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Kölns SPD-Doppelspitze im Interview „Fassungslos, wie das Ratsbündnis mit dem Wunsch der Eltern umgeht“

Claudia Walther mit roter Jacke und Florian Schuster in blauer Jacke. Beide lächeln Rücken an Rücken in die Kamera.

„Wir ticken ähnlich.“ Die Kölner SPD-Chefs Claudia Walther und Florian Schuster wollen ihre Partei neu aufstellen.

Seit 5. November sind Claudia Walther und Florian Schuster die neuen Vorsitzenden der Kölner SPD. Michael Fuchs sprach mit ihnen über Herausforderungen im Amt und die Arbeit in der Doppelspitze.

Wie haben Sie die ersten Wochen seit Ihrer Wahl erlebt?

Walther: Es war eine sehr intensive Zeit. Wir mussten überlegen: Wie organisieren wir das alles – die Kommunikation mit den anderen Mitgliedern im Unterbezirksvorstand, mit der SPD-Ratsfraktion und den Ortsvereinen, aber auch mit anderen Akteuren in der Stadt.

Schuster: Die Tage sind länger geworden, die Nächte kürzer. Aber das soll keine Beschwerde sein, ganz im Gegenteil. Dieses Amt ausüben zu dürfen, ist eine große Ehre. Und es macht auch wirklich viel Spaß.

Es gibt von keiner Seite Störgeräusche oder Versuche, die Arbeit zu erschweren.
Florian Schuster

Wie vereinbaren Sie das Parteiamt mit Ihrem Beruf?

Schuster: Das müssen wir noch einüben. Ich bin voll berufstätig, der Parteivorsitz ist ein Ehrenamt – da muss man sich gut organisieren, um auch ein Privatleben zu haben.

Walther: Genau. Ich habe eine 80-Prozent-Stelle, das gibt mir etwas mehr Spielraum. Aber Zeitmanagement bleibt immens wichtig. Wir haben schon ein paar Mal gesagt: Wie gut, dass wir das zu zweit machen.

Wie teilen Sie sich die Arbeit in der Doppelspitze auf?

Walther: Wir kommunizieren täglich mehrfach und haben einen festen Termin in der Woche, an dem wir uns treffen. Im SPD-Vorstand tauschen wir uns per Smartphone zu Terminen und anderen Absprachen aus.

Schuster: Der Vorteil der Doppelspitze ist, dass wir uns ergänzen. Man fragt sich gegenseitig: Hast du an dieses und jenes gedacht? Alleine würde man mehr Fehler machen. Wir ticken beide ähnlich und stimmen uns sehr eng ab.

Wie würden Sie die Stimmungslage in der SPD seit dem Parteitag beschreiben?

Schuster: Ich habe die Zeit seit unserer Wahl als bereichernd empfunden. Der Parteitag hatte eine sehr einigende Wirkung. Man hat den Eindruck, alle ziehen an einem Strang. Es gibt von keiner Seite irgendwelche Störgeräusche oder Versuche, die Arbeit zu erschweren.

Walther: Es herrscht Aufbruchstimmung. Alle haben gemerkt, das ist jetzt eine Chance für einen Neuanfang. Alle waren es leid, dass die Partei inhaltsleeren Streit und Selbstbeschäftigung betrieb.

Alle haben gemerkt, das ist eine Chance für einen Neuanfang. Alle waren es leid, dass die Partei Selbstbeschäftigung betrieb.
Claudia Walther

Wie wollen Sie die lange Zeit zerstrittene SPD in eine erfolgreiche Zukunft führen?

Schuster: Wir haben vor unserer Wahl damit geworben, dass wir die Partei auf eine sehr kommunikative und mitnehmende Art führen wollen. Das ist keine Floskel, wir sind so. Zurzeit machen wir eine Tour durch die Partei, besuchen Ortsvereine und Stadtbezirke. Ortsvereine, die unsere Wahl eher kritisch gesehen haben, haben Priorität. Es geht um Kommunikation: Wie schaffen wir ein einheitliches Bild von Partei und Fraktion? Es geht um Strategie: Wie wollen wir in Wahlkämpfe gehen, strategisch und personell? Und es geht um vieles mehr.

Walther: Im Januar planen wir eine Klausurtagung mit dem gesamten SPD-Vorstand, um die Themen zu vertiefen. In meinem Berufsleben habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn man sich am Anfang Zeit nimmt, um die Dinge vernünftig anzugehen, die Organisation richtig aufzustellen, alle mitzunehmen, dann zahlt sich das später aus.

In der Amtszeit Ihrer Vorgängerin Christiane Jäger taten sich tiefe Gräben in der Partei auf sowie zwischen Partei und Fraktion. Es gab Konflikte im Vorstand und Kritik an der Führung. Wie sehen Sie das?

Walther: Für den alten Vorstand waren es harte Jahre wegen der Corona-Einschränkungen, das darf man nicht vergessen. Wir wollen jetzt nach vorne schauen, nicht zurück. Allen in der Partei ist klar, dass wir uns nicht weiter selbst lähmen dürfen. Den Schuss hat jeder gehört, denke ich. Über Inhalte zu streiten ist in Ordnung. Aber nach außen sollte die Partei geschlossen auftreten.

Schuster: Organisationen sind nie konfliktfrei. Das wird auch in Zukunft so sein. Das ist auch gar nichts Schlimmes. Die Frage ist nur, wie geht man damit um? Wir legen Wert auf einen respektvollen Umgang in der Partei. Und wir sind überzeugt: Das kriegen wir hin – indem wir viel miteinander reden.

Was sind künftig für Sie die wichtigsten politischen Themen der Kölner SPD?

Walther: Soziale Gerechtigkeit, Bildung, bezahlbarer Wohnraum und gute Arbeit sind zentrale Felder. In der momentanen Krise sorgen sich viele Menschen, wie sie ihre Energiekosten bezahlen sollen. Wir als SPD wollen für die Nöte der Menschen da sein. Wir verbinden ökologische Politik und Soziales.

Schuster: Alle Parteien sind für Klimaschutz. Aber die SPD ist die Partei, die dafür sorgt, dass der klimagerechte Umbau sozial gerecht erfolgt, etwa beim Wohnen und bei der Gebäudesanierung. Wie kriege ich es hin, dass alle Menschen sich trotz klimagerechter Modernisierung eine Wohnung leisten können? Und endlich die nötigen zusätzlichen Wohnungen entstehen? Das ist für uns die Frage. Klimapolitik mit der Brechstange wie bei den Grünen ist nicht unser Weg. Klimaschutz ist aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine riesige Chance. Er kann zum Jobmotor werden, gerade in Köln mit seiner breiten industriellen Basis.

Fachkräftemangel ist überall zu spüren. Kann mehr Einwanderung Abhilfe schaffen?

Walther: Ich habe beruflich mit Integration zu tun und weiß, dass es viel Potenzial gibt, um mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln schneller und erfolgreicher in Arbeit zu bringen. Auch mit gezielter Einwanderung ließen sich dringend benötigte Arbeitskräfte gewinnen. Einige Arbeitgeber klagen ja sogar, dass sie einen hervorragenden Mitarbeiter oder Azubi aus dem Ausland haben und dann soll der plötzlich abgeschoben werden. So etwas darf doch nicht sein. Da geht die Bürokratie an der Lebensrealität vorbei.

Schuster: Fachkräftemangel ist heute das beherrschende Thema bei den Arbeitgebern. Gut, dass Bundeskanzler Scholz und die Ampel das jetzt anpacken. Das neu geplante Chancen-Aufenthaltsrecht macht Hoffnung, dass gut integrierte Menschen aus dem Ausland, die über fünf Jahre hier leben und bestimmte Voraussetzungen erfüllen, jetzt bei uns bleiben und arbeiten können, statt sich vor Abschiebung zu fürchten.

Was kritisieren Sie an der Bildungspolitik von Grünen, CDU und Volt in Köln?

Walther: Ich bin fassungslos, wie das Ratsbündnis mit dem Wunsch der Eltern nach Gesamtschulplätzen umgeht. Jedes Jahr werden in Köln rund 1000 Kinder an Gesamtschulen abgelehnt. Man weiß, man braucht sehr viele neue Gesamtschulplätze. Aber das Ratsbündnis entscheidet immer wieder gegen den Bau neuer Gesamtschulen, wie zuletzt bei der Kurt-Tucholsky-Schule in Neubrück. Der Elternwille wird ignoriert.

Schuster: Die politische Priorität beim Schulbau muss heißen: mehr Gesamtschulen. Es ist Aufgabe der SPD, das zu betonen. Natürlich brauchen wir auch Gymnasien. Aber der Fokus muss jetzt auf der Gesamtschule liegen. Es ist schlimm, dass wir in Köln immer noch bei jedem Schulbau diese Grundsatzdiskussion „Gymnasium oder Gesamtschule?“ führen müssen.


Zu den Personen

Claudia Walther (59) wurde 1963 in Köln geboren und lebt mit Partner und Tochter in der Neustadt Nord. Sie hat in Aachen Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik studiert und arbeitet seit 2001 als Projektmanagerin bei der Bertelsmann-Stiftung. In die SPD trat sie 1982 ein. In der SPD Mittelrhein koordiniert sie den Arbeitskreis Europa, 2019 kandidierte sie bei der Europawahl.

Florian Schuster (28) stammt aus Siegen, wo er von 2014 bis 2017 Ratsmitglied war. Er kam zum Studium der Volkswirtschaftslehre nach Köln, lebt mit seinem Partner in der Südstadt. Schuster ist als Volkswirt und Berater für die Berliner Denkfabrik „Dezernat Zukunft“ tätig. Seit 2012 Mitglied der SPD, trat er bei der Landtagswahl im Mai im Wahlkreis Innenstadt/Kalk an, wo er Zweiter wurde. (fu)