Uma Ivens Ausstellung „Mythen und Wahrheiten“, inspiriert von der griechischen Antike, zeigt Powerfrauen und hinterfragt alte Mythen mit aktuellem Bezug.
Ausstellung im BürgerzentrumKölner Künstlerin zeigt antike Sagen durch die Linse weiblicher Intuition

Uma Iven hat sich auch chinesische Terrakotta-Krieger (l.) und ein Bild über die Gefahren der Pubertät gemalt (r.).
Copyright: Hans-Willi Hermans
Karyatiden sind Frauenfiguren, die bei einigen antiken Tempeln anstelle von Säulen die Dachkonstruktion stützen. Eine tragende Rolle also, aber eben doch eine untergeordnete. Deshalb macht sich eine der steinernen Frauen einfach auf und davon, lässt den Tempel, Tempel sein – mal sehen, was anderswo so läuft. Das passiert allerdings nur in der Kunst, in einem der Bilder von Uma Iven. Sie hat den Karyatiden gleich mehrere Werke ihres aktuellen Zyklus‘ „Mythen und Wahrheiten“ gewidmet, den sie noch bis zum 20. Oktober im Bürgerzentrum Ehrenfeld (Büze) zeigt.
Der etwas andere Blick von Frauen auf die Realität interessiert Iven, auch wenn er zuweilen einen tragischen Beigeschmack hat. Wie im Falle der trojanischen Königstochter und Seherin Kassandra, deren Warnungen vor dem hölzernen Pferd ungehört bleiben, wie alle ihre Weissagungen. Eine Rache der Götter, weil sie einst Apollo abgewiesen hatte. Das nimmt kein gutes Ende: Kassandra wird von Agamemnon nach Griechenland verschleppt und dort von dessen eifersüchtiger Gattin Klytämnestra umgebracht. Nicht bei Uma Iven allerdings, auf ihrem Bild laufen Kassandra und Klytämnestra Hand in Hand übermütig ins Offene. Powerfrauen nennt man das heute.

Die Powerfrauen Kassandra und Klytämnestra laufen zum Strand.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Künstlerin deutet antike Mythen mit Picasso und weiblicher Intuition neu
Kompositorisch ist das stark an Picassos „Zwei Frauen rennen am Strand“ angelehnt, obwohl Picasso sich nicht unbedingt als Feminist einen Namen gemacht hat. „Mich interessiert auch nur die Dynamik seines Bildes, das ja an sich nichts mit dem Mythos zu tun hat“, sagt die Künstlerin, deren Begeisterung für die antike Welt auch eine Folge der regelmäßigen Aufenthalte in der Ägäis ist. Ihre Versionen der Sagen sind ein Plädoyer für die weibliche Intuition: „Mythos bedeutet hoffentlich nicht, dass wir dieselben Fehler immer wieder machen“, so Iven. „Wie aktuell diese Geschichten sind, zeigt im Übrigen, dass auch Taylor Swift einen Song mit dem Titel ,Cassandra‘ gemacht hat.“
Im Büze hat die 82-jährige Künstlerin mit Unterstützung der Kuratorin Jovita Majewski zum ersten Mal überhaupt Gelegenheit, ihre Arbeiten in einer eigenen Ausstellung zu zeigen. Angesichts der Qualität der Werke ist das einerseits überraschend, andererseits nicht untypisch für ein Frauenleben in der Bundesrepublik nach 45. „Schon als Kind saß ich oft in der Ecke und habe viel gemalt. Die Eltern und Großeltern waren sehr schweigsam, der Krieg war gerade zu Ende“, erzählt sie. Sie hätte gern Kunst studiert, doch Geld verdienen war wichtiger. Uma Iven machte eine Banklehre, arbeitete für eine Werbefirma, heiratete, bekam Kinder, was sie aber nicht von einem Studium abhalten konnte. Mit 45 trat sie eine feste Stelle als pädagogisch-therapeutische Beraterin bei der Stadt an.
Erst 2020 schrieb sie sich an der Freien Kunstschule ein, doch auch das Kunststudium musste sie häufig unterbrechen: „Es kamen immer wieder neue Enkel dazu“, erzählt sie lachend. Eine eigene Ausstellung zu organisieren, zählt zu den Anforderungen des Studiums, das sie 2029 beenden möchte.
Spuren hat ihre Familie aber längst im Stadtteil hinterlassen. Ein Vorfahr etwa gehörte zu den Gründern der Großen Cöln-Ehrenfelder CG von 1904, einem Karnevalsverein, der später mit zwei anderen in der Bürgergarde Blau-Gold aufging. Und die Street-Art-Werke ihres Sohns John Iven und seiner Goodlack-Künstlergruppe sind an vielen Mauern des Veedels zu bewundern, das bekannteste dürfte das Edelweißpiraten-Mahnmal sein. Uma Iven ist stolz, dass ihr Sohn von der Kunst leben kann, die noch dazu häufig politisch engagiert ist: „Am Anfang, als er noch mit der Spraydose unterwegs war, hat mich das allerdings beunruhigt, deshalb war ich froh, dass er zunächst etwas Seriöses machte und Sport studierte.“
