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Tim Bendzko„Kann keine Musik beim Autofahren hören“

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Tim Bendzkos neuestes Album heißt „Alles, nur nicht zurück“.

Tim Bendzkos neuestes Album heißt „Alles, nur nicht zurück“. 

Sänger Tim Bendzko spricht im Interview über die Trennung von seiner Frau, KI-Liedtexte und seinen Quasi-Gewinn beim ESC.

Nach der Veröffentlichung seines Albums „Alles, nur nicht zurück“ im Februar will Tim Bendzko wieder nach vorne schauen. Wie gut ihm das gelingt, welche Frage er Angela Merkel gerne stellen würde und warum er über drei Ecken den ESC gewonnen hat, erzählt er im Interview mit Jakob Patzke.

Tim Bendzko, vertauschen wir zum Start doch einmal die Rollen: Wen würdest du gerne einmal interviewen?

Ich würde gerne einmal einen Politiker interviewen, um herauszufinden, was die Motivation ist, diesen Job zu machen. Beispielsweise Angela Merkel: Bei ihr hatte ich immer das Gefühl, dass es ihr ein intrinsisches Bedürfnis war, zu helfen und nicht einfach nur in einer Machtposition zu sein. Unabhängig davon, ob ich alles cool fand, was sie gemacht hat: Wenn man die ganze Zeit von außen gesagt bekommt, dass man alles falsch macht, und trotzdem dran bleibt – das ist schon krass.

Vor rund drei Monaten war auf deinem Instagram-Account einiges los, als du in einem Video öffentlich über die Trennung von deiner Ehefrau gesprochen hast. Das kam damals bei vielen Menschen gut an. Wie blickst du heute darauf zurück?

Es ist total abgefahren, was das für ein Echo ausgelöst hat. Auch die Art und Weise hat mich bestätigt. Musik kann einem das Gefühl vermitteln, dass man mit einer bestimmten Situation nicht allein ist. Das hilft meistens schon mehr, als irgendein schlauer Ratschlag. Das war auch die häufigste Reaktion, wenn man sich die Kommentare und unzähligen Nachrichten zu dem Video durchliest. Und nur, weil eine Beziehung endet, muss das nicht heißen, dass damit auch die Verbindung zu dem Menschen reißt. Ich glaube, wenn zwei Menschen etwas miteinander zu tun haben, hat das immer seinen Grund.

Dein Song „Anders“ erinnert mich in Ansätzen an „If You Could Read My Mind“ von Gordon Lightfoot. Welche Lieder hört Tim Bendzko, wenn er traurig ist oder Liebeskummer hat?

Der Witz ist, dass ich jetzt in solch einer Situation einfach selber einen Song schreiben würde. Aber früher gab es tatsächlich solche Songs. Ich weiß noch, „Sie sieht mich nicht“ von Xavier Naidoo. Da habe ich mich ab einem gewissen Zeitpunkt gefragt: Habe ich das Lied gehört, um den Liebeskummer zu verarbeiten, oder habe ich dadurch erst welchen bekommen?

Welche Rolle spielt die Musik von anderen Künstlern in deinem Alltag?

Ich höre heute Musik ganz anders als vor meiner Karriere. Ich habe irgendwann festgestellt, was Musik mit mir machen kann – dass sie Emotionen nehmen und in etwas transformieren kann. Da habe ich beschlossen, eigene Songs zu schreiben. Ansonsten habe ich heute Morgen Justin Bieber gehört. Ich habe vor Weihnachten einen neuen Schallplattenspieler bekommen und mir gerade die aktuelle Bieber-Platte gekauft. Vorletztes Jahr habe ich viel Justin Timberlake gehört. Seine letzte Platte fand ich unglaublich. Außer mir versteht das keiner, glaube ich.

Was gefällt dir an Justin Bieber?

Dass seine Songs nichts wollen. Ich habe das Gefühl, die sind nicht dafür geschrieben, um im Radio zu laufen oder irgendeiner Vorstellung zu entsprechen. Stattdessen fühlt es sich für mich an, als hätte er einfach da gesessen und das Gefühl gehabt: Ich habe heute Bock, das zu machen – und dann hat er das so gemacht. Deswegen kann ich die Lieder von Justin Bieber so wunderbar einfach vor mich hinhören, ohne, dass mich die Musik stresst. Ansonsten kann ich nämlich Musik nicht so nebenbei hören, weil ich das Gefühl habe, da will einer was von mir. Das stresst mich.

Wie bitte?

Vorgestern bin ich mit dem Auto nach Hamburg gefahren. Irgendwann kam bei meinen Mitfahrern die Frage auf: „Tim, was ist denn mit dir eigentlich los, warum läuft hier keine Musik?“ Ich kann das nicht, das stresst mich. Ich bin doch am Autofahren, ich kann nicht gleichzeitig Musik hören. Es gibt Menschen, die haben einen ganz anderen Zugang. Die hören den ganzen Tag Heavy Metal und sind am Stricken.

Mittlerweile holen sich viele Musiker beim Texten Unterstützung von der Künstlichen Intelligenz. Wie stehst du zu dem Thema?

Für mich macht es keinen Unterschied, ob jemand mit der Hilfe von der KI seine Texte schreibt oder in ein Songwriting-Camp geht und dort an Texten feilt mit zehn anderen Leuten, die auch schon 500 andere Songs geschrieben haben, die letztes Jahr im Radio liefen. Es soll aber bitte jeder so machen, wie er möchte. Wenn ich sage, es ist für mich wichtig, meine Songs selber zu schreiben, dann ist das ja kein universelles Ding. Was mich aufregt, ist, wenn Leute das eine tun und das andere behaupten

Vergangenes Jahr hattest du dich mit dem Song „Wach auf“, der auch auf deinem aktuellen Album zu finden ist, für den Eurovision Song Contest beworben.

Das wird eine gute Frage, weiß ich jetzt schon.

Bist du dieses Jahr wieder dabei?

Nein.

Wäre das noch mal vorstellbar für dich?

Nein, das kann ich ganz klar ausschließen. Es hat sich folgendermaßen zugetragen – ich versuche, die Kurzfassung der Geschichte zu erzählen. Ich habe wirklich geträumt, dass ich den ESC gewinne, und am nächsten Morgen habe ich sofort die Idee für den Song gehabt. Ich habe das alles total vor mir gesehen. Eine Woche später gab es dann diese Pressekonferenz, in der sie gesagt haben, dass sich jeder dafür bewerben kann.

Was du dann auch getan hast.

Am Ende ist keiner der Künstler, die man vorher schon mal im Radio gehört hat, in den Vorentscheid gekommen. Vielleicht war mein Song auch einfach nicht gut genug. Aber ich glaube, die Jury hat sich einfach dagegen entschieden und auf eher unbekanntere Musiker gesetzt.

Das war es dann mit Tim Bendzko und dem ESC.

Einen Fun Fact gibt es aber: Als Österreich vergangenes Jahr den ESC gewonnen hatte, habe ich erst eine Woche später in der Zeitung gelesen, wer eigentlich der Sieger ist (der österreichische Sänger JJ mit dem Song „Wasted Love“, Anm. d. Red.). Ebendieser ist über die österreichische Castingshow „Starmania“ bekannt geworden – und jetzt rate, wer damals in der Jury saß.

Das warst du.

Ich habe am Ende über drei Ecken doch ein bisschen den ESC 2025 gewonnen. Umso witziger wäre es gewesen, wenn ich jetzt auch noch angetreten wäre. Mein Song hätte da so gut hingepasst. Aber es ist jetzt nicht mein großer Traum gewesen, da mal zu gewinnen. Das war einfach eine fixe Idee mit der Bewerbung. Wenn man so ein Gefühl hat, dann macht man das einfach. Wenn es klappt, dann klappt es – und wenn nicht, dann war es bis dahin mega witzig. Ich hatte auch schon ein Hotel gebucht für das ESC-Finale, weil ich einfach dachte: Okay, das manifestierst du jetzt. Ich glaube, dass alles, was wir denken, auch passiert. Wir kennen halt nur die Form nicht. Ich dachte die ganze Zeit, ich stehe auf der Bühne und gewinne das Ding. Am Ende habe ich es halt nur über drei Ecken gewonnen.