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Ingo Froböse in einer Turnhalle

Ingo Froböse schreibt in seinem neuen Buch „Der Stoffwechsel-Kompass“ darüber, wie man lange gesund bleibt. 

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Sebastian Bahr

Ernährungsexperte Froböse: „Mit Diäten macht man sich den Stoffwechsel zum Feind“

Herr Froböse, ist es mit dem Altern wie mit der Klimakrise? Wer jung und gesund ist, betreibt Raubbau an seinem Körper. Irgendwann erfindet man Ausreden, warum man heute nicht joggen und doch noch weiter rauchen kann. Denn die Auswirkungen des Lebenswandels treten erst viel später auf, viele Schäden sind dann allerdings nicht mehr reparabel.

Ingo Froböse: Leider ja. Und leider ist auch unser deutsches Medizinsystem so aufgestellt, dass wir Krankheiten behandeln, nachdem sie aufgetreten sind. In China ist das beispielsweise ganz anders. Da guckt man nach den ersten Anzeichen, wo sich etwas verändert, um frühzeitig gegensteuern zu können. Vorbeugen lohnt sich immer (hören Sie hier das Gespräch als Podcast).

Ab 40 setzt im Körper eine ziemliche Verfallsgeschichte ein. Der Eindruck entsteht bei der Lektüre Ihres Buchs.

Bei einigen Parametern geht es sogar noch früher bergab. Kinder sind mit vier Jahren am beweglichsten, danach werden sie steifer. Die Reaktionsschnelligkeit lässt ab 24 nach, wir können der Bahn nicht mehr so schnell hinterherlaufen. Mit dem Eintritt ins Berufsleben ändert sich die Lebensphilosophie oft komplett, weil man neue Schwerpunkte setzt. Das ist genau der kritische Punkt: Wer dann nicht auf sich achtet, verliert sich schnell.

Immer mehr Menschen haben Probleme mit dem Rücken, Übergewicht oder Darmprobleme. Stimmt es, dass die Rückenprobleme in der Corona-Krise massiv zugenommen haben?

Eindeutig. Der Rücken nimmt Platz 1 auf der Krankheitsliste ein, auch wenn die psychischen Probleme aufgeholt haben. Der Rücken ist auch ein emotionales Organ, das wir als Antwort auf unsere Sorgen und Ängste betrachten müssen. Sogar 14-jährige Schulkinder haben heute nicht selten schon  Rückenschmerzen. Das ist tragisch und definitiv ein Phänomen von Corona: Die Menschen werden immer jünger mit all den Problemen, die Sie gerade genannt haben. Es ist keine schöne Perspektive, wenn Kinder und Jugendliche Krankheiten bekommen, die früher unsere Oma bekommen hat. Etwa Diabetes Typ 2. Kinder bekommen heute sogar schon Schlaganfälle oder Herzinfarkte. 

Rücken liegt auf Platz 1 der Krankheitsliste

Seitdem ich Yoga mache, ein früher von mir skeptisch beäugter Trend, sind meine Nackenschmerzen weg. Was empfehlen Sie?

Nur zwei bis drei Prozent aller Probleme im Rücken sind durch die Bandscheibe bedingt. Die meisten Rückenschmerzen sind also muskulär. Das bedeutet: Man kann etwas dagegen tun. Wir haben 150 Muskeln im Rücken. Die müssen mit Sauerstoff, Nährstoffen und Vitalstoffen versorgt werden. Ich brauche keinen teuren Bürostuhl, ich kann auch auf einer Bierbank sitzen. Hauptsache, ich bewege mich. Auch die Matratze ist nicht verantwortlich dafür, dass der Rückenschmerz kommt. Viele machen den Fehler, den Rücken oder Nacken zu dehnen oder dran zu ziehen, wenn Verspannungen auftreten. Das geht aber meistens schief, weil sich der Muskel dagegen wehrt. Angespannte Muskulatur muss zunächst noch mehr angespannt werden, bevor sie dann entspannt werden kann. Das geht mit Yoga wunderbar.

Übergewicht und Darmprobleme beruhen beide auf Stoffwechselstörungen?

Ja. Es macht mich kirre, wie viele Menschen über Magen, Reizdarm, Verdauungsprobleme, Sodbrennen oder Reflux berichten. Das ist unser wichtiges Versorgungssystem und wenn alle da Probleme haben und sich Medikamente einwerfen müssen, ist etwas schief gegangen. Zunächst einmal muss der Körper lernen, Nahrung richtig zu verdauen. Das beginnt im Mund. Wenn ich etwas runterschlucke, ohne es gekaut zu haben, muss ich mich nicht wundern, dass der Körper damit nicht zurechtkommt. Das endet natürlich mit Problemen in der Porzellan-Abteilung.

Jeden Bissen 30-mal kauen, empfehlen Sie im Buch. Das halte ich für unrealistisch.

Provokation ist das beste pädagogische Mittel. 30-mal muss es nicht sein, es hängt auch ein bisschen vom Lebensmittel ab. Wer Brot kaut, merkt schnell, dass es süßer wird, wenn er länger kaut, weil da schon die ersten Stoffwechselprozesse ins Laufen kommen.

Können Sie kurz und knackig erklären, was Stoffwechsel ist?  

Beim Stoffwechsel wechseln Stoffe von einem Milieu ins andere. So einfach ist das. Der Stoffwechsel versorgt und entsorgt Stoffe. Damit repariert er unseren Körper, was ganz wichtig ist. Er reinigt also, er transportiert und kühlt aber auch.

Der Stoffwechsel ändert sich im Alter. Ab 50 erhöht sich die Gefahr noch einmal deutlich, zuzunehmen. Sollte man die Zeit bis 50 also unbedingt nutzen?

Ja. Ab 50 ist oft ein Kilo mehr pro Jahr angesagt. Und wenn Sie mit einem Rennwagenmotor in die 50 hinein starten, haben sie eine deutlich bessere Ausgangssituation, um den Sprit, den Sie tanken, auch zu verarbeiten. Wir haben es alle in der Hand, unseren Organismus und unseren Stoffwechsel  in den Griff zu bekommen. Der hängt zu 90 Prozent von unserem Lebensstil ab. Man darf nur nicht in Fallen tappen.

Wie die Falle Diät?

Genau. Frauenzeitschriften suggerieren ja gerne, man könne in drei Monaten zwölf Kilo abnehmen oder an einem Wochenende vier Kilo. Wer das versucht, macht den Stoffwechsel zu seinem Feind. Man muss seinen Stoffwechsel mitnehmen und wertschätzen.

Warum führt ein langsamerer Stoffwechsel dazu, dass ich zunehme?

Einige laufen an einer Schwarzwälder Kirschtorte nur vorbei und schon ist sie auf der Hüfte. Das ist natürlich blöd. Andere können selbst zwei Stücke essen, ohne zuzunehmen. Der Unterschied liegt darin, wie viel Energie der Körper in Ruhe benötigt. Ein schneller Stoffwechsel braucht viel aktive Zellenmasse, die Energie umsetzt. Aktive Muskelmasse ist das größte aktive Organ, das warm gehalten, durchblutet und versorgt werden muss. Zellmasse aus Fett ist passiv und schlecht durchblutet. Der 60-jährige Mann mit dünnen Beinen und dickem Bauch hat die weiße Fahne quasi schon gehisst. Der hat es nicht geschafft, die aktive Zellenmasse zu intensivieren und fast nur noch passive Zellen. In diesem Zustand Übergewicht zu bekämpfen, wird unheimlich schwer.

Ausreichend Essen ist wichtig für den Körper

Wenn Diäten Mist sind, wie nehme ich dann ab?

Die wichtigste Botschaft, auch wenn sich das komisch anhört: Wer abnehmen will, muss ausreichend essen, qualitativ wie quantitativ. Man muss seinen Stoffwechsel versorgen, allein schon, damit er unsere konstante 36,6-Grad-Temperatur jeden Tag bewältigt. Die Leber muss arbeiten, das Herz muss schlagen, die Niere muss funktionieren. Wenn ich mit meiner Energiezufuhr auf Dauer darunter bleibe, wird mein Stoffwechsel langsamer. Mit einer Diät wirtschafte ich den Stoffwechsel langfristig ab. Denn der Körper ist zickig. Der bleibt nicht nur während der Diät in einem langsamen Modus, sondern denkt sich: Was einmal passiert, kann noch mal passieren.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich habe im ARD-Morgenmagazin mal eine Dame betreut, die eine 20- bis 25-jährige Diätkarriere hinter sich hatte. Die hatte einen Stoffwechsel-Umsatz von nur noch 830 Kilokalorien, durfte also nur noch zwei Käsebrötchen essen am Tag. Die hat sich durch Diäten von einem Turbomotor zu einem Trabimotor entwickelt, und das geht vielen Menschen so. Viele sind diszipliniert und sagen: Ich esse doch gar nicht so viel. Aber genau das ist das Problem.

Wie kriege ich einen langsamen Stoffwechsel wieder schnell?

Neben ausreichender Nahrungszufuhr muss ich Muskelmasse aufbauen, aktive Masse. Die Muskulatur ist zwar erst einmal der Feind der Waage, weil Muskeln schwerer sind als Fett. Aber wer die Waage einfach mal wegstellt und dafür in den Spiegel schaut, sieht nach zwei Wochen Muskeltraining den Unterschied. Der Körper ist straffer, die Haltung ist aufrecht, die Muskeln sind entspannt.  Das ist ein wunderbares Gefühl. Muskeln können wachsen, egal in welchem Alter. Auch das ist eine wichtige Botschaft. Das Entscheidende ist, den Körper so zu verändern, dass auch er nicht nur beim Sport Kalorien verbrennt, sondern auch, wenn Sie auf der Couch sitzen.  

  1. „Mit Diäten macht man sich den Stoffwechsel zum Feind“
  2. „Man muss nicht 16 Stunden Intervallfasten“ 
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