Abo

Wirtschaftsprofessor betreibt ErdheilungIn einer Windmühle in Wachtberg lebt ein Schamane

7 min
Ein Wirtschaftsprofessor und Schamane, der mit seiner Frau, die Hula Tanz lehrt, seit zehn Jahren in der Windmühle von Villip wohnt.

Ein Wirtschaftsprofessor und Schamane, der mit seiner Frau, die Hula Tanz lehrt, seit zehn Jahren in der Windmühle von Villip wohnt.

In der Windmühle von Villip lebt seit zehn Jahren ein Wirtschaftsprofessor, der Kunden von Google berät, und als Schamane mit einer Stiftung Grundstücke kauft, um für alle Zeit dort die Erde zu heilen. Die Rundschau hat ihn besucht.

Als Tilo Hildebrandt der Rundschau die Tür zu seiner 450-Quadratmeter-Mietwohnung im einstigen Gesindehaus der Villiper Windmühle öffnet, trägt er selbstverständlich sein Schamanenstirnband. Der 75 Jahre alte Wirtschaftsprofessor, der immer noch gut Geld damit verdient, Kunden von Google zu beraten, gönnt sich das Luxusquartier als Zentrum der Ruhe. Sein erster Chesapeake Bay Retriever namens „Big Dude“ hatte damals bei der Wohnungsbesichtigung die Entscheidung getroffen, indem er sich mitten im alten Mühlenturm auf den Boden legte. Seitdem ist die Familie in Wachtberg zu Hause. Der obere Teil der Windmühle gehört einem Turmfalkenpärchen, einigen Fledermäusen und – unüberhörbar – auch einer jungen Nilgansfamilie. Die Klappe, die den Weg in den Turm hinauf freigeben würde, bleibt verriegelt. Und „Big Dude“ hat inzwischen einen Nachfolger namens „Mo“.

Die Decke im Mühlenturm ist gestrichen, der Aufgang verriegelt.

Die Decke im Mühlenturm ist gestrichen, der Aufgang verriegelt.

In Villip kann Tilo Hildebrandt sein, was er fühlt: Mensch und Teil der Natur – ein Blickwinkel, der dem modernen Menschen seit der Erfindung der Naturwissenschaften abhanden gekommen sei. „Denn die Naturwissenschaft beobachtet und beschreibt die Natur. Sie kann also kein Teil von ihr sein“, stellt der Professor ganz logisch in Dozentenmanier fest und ergänzt schamanisch: „Es ist die Geborgenheit, die es uns ermöglicht, unser Leben in Harmonie zu führen.“ Am Energiewirtschaftlichen Institut in Köln, bei Hans Karl Schneider, hat er promoviert. An der europäischen Fachhochschule in Brühl war er vor vielen Jahren Dozent für E-Commerce, also für Handelsgeschäfte via Internet.  Und auch an der Alanus-Hochschule in Alfter doziert er, jedoch nicht mehr regelmäßig, nur noch bei Ringvorlesungen. „Alanus war mir ans Herz gewachsen, aber die Online-Vorlesungen zur Corona-Pandemie wurden mir zu beschwerlich. Die Vorbereitung ist schon sehr viel Aufwand.“ Der Gedanke an eine Verbeamtung war ihm stets ein Gräuel: „Ich bin ein kreativer Mensch.“

Auf einem Hügel liegt das historische Mühlenensemble in Villip.

Auf einem Hügel liegt das historische Mühlenensemble in Villip.

Die Geschichte eines Menschen fängt in der Regel mit der Geburt an. Und die von Tilo Hildebrandt begann demnach 1950 in Schkopau. Das liegt knapp unterhalb von Halle. Etwa fünf Jahre war er alt, als seine Eltern mit ihm aus der DDR flohen. Er erinnert sich an die schwere Zeit im Westen, denn damals wusste noch keiner vom späteren Wirtschaftswunder. „Es gab nichts zu essen!“, erinnert er sich. 

Die Geschichte der DDR nahm bekanntlich einen unerwarteten Verlauf, und so kam es mit der Abwicklung der Deutschen Demokratischen Republik dazu, dass Hildebrandt von seinem Besitz im Osten erfuhr. Die Großmutter hatte vor dem Krieg ein paar Äcker und Wiesen besessen. Nichts großes, hier mal einen halben Hektar und dort einen. Insgesamt etwa drei Hektar, und die Grundbücher gab es noch. Darin standen unerklärlicherweise noch ein paar SED-Funktionäre. „Aber die und meine Schwester habe ich ausbezahlt und der Nachfolgeorganisation der LPG gesagt: Dort pflanzt und erntet Ihr nicht mehr.“ Die Abwickler der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft hätten es natürlich an dieser Stelle schwer gehabt, Hildebrandts Parzellen auszusparen, zumal die Grenzsteine nicht mehr existierten, und so gelang dem findigen Wirtschaftsmann ein Tausch 1:4, aus drei Hektar Ackerland wurden zwölf Hektar nicht so fruchtbaren Bodens.

Aber was damit tun? Hildebrandt hatte mit Frau und Hund nach einer Lebenskrise einige Monate bei den Oglala Lakota im Reservat Pine Ridge zugebracht und zum Schamanen geworden. Und so kam für ihn zur Klärung einer solch wichtigen Frage auch nur eine schamanische Lösung in Frage: Ein „Sitting out“ in Skandinavien. Eine Nacht lang setzte sich der Schamane mit einem gleichgesinnten Freund in die dunkle kalte Nacht. Also nicht etwa an ein warmes, knisterndes Lagerfeuer, sondern wirklich karg bei klirrender Kälte in Erwartung einer Antwort aus der Natur. 

Als der Morgen kam, gab es aber keine Antwort. Kann es schamanisches Versagen geben? Hildebrandt hatte schon Zweifel, bis er auf einem Baumstumpf im Garten seines Freundes einen kleinen Buddha sitzen sah, umgeben von allerhand anderer Figuren, die gemeinsam einen Altar zu formen schienen. Er fragte den Kumpel Jonathan, was das sei, und der antwortete: „That's my earth-healing-place“, also: Das ist mein Erdheilplatz, und das war offenkundig die Antwort, die Hildebrandt gesucht hatte.

Da steckt beinharte Ökonomie dahinter. Es sind umfassende Anträge zu stellen. Das ist was anderes, als wenn ich mit meiner Rassel auftauche und sage, wir machen da Natur.
Professor Tilo Hildebrandt

Der Professor packte nach guter fachlicher Beratung 100.000 Euro in die Gründung der Stiftung „Erdheilungsplätze“ und überschrieb ihr im Jahr 2021 seine Grundstücke. Darum hat die Stiftung ihren Sitz in Schkopau und ihre Geschäftsstelle in Wachtberg. Inzwischen kamen etliche Grundstücke hinzu, und dank der Kompetenz des Wirtschaftsprofessors hat auch die Bundesrepublik Deutschland erkannt, wie sie denn ihr Ziel von zwei Prozent an naturbelassener Fläche schaffen kann, obwohl sie trotz zweier riesiger Parks, wie dem in der Eifel, erst 0,6 Prozent zu bieten hat. Gerade werde über den Ankauf eines alten 85 Hektar großen Golfplatzes verhandelt - mit entsprechender EU-Förderung aus dem Förderprogramm Klima-Wildnis. „Da steckt beinharte Ökonomie dahinter. Es sind umfassende Anträge zu stellen. Das ist was anderes, als wenn ich mit meiner Rassel auftauche und sage, wir machen da Natur. Ich mache da eine Faust in der Tasche für Mutter Erde.“ Unbeschreiblicher Papierkram samt Unbedenklichkeitsbescheinigung sei zu erledigen, man muss schon etwas leisten, bevor eine Million Euro bekommt.

Wenn wir die Erde glücklich machen, werden wir auch glücklich.
Professor Tilo Hildebrandt

Und wie heilt die Stiftung nun die Erde? Hildebrandt hat in der Satzung verankert, dass kein Grundstück, das einmal der Stiftung gehört, je wieder veräußert werden darf. Prinzipiell soll aus allen Besitztümern ein Urwald werden, wie es ihn in Deutschland eigentlich nur noch am Hambacher Forst gebe. So ganz überlassen die Stiftungsmitglieder und die „Erdhelfer“ (als solcher kann sich jeder, der das gut findet, im Internet registrieren) die Grundstücke nicht sich selbst. Völlig ortsfremder Bewuchs wird entfernt, es gibt auch Streuobstwiesen, auf denen Kinder die Bäume gießen.

In Wachtberg hat die Stiftung noch kein Grundstück. „Die sind hier recht teuer, aber in Wegberg besitzen wir etwas, weil die Katholische Kirche dort Land hatte, aber kein Geld für einen neuen Kirchturm.“ Immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort - so führen Tilo Hildebrandt und Elke Eupen als Geschäftsführer auch ihre „DTH Beratungs- und Beteiligungs GmbH“, ein erfolgsunternehmen mit 14 Leuten im Homeoffice. Die zahlen können sich sehen lassen. 

Der Hula Tanz aus Hawai inspiriert Elke Eupen. Der Hula Tanz aus Hawai inspiriert Elke Eupen. Dieses gemälde hängt in ihrem Wohnzimmer.

Der Hula Tanz aus Hawai inspiriert Elke Eupen. Dieses gemälde hängt in ihrem Wohnzimmer.

Mit Zufall hat das nichts zu tun, beteuert Hildebrandt: „Als Teil der Natur lebt man einfach. Man hört auf, an Zufälle zu glauben.“ Freilich sei er auf einem Bein Intellektueller, aber das andere Bein sei das Gefühl. Nun hat er passenderweise eine Frau an der Seite, die die hawaiianische Hula-Kultur für sich entdeckt hat und in der Windmühle gelegentlich Kurse dazu gibt. So wird in der Windmühle also schon lange nicht mehr in der Nachfolge von Aristoteles alles quantifiziert und sortiert, wie Hildebrandt erklärt. Beide treten dagegen an, dass „die Natur der Restposten der Kultur“ ist, wie sie es sehen. „Die Natur hat kein Ziel, keine Funktion“, argumentiert der Schamane und setzt sich für sie mit all seinem Wirtschaftswissen ein. Lukrative Partner hat er an seiner Seite, etwa die Postcode-Lotterie, die als Soziallotterie nach Postleitzahlen wohl von sich behaupten darf, Gutes zu tun.

Seine Einstellung zum Sein, hat ihm wohl vieles leicht gemach.„ Ich habe Arbeit nie als Arbeit empfunden. Sie hat Spaß gemacht. Manchmal gibt es Geld dafür, manchmal auch nicht. Ich tue einfach, wie das die Griechen schon sagten, was meinen Anlagen entspricht.“ Er verweist auf den Begriff „Arete“, der auch für Tugend steht. 


Windmühle Villip

Im Jahr 1660 wurde die Familie Bedorf Pächterin der Mühlenrechte im Hoheitsgebiet der Gudenau. Die Wassermühle im Ort ist heute noch im Betrieb, doch viel sichtbarer ist wegen ihrer Position die Windmühle auf der Anhöhe gleich gegenüber der Burg Gudenau und dem Ort Villip. Die eisernen Maueranker formen die Jahrszahl 1780 und dürften damit den Bau also ins 18. Jahrhundert datieren. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die „Mühlengebäude“ errichtet worden. 1834 verkauften die Herrn auf Gudenau der Familie Bedorf den gesamten Mühlenbesitz für 8000 Taler. Johann Baptist Bedorf unterhielt im 19. Jahrhundert mit zwölf Eseln einen „Linienverkehr“ zwischen seinen Villiper Mühlen und Bonn – quer durch den Kottenforst. Er besaß auch Wassermühlen am Godesberger Bach. Ende des 19. Jahrhunderts ist das Mühlengebäude nochmals erweitert worden. Mit dem Ersten Weltkrieg begann jedoch der Niedergang: Die Windmühle verliert ihre Flügel, der Turm wird Schafstall, später Kunstgalerie und schließlich Pfadfinderheim.

(Quelle: Vogt, Rheinische Windmühlen; Rheinisches Amt für Denkmalpflege)

Kunst hängt an den Wänden der Windmühle. Das Bild Neuschwanstein war bereits in der U-Bahn in Berlin zu sehen.

Kunst hängt an den Wänden der Windmühle. Das Bild Neuschwanstein war bereits in der U-Bahn in Berlin zu sehen.

Laut Hildebrandt gehört die Windmühle heute wieder der Gräfin Strasoldo, der auch die Burg Gudenau gehört. Sie ist eine Nachfahrin der Familie Guilleaume, in deren Händen die Burg bereits vor weit über 100 Jahren war. Die Kunstsammlerin ist für ihr Engagement für den Denkmalschutz bekannt.