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Der Drehorgelspieler von der Schildergasse: „Musik, die sonst keiner spielt“

Mit dem Drehorgelspielen hat Werner Wittpoth sein Hobby zum Beruf gemacht. (Foto: Meisenberg)

Mit dem Drehorgelspielen hat Werner Wittpoth sein Hobby zum Beruf gemacht. (Foto: Meisenberg)

Werner Wittpoths Arbeitsalltag ist gut organisiert: An der Schaafenstraße steht die Garage, in der seine beiden Orgeln unterkommen, wenn er nicht auf der nahen Schildergasse musiziert. Und dort findet man auch seinen Lieblingsitaliener, bei dem wir uns zum Kaffee treffen.

Sie sind Versicherungskaufmann, haben also einen seriösen Beruf gelernt. Warum üben Sie ihn nicht aus?

Ich bin mit der Zeit erwerbsunfähig geworden, weil meine Behinderung stetig zunimmt. Also hat man mich in Rente geschickt, und seitdem spiele ich Orgel. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Der Passant sagt sich: Der Mann dreht seine Kurbel und macht damit Geld. Inwiefern ist das zu kurz gedacht?

Im Prinzip stimmt das. Aber ich habe auch eine ganz besondere Orgel mit überdurchschnittlich vielen Tönen, und Musik, die sonst keiner spielt. Die Orgel ist nicht irgendetwas für mich, sondern wir ergeben zusammen ein Bild.

Behindert Sie Ihre Behinderung?

Ich habe ja auch einen mit der Contergan-Schädigung zusammenhängenden Wirbelsäulenschaden. Aber durch das Drehorgelspielen ist dieser Verfall zum Stillstand gekommen. Mein Rücken hat sich sogar verbessert, weil ich inzwischen so eine starke Muskulatur habe.

Statt Salben, Yoga oder Stromstößen empfehlen Sie also Drehorgelspielen gegen Rückenschmerzen?

Wenn Sie mich beobachten, stellen Sie fest: Ich habe kein Schultergelenk, arbeite beim Drehen also immer mit dem ganzen Körper. Wenn ich zu lange Pause mache, bekomme ich Muskelkater vom Spielen.

Ihre Orgel kann Tausende von Songs. Woran haben Sie selbst am meisten Spaß?

Zu Hause höre ich gern Klassik, aber mich erfreut auch Unterhaltungsmusik. Letztes Jahr habe ich zusammen mit Nina Hagen Brecht-Abende gemacht. Als die Leute eine Zugabe wollten, habe ich „Du hast den Farbfilm vergessen“ gespielt.

Das ist eine Schlagerparodie von Nina Hagen.

Genau, hat mit Brecht überhaupt nichts zu tun. Aber das Publikum war begeistert, so einen Song hatten die aus einer Drehorgel nie erwartet.

Wie kommt der Leierkastenmann von der Schildergasse mit Nina Hagen zusammen?

Es gab alte Kontakte aus der Zeit der Stollwerck-Besetzung. Aber letztlich kam das durch Ninas Engagement für Contergan-Geschädigte zustande.

Nina Hagen hat eine sensationelle Stimme, wirkt aber heute zuweilen ordentlich neben der Spur. Wie haben Sie sie erlebt?

Nina Hagen ist anders – in jeder Hinsicht. Sie ist bei der Arbeit immer spontan, jede Vorstellung unterscheidet sich von der vorigen, aber danach schreibt sie geduldig drei Stunden Autogramme. Und sie ist vor allem ein sehr ehrlicher Mensch mit einem großen Herzen. Hut ab, sag’ ich da nur.

Sind Sie über Nina Hagen auch an den Auftritt bei einem Motorradclub gekommen?

Das war lange vorher. Dafür habe ich mir dann sogar „Born to be wild“ draufgeschafft.

Fluppen Sie sich dann eine Filterlose zwischen die Lippen und drehen die Orgel voll auf?

Die Lautstärke meiner Orgeln kann ich nicht einstellen, aber die sind laut genug. Die Jungs hatten jedenfalls ihren Spaß.

Fotograf Hans-Günther Meisenberg und ich werden das später bestätigen. In einem Hinterhof, wo seine Orgeln lagern, spielt uns Werner Wittpoth die Biker-Hymne von Steppenwolf vor: Rundum füllen sich die Balkone, die Orgel vibriert, und man glaubt geradezu, die Bässe im Magen zu spüren.

Warum spielen Sie hauptsächlich auf der Schildergasse?

Weil sie so breit ist. Weil ich dort auf und ab laufen kann, ohne Steigung und ohne zu viel Menschenauflauf. Auf der Hohe Straße war ich auch manchmal, aber die ist eigentlich zu eng. Man muss den Leuten auch die Möglichkeit geben auszuweichen.

Jenseits dieser praktischen Gründe: Hat die Schildergasse für Sie einen besonderen Reiz?

Vor dreißig Jahren habe ich hier mit Klaus dem Geiger angefangen, Straßenmusik zu machen. Und ich finde es bis heute schön hier, weil ich viele Menschen schon lange kenne. Mit meinem Freund vom Obststand trinke ich morgens Kaffee, und es ist immer einer da, der auf meine Orgel aufpasst, wenn ich mal gerade wegmuss, oder der mir Luft in einen platten Reifen pumpt.

Bekommt man auf der Mittelstraße eher Scheine und auf der Schildergasse eher Cents?

Das glauben Sie mal ja nicht, das läuft eher andersherum. Außerdem ist die Mittelstraße von Bürgersteigen gesäumt – wo soll ich denn da spielen? Ganz früher bin ich auch auf den Eigelstein gegangen, aber es hat sich vieles geändert. Zum Beispiel gibt es keine Hausfrauen mehr, die morgens einkaufen gehen. Die sind heutzutage alle auf der Arbeit.

Fußgängerzonen gibt es seit den 1960ern. Wie haben Leierkastenmänner davor gearbeitet?

Zunächst mal gab es früher viel mehr von uns. Drehorgelleute haben auf Wochenmärkten gespielt, Musik war noch nicht so omnipräsent wie heute. Und sie sind durch die Straßen gezogen. Das Geld wurde dann nicht selten einfach vom Fenster auf die Straße geworfen.

Haben Sie das auch noch erlebt?

Das passiert heute noch manchmal, wenn ich irgendwo auf dem Dorf spiele, weil ich da vielleicht auf eine Hochzeit eingeladen war. Dann fällt schon mal in Papier gewickeltes Geld auf die Straße.

Straßenmusik kann nerven, sehen Sie das auch so? „El cóndor pasa“ und „Blowin’ in the wind“ etwa sind final verseucht worden durch einschlägige Straßenmusiker.

Man darf es nicht übertreiben mit den Wiederholungen; mit meiner Orgel kann ich weit über 1000 Lieder spielen. „El cóndor pasa“ ist auch dabei. Weihnachten nehme ich manchmal neue Lieder ins Programm, aber die Leute wollen doch eigentlich die traditionellen hören. Ich merke das ja immer direkt in der Kasse.

Die Auswahl der Lieder ist so wichtig wie das Wetter. Was machen Sie bei Regen?

Ich habe für meine Orgel einen Lederüberzug für alle Fälle. Und dann kommt noch ein großer Schirm oben drauf. Aber wenn niemand mehr was einwirft und der Blasebalg Wasser zieht, dann geh ich eben nach Hause. Und muss stattdessen am Wochenende noch mal ran.

Nach drei Jahrzehnten Straßenmusik: Wie würden Sie die großen Entwicklungslinien zeichnen?

Als ich anfing, kamen die lateinamerikanischen Musikgruppen auf. Ziemlich schnell hatten die Verstärker dabei und spielten alles andere tot. Ende der 80er kam ein Schwung aus Russland, das waren zum Teil sehr gute Musiker. Und inzwischen haben wir die immer recht massiv auftretenden Gruppen aus Bulgarien und Rumänien hier.

Gibt es mit denen Probleme?

Die haben halt anfangs ziemlich aggressiv versucht, ihren Platz zu behaupten. Bis sie sich dran gewöhnt haben, dass hier gewisse Regeln herrschen und nicht das Faustrecht.

Was würden Sie an den Straßenmusik-Richtlinien der Stadt Köln kritisieren?

Viele Straßenmusiker, Gitarristen zum Beispiel, sind durch die neue Konkurrenz verdrängt worden. Auch mein alter Mitstreiter Klaus der Geiger will sich dem nicht mehr aussetzen, das finde ich schade. Manche Leute beuten die Freiheiten, die sie haben, in übertriebenem Maße aus. Es ist sehr schwer, den goldenen Mittelweg zwischen Verordnungen und Freiheit zu finden.

Was also sollte ein guter Straßenmusiker beherzigen?

Er sollte aktuell, flexibel und freundlich sein. (lacht)

Zur Person

Werner Wittpoth wurde 1960 in Ostwestfalen geboren und ist contergangeschädigt. Nach der Fachhochschulreife absolvierte er eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Aufgrund seiner Behinderung sattelte er jedoch bald um, spielte viel Theater und wurde Drehorgelspieler.

Wittpoth tritt mit seinem Orchestrion (Orgel, Glockenspiel, kleines Schlagzeug) auf Hochzeiten genauso auf wie auf Trödelmärkten und Musikbühnen – zuletzt etwa für ein Brecht-Projekt mit Nina Hagen. In Köln trifft man ihn meist werktags auf der Schildergasse. Er hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Pulheim. (img)

www.leierkastenmann-koeln.de