schaffen.

Wie sieht es mit dem Vollsortimenter am Kolpinghaus aus? Sind Sie optimistisch, dass Sie das noch hinbekommen?

Wenn ich kein Optimist wäre, wäre es schwierig, dieses Amt auszufüllen. Ich glaube auch bei dieser Fragestellung, dass wir sehr zeitnah zu einer Lösung kommen werden. An diesem Thema wird mit sehr viel Energie vom meinem Kollegen, dem Technischen Beigeordneten Joachim Schwister, gearbeitet. Hier wird hart verhandelt, etwa um die Parkplatzfragen.

Glauben Sie, dass die Erftlagune in diesem Sommer wieder eröffnet wird?

Ja, ich habe an der Erftlagune zwar selber noch keine Schaufel in der Hand gehabt. Aber wir sind hier intensiv am Werk, und die Fachleute sagen mir, dass wir im Sommer wieder eröffnen können.

Was sagen Sie zur Auseinandersetzung im Hambacher Forst?

Das Anliegen, dass die Aktivisten im Herzen haben, betrifft jeden Kerpener. Ich kann dieses als Mensch und auch als Vater zweier Kinder nachvollziehen. Ich habe großes Verständnis für das umweltpolitische Anliegen, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten und möglichst wenig Emissionen hier zu verursachen. Ich habe aber überhaupt kein Verständnis dafür, wenn sich unter die große Zahl von Kritikern mit ihren berechtigten Anliegen einige gewaltbereite autonome Kräfte mischen, die mit ihren Gewaltaktionen der Umweltbewegung schaden.

Wie ist die Haltung der Stadt zur Verlegung der Manheimer Kartbahn?

Ich gehe davon aus, dass es in Kerpen für die Kartbahn keinen neuen Standort geben wird, weder in Blatzheim noch in Türnich. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Bezirksregierung mit RWE einen neuen Standort für die Kartbahn außerhalb von Kerpen finden wird.

Thema Sportplätze. Sie haben sich geäußert, dass diese noch intensiver genutzt werden sollten. Ist dies eine Abkehr von den Zielen der Stadt, die Zahl der Sportplätze zu reduzieren, um Kosten zu sparen.

Mein Ansatz ist es, nicht übereilt Infrastruktur zu zerschlagen, die wir möglicherweise noch brauchen werden. Besonders nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln müssen wir den jungen Migranten die Regeln erklären und diese durchsetzen. Wir müssen ihnen aber auch die Möglichkeit geben, sich hier zu integrieren. Fußball ist gerade für junge Männer ein hervorragendes Integrationsinstrument. Wenn wir demnächst stadtweit Flüchtlinge verteilen werden, dann können Fußballplätze Integrationsanker sein. Deswegen: Nicht so schnell Infrastruktur zerschlagen. Das gilt auch für den Bereich der Inklusion. Manche Förderschulen, die jetzt aus engstirnigen politischen Gründen zerschlagen werden sollen, brauchen wir vielleicht später noch dringend. Wir müssen, gerade wegen der Flüchtlinge, auch noch einmal die Kindergarten- und Schulentwicklungsplanung überdenken. Damit wir nicht zu wenig und an der falschen Stelle investieren. Der größere Teil der Flüchtlingskinder wird unsere Kindergärten und Schulen besuchen.

Gibt es Überlegungen für Sindorf, um die Infrastruktur zu verstärken? Wie wäre es mit einem Bürgerhaus mit Kindergarten am S-Bahnhof?

Im Moment wird in viele Richtungen gedacht. Egal, welche Lösungen man verficht, eines ist klar: Sindorf braucht mehr Infrastruktur, weil es als Stadtteil deutlich gewachsen ist und immer noch wächst. Die Forderung nach einem Bürgerhaus für Sindorf ist deshalb verständlich.

Welche Rolle sollen die geplanten Stadtwerke einmal spielen?

Grundsätzlich sollen sie Gewinne produzieren und ökologisch von Nutzen sein, indem sie beispielsweise saubere Energie erzeugen.

Soll es denn mehr Solaranlagen und Windräder in Kerpen geben?

Ja, da bin ich ein großer Freund von. Kerpen kann gut noch Flächen für Windräder ausweisen. Wichtig ist dabei aber, dass sie nicht durch Schatten oder Geräusche die Bürger belasten.

Viele Bürger klagen über Müll auf den Kerpener Straßen. Was kann die Stadt tun?

Für mich liegt der Schlüssel in der Müllproblematik darin, dass die Menschen angehalten werden, ihren Müll selber zu entsorgen. Natürlich kann die Stadt noch mehr Mülleimer aufstellen oder noch einmal eine Kampagne machen. Wir reinigen als Stadt schon dreimal die Woche das Umfeld der Bahnhöfe in Sindorf und Horrem. Aber die Stadt kann nicht überall den Menschen hinterherlaufen und deren Müll beseitigen. Wenn man das wirklich wollte, müsste man so viel Personal vorhalten, dass zu Recht der Vorwurf erhoben würde, die Stadt hätte eine viel zu hohe Personalquote.

Was haben Sie sich für die nächste Zeit als Bürgermeister besonders vorgenommen?

Der Erhalt des sozialen Friedens hier in Kerpen, nicht nur bezogen auf die Situation mit den Flüchtlingen. Es geht auch um die Finanzsituation. Ich bin fest entschlossen, die Finanzen der Stadt zu erhalten, damit wir nachhaltig als Stadt handlungsfähig bleiben. Das will ich gemeinsam mit der Bevölkerung tun.

Das Gespräch führten Wilfried Meisen und Ralph Jansen