Abo

Kölner Sportwissenschaftler„Ich bin dankbar, dass ich noch lebe“

5 min
Seit einem schweren Unfall im Sommer 2024 ist Lars Donath querschnittsgelähmt.

Seit einem schweren Unfall im Sommer 2024 ist Lars Donath querschnittsgelähmt.

Sportwissenschaftler Lars Donath zeigt, wie er trotz eines lähmenden Unfalls positiv bleibt.

„Ich bleibe mal sitzen, okay?“ Lars Donath begrüßt seine Gesprächspartner gerne mit diesen Worten. „Ein bisschen Humor ist wichtig, sonst werden die Dinge schnell zu viel“, sagt er. Der 45-jährige Professor für angewandte Trainingswissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln ist seit einem schweren Unfall im Spätsommer 2024 querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

Donath weiß, dass Dinge zu viel werden können. Der Leiter des Instituts für Trainingswissenschaften und Sportinformatik beschäftigt sich auch beruflich mit Leistungsgrenzen. Diese Position hätte er kaum ohne seine Liebe zum Sport erreicht. Schon in seiner Kindheit und Jugend war der Sport für ihn ein „motivationaler Selbstläufer“ – unter anderem durch überregionale Erfolge im Thüringer Tischtennis-Verband. Donath fand zudem in Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren ein Zuhause. „Ich hatte mal das Ziel, alle Großstädte Europas mit Marathons zu überlaufen“, erzählt er. Er gewann mehrere Ultramarathons, darunter den 216 Kilometer langen Hexenstieg, den er 2013 in weniger als 32 Stunden lief.

Donath arbeitete in Basel, Michigan und Potsdam

Nach seinem Studium begann Donath dank guter Studienleistungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität seiner Geburtsstadt Jena zu arbeiten. Er fand Gefallen an der Forschung mit Sportbezug, promovierte und etablierte sich im wissenschaftlichen Betrieb, unter anderem an den Universitäten in Basel, Michigan, Potsdam und der Deutschen Sporthochschule Köln.

Donath ist weiterhin Leiter des Instituts für Trainingswissenschaften und Sportinformatik an der Sporthochschule.

Donath ist weiterhin Leiter des Instituts für Trainingswissenschaften und Sportinformatik an der Sporthochschule.

„Das hat dann so viel Freude gemacht, dass ich das vertieft und erweitert habe.“ Der Institutsleiter gilt mittlerweile zudem als gefragter Experte in den Medien. Er sieht dies als eine „nette Zusatzbeschäftigung“ und Möglichkeit, seine Forschungserkenntnisse an die breite Öffentlichkeit weiterzugeben. Sein Lehransatz kommt vielen Studierenden entgegen. Das gegenseitige Verhältnis von Dozierenden und Studierenden sei kein Duell, erklärt er. Im Gegenteil: Er genieße es, seine Zeit mit wissbegierigen, jungen, veränderungswilligen Menschen zu teilen.  „Ich bin sehr gerne auf der Seite der Studenten, da ich weiß, wie es war“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Lars Donath, Dozent

Durch den schweren Unfall musste der Professor seinen Tatendrang gezwungenermaßen eine Weile unterbrechen. „Ich war einen Monat lang im Koma. Dadurch war unklar, ob ich kognitiv wieder richtig funktionieren und mich lange konzentrieren kann.“ Seitdem hinterlässt Donath trotz allem mit denselben Dingen Eindruck wie zuvor: Kompetenz, Rhetorik, Ehrgeiz.

Sein Ehrgeiz zeigt sich unter anderem darin, dass er sich bereits in der Reha-Klinik vorgenommen hat, Projekte für Menschen mit Behinderung umzusetzen. Sinn dahinter sei es, „mehr zu verstehen und Strategien zu entwickeln, damit besser klarzukommen“.

Auch wenn es naheliege, solche Einschränkungen in die Forschung zu integrieren, will der Uni-Dozent seine Arbeitsschwerpunkte „nicht dogmatisch umkrempeln“, weil er im Rollstuhl sitze. Er habe nicht den Eindruck, dass der Unfall seinen Output oder seine Arbeitskultur stark verändere. „Ich habe das Gefühl, wieder weitestgehend einsatzfähig zu sein.“

Die Lebensumstände haben sich dennoch geändert: „Das Leben war vor dem Unfall viel spontaner und energischer. Ich habe mich enthusiastischer in Sachen reingestürzt.“ Inzwischen laufe alles etwas geplanter, Stichwort Barrierefreiheit. „Ich hatte vor dem Unfall gar keine Antennen für Barrieren, weil mich das gar nicht berührt hat.“ Seitdem sei er dafür dankbar, dass die Deutsche Sporthochschule nach eigenen Angaben Vorreiter auf diesem Gebiet sei. „Es ist wichtig und gut, dass es hier so weit entwickelt ist. Es gibt keinen Ort an der Spoho, wo ich überhaupt nicht hinkomme.“

Seine Ansprüche musste er ebenfalls reduzieren: „Ich war früher jemand, der unheimlich viel parallel und unter Selbstdruck gemacht hat. Ich bin mit 37 an die Sporthochschule gekommen, da wollte ich in dieser kompetitiven Kultur mithalten, wollte konkurrenzfähig und belastbar sein.“ Nun beschränke er sich auf das Wesentliche und habe gelernt, hin und wieder „Nein“ zu sagen. „Wenn sich das ganze Leben um Sport dreht und dann Schwimmen, Radfahren oder Joggen nicht mehr möglich sind, sind das heftige Einschnitte, die Neuorientierung bedürfen“, erzählt er. „Aber gemessen an dem, was mir im Leben wichtig ist, lässt sich das alles kompensieren. Ich kann andere soziale und körperliche Aktivitäten machen, die ebenso befriedigen.“ Donath lasse sich nicht unterkriegen – ganz wie es einem Sportlerherz entspreche. Er konzentriere sich auf die positiven Nebeneffekte – oder wie er als Professor sagt: sekundären Krankheitsgewinne. „Ich kann mich mit kleinen Dingen sehr zufrieden schätzen und das tut mir gut. So etwas macht fast automatisch geduldiger, genügsamer und bescheidener.“

Hat ein Student Probleme mit diesen Fähigkeiten und fragt nach Tipps, rät der Dozent, konkrete Ziele zu formulieren. Wichtig dabei: „Nicht zu streng zu sich sein, ein bisschen Zeit zulassen und wenn mal was nicht klappt, nicht gleich frustriert sein.“

In diesem Gedankenszenario wird klar: Hier spricht nicht nur ein Dozent zu einem Studierenden, sondern zusätzlich Donaths aktuelles Ich zu seinem alten Ich. Hier hat ein Prozess stattgefunden, den Donath für sich zum Positiven gewendet hat – mit denselben Eigenschaften, die ihn schon immer ausgezeichnet haben.

„Jetzt muss ich damit klarkommen und ich komme gut damit klar.“ Trotz der Lebensveränderung fühle es sich nicht so viel anders an als vorher, erklärt er abschließend. „Vor allem durch meine Familie und den Arbeitgeber fühle ich mich in meiner Tätigkeit gut unterstützt und bin erst mal dankbar, dass ich noch lebe, dass ich gut nachdenken und funktionieren kann.“ Schließlich arbeitet Donath im selben Büro wie früher, leitet weiterhin dieselbe Abteilung und deren Forschungsprojekte und hält dieselben Vorlesungen – völlig egal, ob er seine Gesprächspartner im Sitzen begrüßt.