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Colonia Dignidad: Tränen für Opfer des Rattenfängers

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für Journalisten: Wie eine Festung war die Colonia Dignidad des Sektengründers Paul Schäfer abgeschirmt.

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für Journalisten: Wie eine Festung war die Colonia Dignidad des Sektengründers Paul Schäfer abgeschirmt.

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dpa

Siegburg -

Die Tränen vergießen andere, nicht die Opfer. „Was von diesen Menschen übrig blieb, sind Hüllen“, sagt TV-Moderatorin Angelika Kallwass . „Die können nicht mehr weinen“, fügt sie hinzu und bittet um ein Taschentuch. Noch immer ist sie erschüttert vom Schicksal der Eheleute Gudrun und Wolfgang Müller, die 40 Jahre in der berühmt-berüchtigten „Colonia Dignidad“ in Chile mehr gelitten als gelebt haben, bevor sie 2004 nach Deutschland, nach Bocholt, zurückkehrten – als gebrochene, zutiefst traumatisierte Menschen.

Er war nach Chile gekommen, weil ihm seine Eltern vorgegaukelt hatten, es ginge in ein Ferienlager nach Dänemark, sie war blauäugig einem „Rattenfänger“ des Sektengründers Paul Schäfer gefolgt. In der „Kolonie der Würde“ wurden sie ihrer Würde beraubt, wurden gefoltert und geschändet. Der Mann ist heute an den Rollstuhl gefesselt, die Frau zu gebrechlich, um ihn schieben zu können.

Die Ehefrau lernte Kallwass in der Talkshow ihrer Kollegin Bettina Böttinger kennen, und als Gudrun Müller mit an Apathie grenzender Sachlichkeit von ihrem Leid erzählte, habe sie aus „emotionaler Spontanität“ Hilfe versprochen. Seitdem sammelt sie Spenden für einen Elektrorollstuhl. Ein gebrauchter kostet 3000 Euro, 2000 hat sie schon zusammen. Die könnte die SAT 1-Moderatorin („Zwei bei Kallwass“) locker aus der eigenen Tasche bezahlen. Warum sie eine Spendenaktion daraus machte, weiß sie selber nicht so genau. „Vielleicht weil auch die anderen bezahlen sollen.“ Denn das so etwas wie die „Colonia Dignidad“ von Deutschland aus möglich gewesen ist, dafür schäme sie sich. Leichter ist freilich der Bezug zu Siegburg zu erklären: Zum einen hat Kallwass in Angelika Krombach, Lehrerin am Siegburger Berufskolleg, eine Verbündete gefunden, zum anderen lag die Keimzelle der Kolonie im damaligen Siegkreis. Der Sektengründer war in den 1950er Jahren evangelischer Jugendleiter in Troisdorf, in Lohmar-Heide gründete er seine „Private Soziale Mission“, die in der Siegburger Mühlenstraße noch in den 1980er Jahren einen Lebensmittelladen betrieb: eine scheinbar heile Welt. Dass über Jahrzehnte hinweg keiner etwas gemerkt habe von den Misshandlungen in der Kolonie, kann Angelika Kallwass nicht begreifen.

Infos zur Spendenaktion finden sich auf Facebook.

www.facebook.com/AngelikaKallwass