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Häusliche Gewalt
„Gerade an Feiertagen wird es oft brenzlig“

Lesezeit 7 Minuten
Ein Scherbenhaufen: Gewaltausbrüche kommen in allen sozialen Schichten vor.

Ein Scherbenhaufen: Gewaltausbrüche kommen in allen sozialen Schichten vor.

Nicht immer verlaufen Feiertage harmonisch. Häusliche Gewalt ist häufig - und immer noch ein Tabu. Aber es gibt Hilfsangebote.

„Gerade an Feiertagen wird es oft brenzlig“, sagt Margret Schnetgöke. Die Diplom-Psychologin und Sozialarbeiterin arbeitet seit 2003 in der Beratungsstelle FrauenLeben e.V. auf der Venloer Straße. Ihr Schwerpunkt: Frauen als Opfer häuslicher Gewalt. Besonders wenn Menschen über mehrere Tage zuhause sind, kann die Stimmung kippen und gewalttätig werden. Das bestätigt auch Marc Thomas, Projektleiter für Täterarbeit bei der Kölner Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Nach der Weihnachtszeit haben wir grundsätzlich einen Schwall neuer Klienten“, sagt Thomas.

Laut Polizei 2908 Opfer in Köln 2021

Gewalt in der Partnerschaft ist nach wie vor verbreitet. Sie findet sich in allen Schichten − bei Akademikern ebenso wie bei Arbeitern, berichten Fachleute übereinstimmend. In Köln wurden 2021 nach Auskunft der Polizei insgesamt 2908 Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer gilt in Fachkreisen als weitaus höher.

In der Mehrzahl dürften Frauen als Opfer in die Polizei-Statistik eingehen. Studien zufolge hat jede dritte Frau Gewalterfahrungen im häuslichen Umfeld gemacht. Die offizielle Zahl der männlichen Opfer ist niedriger. Kriminologe und Erziehungswissenschaftler Thomas glaubt aber, dass die Dunkelziffer bei den Männern hoch ist und Scham verhindert, dass sie sich als Gewaltopfer outen.

Gewalt muss nicht immer körperlich sein

Einig sind sich Thomas und Schnetgöke über den Gewaltbegriff. „Gewalt muss nicht immer körperlich sein. Polizeieinsätze sind nur die Spitze des Eisbergs“, betont Schnetgöke. Beschimpfungen wie ,Du bist eine schlechte Mutter. Du kannst nichts. Du bist nichts wert.’ sind auch eine Form von Gewalt. Gewalt ist mehr als das blaue Auge“, sagt die Psychologin. Auch wenn ein Partner den anderen massiv einschränkt, kontrolliert, Kontakte verbietet und beispielsweise finanziell überwacht, sind das   Formen von psychischer Gewaltanwendung. „Die Folgen von psychischer Gewalt sind häufig sehr gravierend“, sagt auch Marc Thomas.

Vielen fällt es schwer, sich den Tatsachen zu stellen

„Ich habe keine Energie mehr, kann mich schlecht konzentrieren und schlafe kaum“, so oder ähnlich beschreiben manche Frauen, die zu einer Beratung zum Verein FrauenLeben kommen, ihre Situation. „Nicht selten stellt sich erst im längeren Gespräch heraus, dass dahinter Gewalt in der Partnerschaft steckt“, sagt Schnetgöke. Sich einzugestehen, dass der geliebte Partner sich gewalttätig verhält, ist nicht leicht.

In ihren Beratungen unterstützt sie Frauen dabei, einen Ausweg zu finden. Das muss nicht immer eine Trennung sein. Beratungsangebote für Paare, aber auch die Täterarbeit, die die Arbeiterwohlfahrt anbietet, können helfen, dass eine Beziehung aus einer ungesunden oder − wie es Schnetgöke ausdrückt − „schrägen“ Situation herauskommt.

Bei Gefahr immer die Polizei informieren

Wenn Gewalt allerdings eskaliert und Gefahr im Verzug ist, dann ist ein schnelles Handeln unbedingt notwendig. Dann sollte auf jeden Fall die Polizei über die Notrufnummer 110 gerufen werden. „Die Hinweise kommen in der Mehrheit der Fälle von Menschen, die aufgrund ihrer eigenen Notsituation die Polizei zu Hilfe rufen“, sagt Polizeihauptkommissar Christoph Gilles. Aber auch Nachbarn, Freunde oder Verwandte schalten sich ein und verständigen die Polizei.

In der Regel rückt die mit Einsatzkräften an und beurteilt die Situation. Vorrangige Fragen: Gibt es Verletzungen? Besteht weiterhin Gefahr? Seit 2002 das Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten ist, hat sich die rechtliche Situation verbessert. „Häusliche Gewalt ist jetzt ein Offizialdelikt, das bedeutet, dass die Polizei Anzeige erstatten muss“, sagt Schnetgöke.   Bevor es das Gesetz gab, wurden die Opfer oft gefragt, ob sie Anzeige erstatten wollen.

Polizei kann Verweis aussprechen

Die Beraterin ermutigt alle Menschen, die   mitbekommen, dass es in einer Wohnung gewalttätig wird, die Polizei zu rufen. „Wenn die Polizei kommt, ist die Gewalt erst einmal gestoppt“, sagt Schnetgöke. Die Opfer erhalten dann auch Informationen darüber, wo sie sich beraten lassen können. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und die Diakonie betreiben so genannte Interventionsstellen für Frauen und werden von der Polizei per Fax informiert.   „Damit erst einmal Ruhe einkehrt, kann die Polizei eine Verweisung für zehn Tage aussprechen. Dann muss der Mann den Wohnungsschlüssel abgeben“, erläutert Schnetgöke.

Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt

Dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu Opfern von Gewalt im häuslichen Umfeld werden, kann Schnetgöke bestätigen. Der Sozialdienst katholischer Männer (SKM) und die Diakonie haben Beratungsstellen für sie. Wenn Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind, schaltet sich das Jugendamt ein. Auch wenn sie Zeugen von Gewalt werden, ist das schlimm. „Die Situation von Kindern in einem Setting häuslicher Gewalt ist sehr belastend. Miterleben von häuslicher Gewalt ist Kindeswohlgefährdung“, sagt die Frauen-Beraterin.

Täterarbeit für eine Änderung des Verhaltens

Gewalttätige Menschen können ihr Verhalten in der Regel ändern. Deshalb gibt es Projekte zur so genannten Täterarbeit. Ihr oberstes Ziel: gewalttätiges Verhalten nachhaltig zu beenden.„In der Regel ist Gewalt ein erlerntes Verhalten“, sagt Marc Thomas. Der 33-jährige Kriminologe und Erziehungswissenschaftler hat verschiedene Zusatzausbildungen und arbeitet seit 2016 in der Täterarbeit. „Dabei handelt es sich nicht um eine Psychotherapie“, stellt er klar.

Hauptsächlich Männer aber auch Frauen erlernen mit der Hilfe eines verhaltenstherapeutischen und tatorientierten Behandlungsansatzes, mit ihrem Gewaltverhalten umzugehen und auf gewaltfreie Weise zu kommunizieren. „Dabei müssen immer individuelle Wege gefunden werden“, sagt Thomas.

Gemischte Gruppen gibt es nicht

Zuerst werden etwa fünf Einzelgespräche geführt. Sie finden in der Regel einmal wöchentlich statt und dauern 50 Minuten. Dabei geht es um die Taten, es wird eine Diagnostik angestrebt und geschaut, ob es eine Gruppenfähigkeit gibt. Anschließend gibt es 34 Sitzungen einmal wöchentlich abends in einer Gruppe. Sie dauern eineinhalb Stunden und gehen über ein Jahr.

Gemischte Gruppen von Frauen und Männern gibt es nicht, weil dort zu viele Traumata getriggert werden könnten. „Das könnten wir nicht händeln“, sagt der Berater.

Verantwortung zu sehen, ist ein wichtiger Schritt

Schrittweise geht es bei der Täterarbeit um Tatrekonstruktion, Einsicht und das Annehmen von Verantwortung. Gerade das ist oft besonders schwierig für die Täter. „Das Bagatellisieren der Tat ist verbreitet. Ebenso wie Erklärungsversuche, die dem anderen die Verantwortung zuschieben“, sagt Thomas und erläutert: „Oft fallen Sätze wie: ,Er oder sie hat mich provoziert’ oder ,Sie hat mich auch schon mal angeschrieen oder angespuckt’.

Oft haben die Täter schon seit früher Kindheit Erfahrungen mit verbaler, psychischer und/oder physischer Gewalt gemacht. Eine − wie es Thomas nennt − „dysfunktionale Bedürfnisbefriedigung“ ist nicht selten. „Da sperrt ein Mann seine Frau ein, kniet sich auf sie und schreit ,Wir klären jetzt den Konflikt“, nennt Thomas ein Beispiel, wie auf gewalttätige Weise die Harmonie in einer Partnerschaft wieder hergestellt werden soll.

Die Hälfte der Teilnehmer ist freiwillig dabei

Freiwillig sind etwa die Hälfte der Teilnehmenden bei der Täterarbeit der AWO. „50 Prozent etwa melden sich selbst, 50 Prozent sind aufgrund einer gerichtlichen Auflage da“, sagt Thomas. Studien belegen nach seiner Aussage die Wirksamkeit des Programms. „Die Rückmeldungen von Betroffenenseite sind durchweg gut“, sagt Thomas.


Auswahl von Anlaufstellen

Das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr besetzt. Dort gibt es Tipps und es werden Anlaufstellen in der Nähe genannt. Telefonnummer: 08000116016

Die Frauenhäuser in Köln sind unter den Telefonnummern 51 55 02 und 51 55 54 zu erreichen.

Die Frauenberatungsstelle FrauenLeben e.V. bietet offene Beratungszeiten montags bis mittwochs von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 17 bis 19 Uhr. Die Beratung ist kostenfrei und auf Wunsch anonym. Die Beraterinnen unterliegen der Schweigepflicht. Telefon 9541660, mail@frauenleben.org, www.frauenleben.org

Eine Kindeswohlgefährdung kann in Köln rund um die Uhr gemeldet werden. Dafür hat die Stadt den Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst eingerichtet. Durchwahlnummern für die Stadtbezirke gibt es online.

Eine Männerberatung für Opfer oder Täter bietet der SKM. Beratungen können anonym sein, Termine müssen telefonisch oder per E-Mail vereinbart werden. Telefon: 20 74 - 0 oder 2074 229. Beratungszeiten: montags bis donnerstags von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 14 Uhr.

Das Projekt „MenschSein ohne Gewalt - Psychosoziale Betreuung" richtet sich an erwachsene Frauen und Männer, die in Köln leben und gegen ihre (Ex-)Partner gewalttätig geworden sind. Es wird von der Arbeiterwohlfahrt betrieben und ist über Telefon 888 101 02 oder 888 101 10 zu erreichen. Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr.