Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt

Zeitzeugen in Windeck: Erinnerung an Euthanasie-Opfer – Ausstellung im Siegtal-Dom

Ulrich Hansmann und Doris Hansmann-Weber berichteten Annemarie Röhrig (v. l.) vom Zeitzeugenforum von Wilhelmine Müller.

Ulrich Hansmann und Doris Hansmann-Weber berichteten Annemarie Röhrig (v. l.) vom Zeitzeugenforum von Wilhelmine Müller.

Foto:

rvg

Windeck -

„Das kann uns heute nicht mehr passieren! Stimmt das wirklich?“ Mit einer provokanten These führte Harald Klippel, Kreis-Caritasdirektor, in die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ im Siegtal-Dom zu Dattenfeld ein.

15 Schautafeln beleuchten die „Aktion T4“ im nationalsozialistischen „Euthanasie-Programm“. Eines der mehr als 70 000 Opfer war Wilhelmine Müller, in Hoppengarten geborene Hansmann, die mit ihrem Mann und drei Kindern in Gutmannseichen gelebt hat.

Ihre Großnichte Doris Hansmann-Weber und der Großneffe Ulrich Hansmann waren zur Eröffnungsveranstaltung gekommen und berichteten gemeinsam mit Annemarie Röhrig vom Zeitzeugenforum der Arbeiterwohlfahrt Windeck vom Schicksal und Leiden ihrer Verwandten.

Kurz vor Weihnachten 1937 war Wilhelmine Müller verschwunden und wurde Stunden später im Wald gefunden. Ihr Großneffe glaubt, dass sie zu ihrem Elternhaus nach Hoppengarten wollte. Die offizielle Diagnose lautete damals Nervenzusammenbruch. Ihr Arzt ließ sie in die Provinzial-Pflege- und Heilanstalt nach Bonn einweisen. Statt Hilfe zu bekommen, erlitt sie in den folgenden fast sieben Jahren ein Martyrium. Sie wurde wegen Schizophrenie behandelt und gegen den Willen der Familie zwangssterilisiert. Ihrem Ehemann gelang es nicht, sie nach Hause zu holen. Am 6. Juli 1944 wurde sie in die Tötungsanstalt „Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde“ deportiert, starb dort am 13. Juli 1944.

Röhrig war bei Nachforschungen zu jüdischen Mitbürgern auf Müller gestoßen. „Heute würden wir von postnataler Depression oder Burn-Out sprechen.“ Sie glaubt nicht an die offizielle Aktenlage von Selbstmordabsichten und Schizophrenie. „Warum sie nicht nach Hause entlassen wurde, wissen wir noch nicht.“

Beeindruckend waren die Aussagen ihrer Nachkommen. „Ich wusste bis 2009 so gut wie nichts von meiner Großtante“, berichtete Hansmann-Weber, „das Schweigen führt die Taten der Täter fort.“ Denn das Verdrängen lasse Scham und Schuld wachsen. Ihr Bruder Ulrich Hansmann will weiterforschen und appellierte an die Familie Müller, den Kontakt mit ihm zu suchen. „Obwohl Wilhelmine Opfer im damaligen Mahlwerk war, hatte sie die Gnade, Kraft oder Bestimmung, unglaublich lange Zeit zu überleben. Sie hat den Kampf nicht verloren, da sie auf ihre denkwürdige Weise mit uns weiterlebt.“ Vizelandrätin Notburga Kunert und der stellvertretende Diözesan-Caritasdirektor Dr. Helmut Loggen wandten sich direkt an die Zehntklässler des Eitorfer Siegtal-Gymnasiums, die gekommen waren.

Sie seien die nächste Generation, die gegen das Vergessen einstehen und aufpassen müssten, dass die Gräuel des Nazi-Regimes, wie etwa die Tötung von rund 300 000 behinderten und psychisch kranken Menschen, nie wieder passieren. Cleo, Berat und Philip sind dabei, sie haben viel gelernt: „Unter dem Begriff Euthanasie konnten wir uns bisher nichts vorstellen, jetzt ist das anders.“