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Nach dem Krieg verschollen: Bonn erhält verloren geglaubten Kunstschatz zurück

Die historischen Bücher schauten sich Tania Gregoire, Birgit Schaper (Abteilung Handschriften), Natascha Cadonici, Dr. Ulrich Meyer-Doerpinghaus, Ashok Shirdharan und Michael Hoch (v. l.) an.

Die historischen Bücher schauten sich Tania Gregoire, Birgit Schaper (Abteilung Handschriften), Natascha Cadonici, Dr. Ulrich Meyer-Doerpinghaus, Ashok Shirdharan und Michael Hoch (v. l.) an.

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Meike Böschemeyer

Bonn -

Es war die größte gelungene Rückführung von vermissten Büchern in der 200-jährigen Geschichte der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (ULB). Zwischen 600 und 700 Bände, die seit der Nachkriegszeit verschollen waren, sind jetzt wieder im Besitz der Bibliothek. Darunter sind auch zahlreiche historische Exemplare von hohem ideellen und materiellen Wert. „Nach mehr als 70 Jahren ist dieser Schatz nun wieder dort, wo er hingehört“, sagte Dr. Hildegard Kaluza vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit einem Festakt im Universitätsclub wurde die Rückkehr der Werke gefeiert.

Bücher fanden sich in Garage

Manchmal kommen Bücher nach Jahrzehnten auf teils verschlungenen Pfaden zurück. ULB-Dezernent Dr. Michael Herkenhoff erinnerte sich: „Wir haben im Jahr 2011 ein Buch und 2018 drei Bücher zurückerhalten, die amerikanische Soldaten bei Kriegsende mitgenommen hatten. Die Rückgabe erfolgte im ersten Fall durch den Soldaten selbst, im zweiten Fall durch die Erben.“ Die jetzt zurückgegebenen Bücher befanden sich in belgischem Privatbesitz. „Es handelt sich um immense kulturelle und materielle Werte“, betonte Herkenhoff. Darunter seien mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, mittelalterliche Urkunden, historische Karten, Frühdrucke des 15. Jahrhunderts, seltene Drucke des 16. Jahrhunderts sowie zahlreiche kolorierte Vogelbücher. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg unter ungeklärten Umständen aus Bonn verschwunden.

Zu den zurückgegebenen Bänden gehört auch ein niederländisches Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert.

Zu den zurückgegebenen Bänden gehört auch ein niederländisches Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert.

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Meike Böschemeyer

Tania Gregoire, eine Belgierin, hatte die Bücher geerbt und einige wertvolle Stücke dem Londoner Auktionshaus Sotheby’s angeboten. „Sotheby’s verständigte uns nach eingehender Prüfung der Herkunft der Werke. Die Rückgabe konnte dann mit der Besitzerin schnell und einvernehmlich geklärt werden“, freute sich ULB-Direktor Dr. Ulrich Meyer-Doerpinghaus. Wie genau die Handschriften und alten Drucke nach Belgien gelangten, ist nicht bekannt. „Viele wertvolle Bände lagerten zwischen 1946 und 1950 in einem Bunker in Bonn. Sie könnten während der Zeit der belgischen Besatzung entwendet worden sein“, meinte Herkenhoff. Gregiore war mit ihrer Tochter Natascha Cadonici gekommen.

Oberbürgermeister Ashok Sridharan sprach von mehreren glücklichen Fügungen: Zum einen habe sich Sotheby’s an die Universitätsbibliothek gewandt, zum anderen habe man sich schnell auf eine Rückgabe geeinigt. „Und dann wurden noch weitere Bücher in einem Brüsseler Auktionshaus und in einer Garage gefunden.“

13 Bücher gibt es nur einmal auf der Welt

Erleichtert wurde die schnelle Rückführung der mehr als 600 Bände durch die Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. „Nach mehr als 70 Jahren ist dieser Schatz nun wieder dort, wo er hingehört. Niemand hat damit gerechnet, dass die Bücher noch einmal auftauchen. Dank der hervorragenden Arbeit der zuständigen Mitarbeiter konnte die Rückgabe in großem Einvernehmen ohne Konflikte vonstattengehen“, sagte Kaluza. Sie freue sich, dass die Bücher der Wissenschaft und der Öffentlichkeit nun wieder zur Verfügung stünden.

Professor Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, unterstrich die hohe kulturelle Bedeutung der Bände: „13 Bücher gibt es nur einmal auf der Welt. Außerdem gibt es frühe Drucke mit Bezügen zu Klöstern im Rheinland. Viele der alten Drucke finden sich in keiner anderen deutschen Bibliothek.“ Sie seien ein wichtiges Zeugnis für die Erfindung des Buchdrucks. „Die Bibliothek erhält einen verloren gelaubten Kulturschatz zurück.“ Jetzt kämen die Schriftstücke zurück an ihren ursprünglichen Standort.

Rektor Michael Hoch, sprach von einem „glücklichen Tag für die Universität“ und dankte allen Beteiligten für die vorbildliche Zusammenarbeit: „Ich freue mich besonders, dass nun wieder mit diesen einmaligen Zeugnissen aus dem Altbestand unserer Universitäts- und Landesbibliothek wissenschaftlich gearbeitet werden kann.“