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Colonia Dignidad in Chile: Missbrauchsvorwürfe gegen Sektengründer schon 1961

Das Archivfoto aus den 80er Jahren zeigt den Eingangsbereich der "Colonia Dignidad" in Parral, Linares. 1991 wurde das Areal in „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) umbenannt.

Das Archivfoto aus den 80er Jahren zeigt den Eingangsbereich der "Colonia Dignidad" in Parral, Linares. 1991 wurde das Areal in „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) umbenannt.

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dpa

Troisdorf/Lohmar -

„Plötzlich war er da“, hat ein Kollege vor fast 20 Jahren geschrieben: Die Herkunft von Sektengründer Paul Schäfer liegt im Dunkeln.

Gesichert ist, dass er 1947 als Jugendpfleger in der evangelischen Kirchengemeinde Troisdorf arbeitete, die ihn 1949/50 allerdings entließ. Gemeinsam mit dem Baptistenprediger Hugo Baar gründete er Anfang der 50er Jahre die „Private Sociale Mission“. In Lohmar-Heide fand die Gruppe Mitte der 50er Jahre ein Grundstück, auf dem sie nach dem Abriss einer dort stehenden Baracke bauten.

Im September  1960 wurde das in der Nachbarschaft als Missionshaus bekannte Gebäude eingeweiht; ein modernes Haus, das über Werkstätten und sogar über ein Schwimmbad verfügte. Nachbarn von damals fiel wohl auf, dass es – eine absolute Seltenheit – schon über eine Sprechanlage am Tor verfügte. Über das, was schon damals wirklich in dem Haus vorging, wurde aber offiziell nichts bekannt. Im Gegenteil wurde die dort geleistete Erziehungsarbeit für Heimkinder immer wieder auch öffentlich und von Amtsträgern gelobt.

Missbrauchsvorwürfe in Lohmar

Im Februar 1961 durchsuchte erstmals die Polizei das Haus: Gegen Paul Schäfer waren Missbrauchsvorwürfe aktenkundig geworden; der aber war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Heide, sondern bereits nach Chile geflüchtet. Auch 150 Heimkinder sollen damals mitgereist sein. Nach und nach folgten die meisten der rund 200 Sektenmitglieder – Männer, Frauen und Kinder –, im Januar 1962 war  niemand mehr da, das Haus verkauft.

Im Süden Chiles lag die als „Colonia Dignidad“ bekannt gewordene Farm; auf einem Gelände von der Größe des Stadtstaats Bremen schufteten die Bewohner; der Missbrauch an Kindern ging wohl ebenso weiter wie die Unterdrückung der Sektenmitglieder. Aus dem extrem gesicherten Gelände gelang nur einigen wenigen Mitgliedern die Flucht,  die chilenische Militärdiktatur nutzte die „Colonia“ als Foltergefängnis. 1991 wurde die Colonia Dignidad offiziell aufgelöst, faktisch aber existierte die Kolonie weiter. Heute leben noch um die 100 Menschen auf dem Gelände der in „Villa Baviera“ umbenannten Kolonie.

In Argentinien verhaftet

Paul Schäfer wurde 2005 in Argentinien verhaftet und 2006 zu 20 Jahren Haft verurteilt; eine weitere Verurteilung folgte 2009. Ein Jahr später starb Paul Schäfer im Alter von 88 Jahren. Wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch hatten die chilenischen Richter auch Hartmut Hopp verurteilt, den ehemaligen Arzt der Sekte in Chile.

Trotz der verhängten Haftstrafe von fünf Jahren war der zunächst auf freiem Fuß geblieben und 2011 nach Deutschland geflohen,wo er seither in Krefeld lebt. Nachdem eine Auslieferung nach Chile abgelehnt wurde, haben die Behörden des südamerikanischen Landes beantragt, die Strafe in Deutschland zu vollstrecken. Diesem Ansinnen, so berichtete vor wenigen Tagen unter anderem der „Kölner Stadt-Anzeiger“, will nun die Staatsanwaltschaft Krefeld mit einem entsprechenden Antrag beim Amtsgericht nachkommen.