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Michail Trejster aus Weißrussland: Holocaust-Zeitzeuge spricht vor Schülern

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Michail Trejster hat heute noch das Geräusch der Bombardierung von Minsk im Ohr.Foto: Rosenbaum
Holocaust-Zeitzeuge Michail Trejster aus Weißrussland spricht vor Schülern in Hürth und Kerpen Von
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Hürth/Kerpen

„Guten Morgen“, grüßte der Zeitzeuge Michail Trejster auf Deutsch, und die Schülerinnen und Schüler, die sich in der Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums versammelt haben, um seine Geschichte zu hören, grüßten lachend zurück.

Der 86-jährige Weißrusse aus Minsk befindet sich zurzeit auf einer Gesprächsreise zu weiterführenden Schulen in sechs Städten. Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) veranstaltet die Gesprächsreise zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Damit richtet das IBB die Aufmerksamkeit zugleich auf die geplante Gedenkstätte in Trostenez bei Minsk.

Deshalb trat Stadtarchivar Manfred Faust, bevor Michail Trejster in Hürth sprach, vor die Jugendlichen und erklärte das Vorhaben. Alle deutschen Städte und Gemeinden, aus denen Menschen stammen, die in Trostenez ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden, haben Geld gesammelt für den Bau der Gedenkstätte. Aus Hürth stammen neun Personen der Familien Heidt und Levy. Zur Grundsteinlegung an Pfingsten sollen nun möglichst viele Bürger aus den beteiligten Kommunen anreisen, so dass Faust die Gelegenheit nutzte, dafür Werbung zu machen.

Als die neun Hürther Ende Juli 1942 im Wald des ehemaligen Gutes Trostenez ihr eigenes Grab ausheben mussten und erschossen wurden, saß Michail Trejster im Minsker Ghetto und reparierte die Schuhe zu den Uniformen der deutschen Luftwaffe. Er war erst 14 Jahre alt, als er, drei ältere Geschwister und die Mutter dort hinter Stacheldraht eingepfercht waren. Sie hatten die Bombenangriffe vom Minsk Ende Juni 1941 knapp unter den Trümmern ihres eigenen Hauses überlebt.

Als Partisan anderen zur Flucht verholfen

Trejster erkannte im Ghetto bald, dass er arbeiten müsse, um zu überleben. So machte er sich zwei Jahre älter und behauptete, das Schusterhandwerk gelernt zu haben. Wenn in dem Ghetto auf einen Schlag 12.000 Juden ermordet werden sollten – insgesamt fünf dieser großen Pogrome gab es in den 27 Monaten, in denen das Ghetto bestand –, dann wurden die Fachkräfte zuvor angewiesen, an ihren Arbeitsplätzen zu übernachten.

Im Juli 1943 wird Trejster dennoch in ein Vernichtungslager überstellt. Nach zwei Wochen gelingt ihm die Flucht zurück ins Ghetto. Dort ist er bereits aus der Liste gestrichen, gilt als „liquidiert“. Eine Woche später gelingt ihm die Flucht zu den Partisanen. Die Widerstandsbewegung gegen das NS-Regime ist stark zu der damaligen Zeit, von rund 370 000 Partisanen ist die Rede. Zu ihnen zu gelangen, oft über viele Kilometer, ist lebensgefährlich. „Wir flohen zu dritt, aber nur ich kam durch“, nannte Trejster die Überlebensquote.

Trostenez-Reise

Die IBB Dortmund und „Johannes Rau“ in Minsk organisieren vom 7. bis 12. Juni 2014 eine Bildungs- und Gedenkreise nach Minsk unter dem Titel „Auf den Spuren von unseren Müttern und Vätern“. Das Reiseprogramm und Anmeldeformulare sind unter der Internetadresse www.ibb-d.de zu finden. Ansprechpartner ist Anton Markschteder, E-Mail markschteder@ibb-d.de, Telefon (02 31) 95 20 96 31. Anmeldeschluss ist der 30. April 2014.

„Warum sind Sie nicht früher geflohen?“, fragte ein Schüler. Aus der Antwort von Michail Trejster wurde deutlich, dass der Wald bei der weißrussischen Hauptstadt damals ein eiskaltes Gebiet voller hungriger Wölfe war. Auch waren die Partisanen alles andere als eine Flüchtlingshilfsorganisation. Wer zu ihnen stieß, musste etwas mitbringen, was ihnen im eigenen Überlebenskampf nützte, Fähigkeiten oder Gerätschaften.

Trejster wurde von den Partisanen auf gefährliche Missionen geschickt. So lautete einer seiner Aufträge, Fachkräften wie Ärzten, Pharmazeuten oder Seifenmacher zur Flucht aus dem Ghetto zu verhelfen. Einen solchen Auftrag nutzte er, um auch seine Mutter und seine drei Geschwister herauszuholen.

„Haben Sie jemals daran gedacht, aufzugeben?“, wollte ein Schüler wissen. „Nein, ein junger Mann ist durstig nach Leben“, antwortete der Zeitzeuge. „Wie war denn das Verhältnis der Menschen im Ghetto untereinander?“, war die nächste Frage. „Wie im normalen Leben auch“, so Trejsters Erfahrung: „Manche Menschen unterstützen sich gegenseitig, andere denken nur an sich.“ Die Frage weckte die Erinnerung an sein katholisches Kindermädchen. Sie gehört zu den 700 Menschen, an die Überlebende des Holocaust die Erinnerung wach halten, weil sie unter Gefahr fürs eigene Leben Juden retteten.

Heute spricht Michail Trejster in der Realschule Kerpen.

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