Seit 1989 leben und arbeiten Künstler in der Kolbhalle an der Helmholtzstraße. Das Objekt wird bald einem Neubau weichen.
Nach über 30 JahrenAbbruch der Kolbhalle in Ehrenfeld steht bevor – Künstler ziehen um

In alten Schränken stoßen Marcus Krips und seine Kollegen immer wieder auf Überraschungen.
Copyright: Hans-Willi Hermans
In einem schon verlassenen Atelier der alten Kolbhalle steht noch ein Schrank herum, neugierig zieht Marcus Krips eine der oberen Schubladen heraus und entdeckt darin einige seiner frühen Arbeiten. „Mann, die sind doch toll“, freut sich der Künstler und erklärt: „Von 1983, dafür habe ich Zeitungspapier vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ verwendet. Das ist praktisch, da steht immer das Datum drauf.“ Auf einem der Blätter hat er seinerzeit in Großbuchstaben seine Haltung klargestellt: „Nein, ich werde mich nicht anpassen.“
Das hat Krips durchgehalten, niemand wird ihm oder der Künstlergemeinschaft in der Kolbhalle insgesamt eine allzu große Anpassungsbereitschaft etwa an kapitalistische Marktmechanismen vorwerfen. Doch gerade müssen die Bewohner der Halle, die sie lange wie eine letzte Trutzburg der einst blühenden freien Ehrenfelder Kunstszene verteidigt haben, die Realitäten des Markts anerkennen. Sie ziehen um, zwar „nur“ in das Verwaltungsgebäude und die Halle gleich nebenan, aber immerhin.

Ob Marcus Krips seine Graffiti-Arbeiten auf der Rückseite des alten Fabriktores an der Helmholtzstraße retten kann, steht noch nicht fest.
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Wer je mit eigenen Augen die ungeordneten Massen von Kunst, Material, Mobiliar und Gerümpel gesehen hat, die sich seit dem Erstbezug durch Künstler im Jahre 1989 in der Kolbhalle angesammelt haben, hat eine Vorstellung davon, wie arbeitsaufwendig das ist. Und was dabei alles hochkommt, nicht nur an Erinnerungen: „Hier ist ein Kerzenständer von Bernhard Blume, mein Vater war Galerist und hat ihn vertreten“, erklärt Marcus Krips. In einer Ecke soll sogar ein Kleinformat von Joseph Beuys aufgetaucht sein, das nun an einem sicheren Ort verwahrt wird. Es kann möglicherweise helfen, die finanziellen Härten des Umzugs ein wenig abzumildern.
Ende Februar soll die Kolbhalle leergeräumt sein
Denn Investor Yves Netz, der das Grundstück der ehemaligen Kolb-Maschinenfabrik im Jahre 2017 mit seiner Netzbau-AG von der Entwicklungsgesellschaft NRW.urban gekauft hatte, hat zuletzt den Druck verstärkt. Bis Ende Februar soll die alte Kolbhalle Geschichte sein, ihr Abriss steht bevor. Auf Beschluss des Rats und der Ehrenfelder Bezirksvertretung ist Netz aber vertraglich verpflichtet, den Künstlern einen Verbleib auf dem – von der Helmholtzstraße aus gesehen – hinteren Teil des Geländes zu ermöglichen. Netz möchte nach dem Abriss im vorderen Teil einen fünfgeschossigen Gebäuderiegel mit etwa 30 Eigentumswohnungen und noch einmal 30 Mietwohnungen hochziehen, plus einer Kita mit drei Gruppen.

Hagen Keller macht Kunst aus Schaumstoff, aber auch Musik. Er ist mit einem Teil seiner Werkstatt schon in die neue Halle umgezogen.
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Ob diese Pläne umgesetzt werden, steht in den Sternen. Lange stockten die Verhandlungen über den Umzug, weil die inzwischen im Verein „wir selbst“ organisierten Künstler und Yves Netz sich nicht über die finanziellen Einzelheiten einigen konnten. Deshalb beschloss der Stadtrat im vergangenen Jahr, das Gelände von der Netzbau anzukaufen und notfalls selbst zu entwickeln. Was offensichtlich Bewegung in die Sache gebracht hat: „Er ist uns beim Kaufpreis entgegengekommen, wir haben aber jetzt einen Mietvertrag, bei dem wir dreimal so viel bezahlen wie vorher, etwa 4000 Euro kalt“, erklärt Esther Kusche-Krips. „Das können wir gerade so stemmen.“
Künstler wollen die neue Halle in Köln-Ehrenfeld kaufen
Erklärtes Ziel sei es, Yves Netz den Teil des Kolb-Geländes, den „wir selbst“ gerade bezieht, so schnell wie möglich abzukaufen: „Das Geld für die Miete könnten wir dann gleich in den Umbau stecken“, so Kusche-Krips. „Die Stadt braucht ja mindestens drei Jahre, bis alle Gremien den Kauf abgesegnet haben, und wer weiß, was die dann mit dem Gelände machen. Darauf möchten wir nicht warten, wir wollen die Kolbhalle unbedingt als Kunstort erhalten, gerade jetzt.“
Dafür muss das alte Verwaltungsgebäude der Kolb -Werke aber noch in Sachen Brandschutz auf den neuesten Stand gebracht werden. Freunde, aber auch Verwandte der Künstler mit den nötigen handwerklichen Kenntnissen, arbeiten seit Wochen unermüdlich daran. Auch eine Gemeinschaftsküche und Duschen für die zwölfköpfige Künstler-WG sollen möglichst bald fertig sein.

Die Tradition lebt: Im „Rock’n‘Roll-Keller“ von Marcus Krips sieht es fast schon wieder aus wie in der alten Kolbhalle.
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Gleichzeitig werden in den neuen Gebäuden Entdeckungen gemacht: Hagen Keller etwa will sich das ehemalige Studio der Flok-Radiowerkstatt unter dem Dach vornehmen: „Da können wir ein Tonstudio einrichten“, meint die Schmuck- und Accessoire-Künstlerin, die auch Kontrabass spielt. Marcus Krips hat einen schalldichten Raum neben dem Heizungskeller gefunden, in dem er mit seiner Band „Uncorrupted Artistas“ proben kann und der fast schon wieder wie die alte Kolbhalle aussieht. Das ehemalige Pförtnerhäuschen wäre für ein Kunst-Café geeignet, und in der neuen, etwa 650 Quadratmeter großen Kolbhalle richten sich die Künstler gerade ihre persönlichen Bereiche ein: „Ausstelllungen werden hier wieder stattfinden, aber Partys erst mal nicht“, erzählt Hagen Keller, der mit einigen seiner Skulpturen aus Schaumstoff schon eingezogen ist. In einem Teil der hohen Halle könnte man zwar eine zusätzliche Decke einziehen und den Raum dann schallisolieren: „Aber das liegt alles weit in der Zukunft.“

