Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt
Kölnische Rundschau | Nach Anschlag in Istanbul: Türkische Bürger in Rhein-Sieg wollen sich nicht einschüchtern lassen
14. January 2016
http://www.rundschau-online.de/23460096
©

Nach Anschlag in Istanbul: Türkische Bürger in Rhein-Sieg wollen sich nicht einschüchtern lassen

Ein Mitglied der türkischen Spezialeinheit steht Wache auf einem Gebäude am Anschlagsort vor der Blauen Moschee.

Ein Mitglied der türkischen Spezialeinheit steht Wache auf einem Gebäude am Anschlagsort vor der Blauen Moschee.

Foto:

dpa. seb, pf, ah, klm

Rhein-Sieg-Kreis -

Den Knall der Explosion hat Haydar Zorlu bei sich zu Hause gehört. Der Schauspieler aus Eitorf lebt in Istanbul, wo er ein deutsches Theater betreibt. Gestern Mittag, kurz nach dem Selbstmordattentat vor der Blauen Moschee, ist er nach Deutschland geflogen, wo er einige Termine mit seinem Theaterstück „Faust Solo“ hat. „Ich habe sofort den Computer angemacht, um zu erfahren, was passiert ist. Das war so eindeutig eine Bombe!“ Der Weg zum Flughafen führte ihn durch das Stadtviertel Sultanahmet und an der Anschlagstelle vorbei. „Wenn ich Gäste aus Deutschland habe, dann gehen wir an diesen Ort; zwischen dem Deutschen Brunnen, dem Ägyptischen Obelisken und der Blauen Moschee haben drei Weltreiche Platz gehabt.“

Das Leben müsse weitergehen, sagt der 48-Jährige. „So gehen wir in Istanbul vor. Ich stehe ja immer vor Publikum, mache auch deutsche Shows in meinem deutschen Theater und habe zuletzt in einem deutsch-türkischen Haus mit 600 Plätzen gespielt. Ich fahre weiterhin Metro, gehe zu öffentlichen Plätzen. Man muss sich sagen: Ich habe keine Angst!“

Das Attentat von Istanbul, bei dem zehn Deutsche getötet und 15 Menschen verletzt wurden, beschäftigt die Türken und Deutschen im Rhein-Sieg-Kreis. Der Schock sitzt tief.

„Was dort passierte, ist abscheulich“, kommentierte Erkan Zorlu, der Vorsitzende des Troisdorfer Integrationsrats, den Anschlag. Ganz besonders, da unschuldige Touristen getroffen wurden. „Nicht hinnehmbar“ sei aber auch, dass die Regierung die Presse mehr oder weniger ausschließe. „Mal heißt es IS, mal Kurden, aber konkrete Informationen haben wir nicht“, geißelte Zorlu das Verhalten nach diesem und anderen Anschlägen in der Türkei. Zorlu (45) wurde selbst in Troisdorf geboren; seine Eltern aber stammen aus dem Kurdengebiet im Osten der Türkei. Heute leben die Eltern überwiegend in Troisdorf, auch den Anschlag erlebten sie beim Sohn. Drei Monate des Jahres aber verbringen sie in Istanbul, wo noch Verwandte der Zorlus leben. „Die fühlen sich auch nicht mehr so sicher auf öffentlichen Plätzen“, weiß Familienvater Erkan Zorlu. Er selbst würde nach wie vor Urlaub in der Türkei machen, „insbesondere in Badeorten wie Antalya oder Bodrum im Westen“. Allerdings, so schränkt er ein, „würde ich die Plätze meiden, wo viele Menschen sind.“

„Barbarisch“ nennt Mehmet Sarikaya den „erschreckenden“ Anschlag. Der Leiter des Kreisplanungsamtes, der aus einem Dorf im Osten der Türkei stammt und 1977 nach Deutschland gekommen ist, hat Verwandte in Istanbul, die allerdings mindestens 20 Kilometer vom Zentrum entfernt wohnen. Er selbst hat die Stadt am Bosporus und ihre bekannten Sehenswürdigkeiten schon mehrfach als Tourist besucht. Wegen Terrorgefahr nun nicht mehr dorthin zu reisen, das würde er „niemals in Erwägung ziehen“. „Nein, ich lasse mich nicht einschränken, wir dürfen dieser Barbarei nicht nachgeben“, sagt der 51-Jährige, für den das Attentat „sicher auch mit der Politik der türkischen Regierung“ zu tun hat.

Kein Zufall könne es sein, sagt Sara Zorlu, Vorsitzende der SPD-Fraktion in Eitorf, dass der Anschlag einen Tag nach dem Beschluss verübt wurde, deutsche Flugzeuge von der Türkei aus Einsätze gegen den IS fliegen zu lassen. „Das ist ein Angriff auf unsere Lebensweise, der koordiniert war“, sagt die in Deutschland geborene Politikerin mit Wurzeln in der Türkei. Der Ort des Attentats sei sehr bewusst ausgesucht worden: Die Blaue Moschee war erst eine Kirche, dann eine Moschee und ist jetzt Museum.

„Sie hat einen hohen Stellenwert in unserer Kultur. Umso härter trifft uns so ein Attentat, das auch die deutsch-türkischen Beziehungen zum Ziel hat. Hier leben ja viele mit dem Migrationshintergrund. Wir sind jetzt ja alle Opfer eines terroristischen Anschlags geworden.“ Gemeinsam, so Sara Zorlu, müssten Deutschland und die Türkei nun gegen den internationalen Terrorismus vorgehen.

„Ich verurteile den Terror und trauere um die Opfer“, das hat Hicabi Saglam (53), Mitbegründer des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins in Siegburg, unmittelbar nach dem Attentat getwittert. Seine 27-jährige Tochter Bilge lebt und arbeitet in Istanbul, „und natürlich machen wir Einheimischen uns Gedanken. Syrien ist nicht weit. Keiner weiß doch, was jetzt passiert.“ Er glaube aber an den Rechtsstaat, „den deutschen wie den türkischen.“ Auch die Vorbeter in den Moscheen leisteten ihren Beitrag, indem sie gegen den IS predigten. „Das ist nicht der Islam. Der IS, das sind Terroristen, die im Namen Allahs Attentate begehen, aber sie schaden den Moslems.“ Solche Attentäter stellten nicht nur eine Gefahr für die Menschheit dar, sondern für die Demokratie. „Wir dürfen uns davon aber nicht einschüchtern lassen“, sagt Saglam. „Die Terroristen wollen doch, dass man Angst hat und zum Beispiel die Touristen jetzt die Türkei meiden.“ Das dürfe aber auf keinen Fall passieren.

In diese Richtung geht auch die Überlegung von Necip Celik, Imbiss-Betreiber aus Siegburg; „Das Attentat richtet sich gegen alle Touristen, aber auch gegen die Türken.“ Terrorismus habe mit dem Islam nichts zu tun, sagt er: „Menschen machen so etwas nicht, egal ob Christen oder Muslime.“ Als Kurde ist er sich sicher, dass die PKK solche Anschläge nicht planen würde: „Das waren keine Kurden.“ Ein Anschlag in Sultanahmet, nahe berühmter Sehenswürdigkeiten; die Todesopfer deutsche Touristen: Große Reiseveranstalter befürchten nun Auswirkungen auf das Reiseland Türkei.

Viele Familien würden um diese Jahreszeit traditionell ihren Sommerurlaub buchen und jetzt wohl erst einmal abwarten, erklärte Tui-Chef Fritz Joussen. Auch wenn Reisebüros im Kreis noch keine konkreten Auswirkungen verzeichnen (Siehe Kasten: „Touristen sind bereits an angespannte Sicherheitslage gewöhnt“), machen sich Türkei-Reisende Gedanken über die politische Lage. Seit knapp 20 Jahren organisiert Volkhard Nelis (73) aus Siegburg regelmäßig ab Christi Himmelfahrt kurze Städtereise für drei Nächte nach Istanbul. 2015 flog eine Gruppe von 30 Personen mit ihm an den Bosporus.

Für dieses Jahr war gar keine Reise geplant. „Freunde von dort haben mir abgeraten“, gibt der ehemalige Lehrer des Anno-Gymnasiums freimütig zu. „Alle dort sind sehr nervös und aufgebracht vor allem wegen der Entwicklung im Südosten des Landes“ nahe der Grenze zu Syrien. „Sie können verstehen, wenn wir dieses Jahr nicht kommen.“ Anlass zur Sorge sehen Nelis und seine Freunde in der Türkei auch in der Politik Erdogans.