Scham ist omnipräsent und bewegt jeden von uns. Daher hat der Kunstverein 68elf das ganz besondere Gefühl zum Titel seiner Jahresausstellung erkoren.
„Scham“ in Köln-EhrenfeldWerke zu einem vielseitigen Thema im Bunker K 101

Agii Gosse zeigt ihren Beitrag zur großen Jahresausstellung, dem Barschel-Handtuch.
Copyright: Susanne Esch
Das Bild von dem toten Uwe Barschel in der Badewanne blieb im kollektiven Gedächtnis. Ob der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident 1987 wirklich Selbstmord beging, ist nicht abschließend geklärt. Agii Gosse, Vorstandsvorsitzende des Kunstvereins 68elf, kann sich gut vorstellen, dass er sich sozusagen zu Tode geschämt hat. „Er hat uns alle belogen“, erinnert sie sich. Der CDU-Politiker beteuerte mit seinem „Ehrenwort“, seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm nicht bespitzelt und verleumdet zu haben.
Jahresausstellung von 68elf im Bunker in Köln-Ehrenfeld
Die dazu vorgelegten eidesstattlichen Versicherungen erwiesen sich dann allerdings später als falsch. „Damals hat man Politikern ja noch geglaubt“, sagt Gosse. „Seitdem sind allerdings noch ganz andere Dinge passiert, für die sie sich schämen müssten.“ Der Fall Barschel ist Teil der Ausstellung „Scham“, der großen Jahresausstellung des Kunstvereins 68elf.
49 Künstler steuern Werke zur Ausstellung in Köln-Ehrenfeld bei
49 Künstlerinnen und Künstler zeigen dort Werke, die sich mit dem Thema befassen. Gosse hat die schambehaftete Barschel-Badewannen-Szene gemalt und auf ein großes Handtuch gedruckt, passend zum Ort des Geschehens. Schwarzer Humor ist das Markenzeichen vieler Werke von Mitgliedern des Kunstvereins. Politische Inhalte gehörten schon immer fest zum Schaffen der Künstler und zu den Themen der großen Jahresausstellungen.
„Deutscher Bunker“, „Verschwörung“ und „Empört Euch!“, hießen einige in der Vergangenheit. Über das jeweilige Thema wird im Verein immer demokratisch abgestimmt. Die aktuelle Ausstellung hat ein Team von sieben Künstlern und Künstlerinnen kuratiert, und so sind die künstlerischen Beiträge aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Druck, Skulptur, Installation, Fotografie, Video und Performance facettenreich.

Die Installation mit dem Titel „Die Scham muss die Seite wechseln“ wird auch im Bunker K 101 zu sehen sein.
Copyright: Kollektiv Worst Case
Eine Installation, die auch auf der Einladungskarte zu sehen ist, zeigt eine Wippe, deren eine Seite in die Höhe ragt, obwohl sie mit Sandsäcken beschwert ist. „Die Scham muss die Seite wechseln“ heißt das Werk der Künstlergruppe „Kollektiv Worst Case“. Der Titel ist ein Zitat der Französin Gisèle Pelicot, die 2024 die an ihr begangenen Vergewaltigungen durch ihren Ex-Mann und 50 weitere Täter öffentlich machte. Die Installation verbildlicht das Problem: Unnatürlicherweise befindet sich die Wippenseite, die eigentlich mit Schuld und Scham belastet ist, in der oberen Position, während die unbelastete auf dem Boden klebt.
Ehrenurkunde für den sechsten Platz im Fechtturnier mit sechs Teilnehmern
Auch eigene Scham wird in der Ausstellung thematisiert: Die „Ehrenurkunde“ im Fechten gab es für den sechsten Platz beim Feriensport im Jahr 1976. Der so ausgezeichnete Künstler hat sie mit einem kleinen roten Infokästchen versehen, was Auskunft darüber gibt, dass es der sechste Platz von sechs Teilnehmern war. Das Thema bewege alle Menschen auf unterschiedliche Weise, findet Gosse. „Die Betrachter stoßen auf ihre eigene Scham oder schämen sich fremd.“
„Scham“, die Jahresausstellung des Kunstvereins 68elf, öffnet am Freitag, 4. September, um 18 Uhr im Bunker K 101. Die Ausstellung ist bis Sonntag, 20. September, zu sehen und freitags zwischen 17 und 20 Uhr sowie samstags und sonntags zwischen 16 und 19 Uhr geöffnet. Am Samstag, 12. September, lesen Thomas Dahl und Agii Gosse um 19 Uhr aus eigenen literarischen Werken zum Thema. Am Samstag, 19. September, findet um 17 Uhr eine Performance des Kopróchoma-Kollektives statt.