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Geschichte: Windecker Josef Gauchel war 15 Jahre alt, als ihn NS-Ärzte ermordeten

Ein altes Fachwerkhaus im kleinen Dörfchen Gutmannseichen in der Nutscheid war der letzte Wohnort von Josef Gauchel in seiner Windecker Heimat.

Ein altes Fachwerkhaus im kleinen Dörfchen Gutmannseichen in der Nutscheid war der letzte Wohnort von Josef Gauchel in seiner Windecker Heimat.

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Fotos/Repros: Röhrig, privat

Windeck -

Er war noch ein Kind, als Ärzte auf ihn aufmerksam wurden, untersuchten und stationär einwiesen. Gerade einmal 15 Jahre alt wurde Josef Gauchel, nachdem die Mediziner des Naziregimes entschieden hatten, ihn umzubringen. Der Junge aus dem Dörfchen Gutmannseichen steht stellvertretend für weitere Opfer des NS-Euthanasie-Programms. In Kooperation mit dem Zeitzeugenforum der Awo Windeck erinnert die Caritas mit einer Ausstellung an die Verbrechen. Außerdem wird ein Stolperstein für Gauchel verlegt.

Bis heute steht „Aktion T4“ für den Tod von mehr als 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Dahinter verbarg sich die Adresse der damaligen Zentraldienststelle in Berlin: Tiergartenstraße 4. Von dort aus wurde von den Nazis als unwert deklariertes Leben ausgelöscht.

Bewegungsdrang und Unruhe

Josef Gauchel wurde am 23. Februar 1928 in Rossel geboren. „Er lernte in der Schule Lesen, Schreiben und Rechnen, war aber hinter seinen Altersgenossen etwas zurück und zeigte einen überdurchschnittlichen Bewegungsdrang und Unruhe.“ So hat das Zeitzeugenforum aus Gesprächen zusammengetragen und in Archiven recherchiert. Als Josef neun Jahre alt war, wurde er im Herbst 1937 zu einer Untersuchung in die Rheinische Provinzial-Kinderanstalt in Bonn eingewiesen. Dort wurde vermerkt, dass er seit dem fünften Lebensmonat Anfälle erlitten habe und 1935 eine Psychopathie diagnostiziert worden sei. Daher wurde er „zur Beurteilung seiner Erziehbarkeit im Rahmen der Fürsorgeerziehung gegebenenfalls auch zum Zweck der Unterbringung in einer Epileptikeranstalt hier eingewiesen“. Anfang 1938 wurde er von seinem Vater aus einer „Schwachsinnigenanstalt“ in Essen abgeholt, weil der Weg für Besuche zu weit sei. Nachbarn meinten, Josefs Verhalten habe sich stark verbessert.

Das menschenverachtende System ließ indes keine Ruhe aufkommen. Der örtliche Arzt musste sich mit der Klinik in Bonn in Verbindung setzen. Am 11. Mai 1942 wurde Josef erneut dort eingewiesen und bald ins Sankt Josefshaus in Hardt bei Mönchengladbach verlegt. In einem „Zusatzbericht“ ist von einer starken Verschlechterung des psychischen Befundes die Rede. Er schließt mit dem als Todesurteil zu interpretierenden Satz „Eine arbeitsmäßige Verwendung dürfte nur in ganz beschränktem Maße möglich sein“.

Ein unscheinbares Kreuzchen auf einem Formblatt der Rheinischen Landsklinik für Jugendpsychiatrie in Bonn bestätigte als geheimes Zeichen der Euthanasieärzte den Beschluss: Josef Gauchel soll sterben. Am 17. Mai 1943 wurde der Junge im Zuge der geheimen dezentralen „Euthanasie“ der Nazis in das zur Tötungsanstalt umfunktionierte „Wagner-Jauregg-Krankenhaus“ in Niedernhart bei Linz/Österreich verlegt.

„Am 18. und 19. Mai 1943 wurden 94 Buben beziehungsweise junge Männer im Durchschnittsalter von zwölf Jahren in die Anstalt Niedernhart transferiert. Diese Transporte dokumentieren eine der grausamsten Ermordungswellen Niedernharts, da innerhalb weniger Wochen der Großteil der Kinder und Jugendlichen in der Anstalt getötet wurde“, berichtet der österreichische Historiker Florian Schwanninger.

Am 31. Mai 1943 stirbt Josef Gauchel angeblich an einem epileptischen Anfall. Einen Tag später wird der sechsjährige Bertram Bödefeld aus Eitorf in der gleichen Anstalt getötet. 1944 wird Wilhelmine Müller, die bis 1937 ebenfalls in Gutmannseichen gelebt hatte, in der „Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde“ ermordet. Über Niedernhart haben die Windecker Forscher herausbekommen, „dass hier untergebrachte Kranke durch Kürzung der Essensrationen geschwächt wurden, damit sie leichter getötet werden konnten“. „Die Tötungen durch Überdosierung von Barbituraten wurden zuerst durch orale, später durch intravenöse Verabreichung vorgenommen“, zitieren sie.

Stolpersteinprojekt

Annemarie Röhrig, die dieses Schicksal für das Stolpersteinprojekt recherchiert hat, freut sich über weitere Hinweise dazu (02292/3822 oder annemarie.roehrig@gmx.de).