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Frau kurzer Rock

Die Rocklänge, eine Frage des Alters? Auf keinen Fall, findet unsere Kolumnistin.

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Getty Images/Digital Vision.

Stilkolumne: Danke für nichts - Warum die Rocklänge keine Frage des Alters ist

Köln -

Neues Jahr, neues Glück, neues Kleid. Ja, so einfach könnte die Rechnung aufgehen, wenn man frisch und motiviert, mit konkreter Absicht und Anlass das Geschäft des Vertrauens aufsucht und sich ein neues Kleid zulegen will. Aber leider korreliert mit der Neujahrslaune und Kaufmotivation auch die Tatsache, dass mit jedem Januar auch ein Lebensjahr dazukommt. Und – man weiß das seit geraumer Zeit – ab einem gewissen Alter kann nicht nur der morgendliche Blick in den Spiegel entsetzliche Fragen provozieren, nein, man füllt plötzlich auch eine Schicht Make-up wie Fugenpaste in kratertiefe Falten. Neu ist nun auch: Der Gang in den Store an der Ecke kann zum – nun ja - eher fragwürdigen Erlebnis werden.

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Modeexpertin Eva Reik

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Matthias Heinekamp

Eher so ein Sommerding hielt ich in der Hand, blumenartiger Druck, aber viel subtiler als einfache Blüten, flattrig von der Anmutung, dunkel in der Erscheinung – mit warmer Jacke, Strumpfhosen und dicken Stiefeln auch als Ganzjahreskleidchen tauglich. Mit mehreren Lagen Chiffon machte ich mich auf den Weg zur Umkleide, bis mich die Modeberaterin aufhielt: „Ein schönes Kleid haben Sie gewählt. Für Ihre Tochter?“ – „Ähm, nein, ich wollte das anprobieren.“ Was folgte, war ein Monolog über Längen und Kürzen, Kniebedeckung, die gerade so wahnsinnig angesagte Midi-Länge. Das Ganze endete mit dem Hinweis: „In Ihrem Alter sollte man einfach nicht mehr Röcke und Kleider tragen, die nicht das Knie umspielen.“

Spiegel, Falten und jetzt auch noch Rocklänge. Schönen Dank! Aber wäre es nicht viel schlimmer, das Ding nicht zu kaufen und mich einschüchtern zu lassen? Wutschnaubend, niedergeschlagen, mit hängenden Schultern, trägem Gang, überhaupt vollkommen entmutigt und vor allem kleidlos die Ladentür hinter mir leise ins Schloss fallen zu hören. Statt mit meinen 48 Jahren nochmal den Rücken durchzustrecken und der Modeberaterin ein paar Sätze um die Ohren zu hauen. Etwa so: „Wenn Sie nur fünf Prozent Ahnung hätten, würden Sie auf Anhieb sehen, dass ich mit 1,67 Meter Körperlänge in Ihren angesagten Midiröcken unförmig versinke.“ Dann würde ich ihr auch noch sagen, dass sie sich mit ihrem dämlichen Satz das Geschäft des Tages versaut hat. Dass sie künftig besser über seichten Smalltalk ins Modefachgespräch einsteigen solle, um Laune und Befindlichkeit der vor ihr stehenden Kundin checken zu können. Und dass sie überhaupt vielleicht besser Kaninchenfutter verkaufen sollte als Mode.

Nun ja. Dies ist nicht geschehen. Stattdessen erzählte ich einem Freund von meinem ersten ernstzunehmenden Modeerlebnis im frischen Jahr 2022. Dass ich immer noch kein Kleid habe und so weiter. Der Freund, er ist nicht nur mega schlau, sondern hat zuhause vier Frauen. Drei fast erwachsene Töchter und eine Frau, meine Freundin. Er weiß immer, was gemeint ist und was besser nicht gesagt werden sollte. Erstens fragte er: „Du im langen Wallerock? Niemals.“ Die erste gute Aussage für mein erschüttertes Ego. Und dann empfahl er noch: „Das nächste Mal sagst du: Stimmt, das ist nicht die passende Länge. Ich brauche ein noch viel kürzeres Kleid.“ Für den zweiten Anlauf Kleiderkauf werde ich ihn mitnehmen – und Modefachberaterinnen einfach stehen lassen.