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Dr. Rupert Neudeck: Nie mehr feige, nicht ohne Angst

Dr. Rupert Neudeck

Dr. Rupert Neudeck

Troisdorf -

Wer keine Angst habe, der sei gefährdet, sagt Rupert Neudeck. Und in Gefahr ist er sicherlich immer wieder gewesen in den vielen Jahren seiner humanitären Arbeit an Krisenorten der Welt, ob als Gründer des Komitees „Deutsche Notärzte – Cap Anamur“ oder als Chef der Grünhelme. Den Satz „ich will nie mehr feige sein“, den er einmal öffentlich gesagt hat, versteht er daher nicht als das Fehlen von Angst. „Das ist vielleicht der tiefere Sinn dessen, was wir machen“. Denn nicht feige zu sein, beginne in der Straßenbahn, im Beruf, in der Schule. „Und deshalb ist es so wichtig, schon Schulkindern so etwas zu erzählen“. Am Mittwoch wird Neudeck 75 Jahre alt. Und noch immer ist er unterwegs, um zu erzählen, aber auch, um tatkräftig zuzupacken.

„Gutes tun muss eine Grenze haben“, zitiert der hagere Journalist und Ex-Jesuit einen Staatssekretär. Mit dem Abstand vieler Jahre erst kann er darüber lachen. Damals ging es um die Aufnahme von Bootsflüchtlingen aus dem südchinesischen Meer, später litten die Menschen Not im Kongo oder Ruanda, im Kaschmir oder im Tsunami-verwüsteten Pulau Kayu. Neudeck und seine Helfer engagierten sich in Afghanistan und in Nordkorea, in Palästina oder Somalia. Stets mit dabei das Gefühl, „wir Europäer sind immer besser dran“. Selbst auf der Flucht vor russischen Soldaten in Afghanistan habe er gewusst: „Du musst das drei Tage aushalten, die anderen sitzen hier immer fest“. Und diese anderen sorgten immer noch dafür, dass die Europäer den Platz auf dem Esel hatten.

Fragt man den studierten Philosophen Neudeck nach seinem erfolgreichsten Projekt, zitiert er gerne Martin Buber: „Erfolg ist kein Name Gottes“, hat der gesagt; „mit Input- und Output-Kategorien ist diese Arbeit nicht zu messen“, formuliert das Rupert Neudeck. „Das Größte“, so räumt er dennoch ein, „war und wird immer sein dieses Schiff“: Die Cap Anamur. Weil das Retten von Menschen aus dem Meer dem Urbild von Errettung entspricht, und „weil es in gewisser Weise auch gegen die Regierung durchgesetzt wurde“. Bis heute haben Neudeck und Ehefrau Christel enge Kontakte zu vielen der damals Geretteten, aber auch zu Ernst Albrecht, dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, der ganz früh sein Land für Flüchtlinge öffnete, hielten sie Verbindung.

Man könne sich schämen, allein glücklich zu sein, beruft sich Christel Neudeck auf Albert Camus, geht es im Gespräch um die Beweggründe für solch langen humanitären Einsatz. „Wenn man von dem, was man hat, abgeben kann, ist man glücklicher“. Die Katastrophe des Krieges haben beide am eigenen Leib erfahren: Christel, deren Vater acht Tage nach ihrer Geburt in Stalingrad fiel, und Rupert Neudeck, den auf der Flucht aus seiner Heimat Danzig im Grunde ein Zufall rettete: Zu spät kam die Familie zur Abfahrt der „Wilhelm Gustloff“ – jenes Schiffs, das mit tausenden Menschen in der Ostsee versank. Bilder dieser Flucht standen Neudeck in Uganda, Eritrea oder dem Kosovo vor Augen, starke Motivation für das eigene Tun. „Es sind Erinnerungen, die dafür da sind, dass man für andere etwas draus macht.“