Blutige Rohstoffjagd im OstkongoHilfe aus Köln - „Gänsehaut, wenn man die Überlebenden sieht“

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Zwei Frauen halten ein Schild mit der Aufschrift „Kein Blutvergießen für Technologie“.

Deborath aus Köln (l.) und Initiatorin des „FreeCongo“-Kollektivs Tabitha (r.) kämpfen für das Land, in dem sie geboren wurden.

Kölnerin Deborath half vor Ort geflüchteten Menschen. Das „FreeCongo“-Kollektiv machte mit einer Demo in Köln auf den Kongo aufmerksam. 

Mit Reis, Linsen, Seife und Keksen sind Deboraths Hilfspakete eine Sensation. Sonst wird in dem Camp für Binnenflüchtlinge am Rand der ost-kongolesischen Großstadt Goma höchstens Brei an schwangere Frauen und Kinder ausgeteilt. Die Menschen leben hier in notdürftigen Zelten aus Plastik und Pappe. Ihre Enttäuschung können die, die keine der 170 Pakete abbekommen, nicht verstecken. An die Trauer in ihren Augen erinnert sich Deborath gut. Die im Kongo geborene Kölnerin hatte für die Aktion selbst gespart und Spenden gesammelt.

Mithilfe einer ansässigen Hilfsorganisation fuhr die 32-Jährige im vergangenen Jahr in das Camp bei Goma, in dem rund 250 Familien leben. Sie sind Vertriebene im eigenen Land – und nur ein Bruchteil der rund sechs Millionen Binnenflüchtlinge, die laut den Vereinten Nationen (UN) in der Demokratischen Republik Kongo heimatlos geworden sind. „Eine der größten humanitären Krisen der Welt“ urteilt die Organisation.

Brutale Milizen umkämpfen ihre Heimatorte im Osten des Landes. Laut UN gibt es dort mehr als hundert bewaffnete Gruppen. Abgesehen haben sie es laut Amnesty International auch auf die riesigen Mengen an Bodenschätzen des Kongos wie Kobalt oder Koltan: Für die Herstellung von Technik wie Handys, Laptops oder Elektroautos werden die weltweit dringend gebraucht. In zahlreichen von den Milizen kontrollierten Minen wird unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut. Allein in der östlichen Region Kivu sollen laut Angaben der ISS, einer afrikanischen Organisation für menschliche Sicherheit, rund 60 Prozent der weltweiten Koltan-Vorkommen liegen.

Köln: Demo des „FreeCongo“-Kollektivs in der Innenstadt

„In Köln gibt es neben Aachen deutschlandweit die größte kongolesische Community“, erklärt Deborath, die im Kongo geboren wurde und als kleines Kind nach Mülheim kam. Rund 1100 Menschen mit kongolesischem Migrationshintergrund lebten laut dem aktuellen statistischen Jahrbuch der Stadt Ende 2022 in Köln. Deborath ist nicht die Einzige von ihnen, die ihren Beitrag gegen die „katastrophale und elendige Lage“ leisten will. Mit einer Kundgebung und einer Demo durch die Innenstadt machte das Kollektiv „FreeCongo“ im Januar auf die Menschen im Kongo aufmerksam. In der Gruppe engagieren sich auch Kölnerinnen und Kölner.

Es sei sehr schwer gewesen, die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen, da es weltweit so viele Krisen gibt, erklärt die Initiatorin des Kollektivs aus Dortmund, Tabitha. Die Gruppe wolle deshalb in mehreren Städten Veranstaltungen zur Aufklärung organisieren. Im April sei eine in Köln geplant. Die 33-Jährige ist Überlebende der Kriege im Kongo in den Neunzigern. Als sie acht Jahre alt war, flohen ihre Eltern mit ihr nach Deutschland.

Welche Gewalttaten die Rebellengruppen im Osten verüben, weiß die Kölnerin Deborath aus erster Hand. Ein Mann, den sie in einer Hilfsorganisation vor Ort kennengelernt hat, ist selbst mit seiner Familie vor ihnen geflohen. „Er hat mir erzählt, wie Leute vor seinen Augen umgebracht wurden“, erzählt die Kölnerin. Weder vor Frauen noch vor Kindern würden sie zurückschrecken. „Sie haben die Menschen mit Macheten getötet oder erschossen.“

Ein großer Teil der Kriegsstrategie ist sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen. Der kongolesische Gynäkologe und Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege hat seit den 1990er-Jahren Tausende der Überlebenden in seinem Krankenhaus im Ost-Kongo operiert. „Ich hatte die Ehre, ihn in seiner Klinik zu treffen“, erzählt Deborath. „Es ist hart, wirklich hart“, sagt sie über ihren Besuch dort. „Man hat Gänsehaut, wenn man die überlebenden Frauen sieht, weil sie so stark sind und trotz dieser Taten weitermachen.“

Regierung des Kongo bisher erfolglos gegen Milizen 

Viele der Milizen sind Überbleibsel der drei Kongokriege, die zwischen 1996 und 2009 wüteten. Einige von ihnen, wie die M23, werden von anderen Nationen unterstützt. Laut UN-Experten ist sie aktuell eine der größten Rebellengruppen und besteht mit der Hilfe des Nachbarlands Ruanda. Die kongolesische Regierung war bisher erfolglos darin, gegen das Treiben der Gruppen anzukommen. Die Taktik, Kämpfer der feindlichen Milizen in die Armee zu integrieren, führt vor allem zu Chaos. Die Grenzen von Freund und Feind sind verschwommen.

Eine der teuersten Friedensmissionen in der Geschichte der UN, die Monusco, sollte die Lage stabilisieren. Seit 25 Jahren ist sie im Kongo eingesetzt. Frieden gebracht hat sie offensichtlich wenig. Im Land wurde deshalb immer wieder starke Kritik laut. Nun muss die Mission auf Wunsch der Regierung bis zum April abziehen.

Tausende Kinder arbeiten in Minen

Hoffnung ist keine in Sicht. Auch nicht für die, die in den Minen arbeiten. Davon sind viele Kinder, 40 000 sollen es laut Unicef im gesamten Kongo sein. „Die Kinder werden für einen Dollar in enge, schlecht gebaute Schächte geschickt, damit sie mit ihren kleinen Händen und Körpern dort abbauen können“, erklärt Tabitha. „Anstatt den Abbau in den Minen zu regulieren, verkauft die Regierung Lizenzen, die dann wiederum an lokale Minenbesitzer weiterverkauft werden“, sagt sie.

„Für das Leid fühlt sich niemand verantwortlich. Es heißt immer: Wir haben unsere Verträge und können nicht bis ganz nach unten kontrollieren, was passiert.“ Tabitha wünscht sich, dass Verantwortung übernommen wird – nicht nur seitens der Regierung, sondern auch von den großen Unternehmen, die die Rohstoffe kaufen, um Technikteile herzustellen. Das fordert auch Amnesty International.

„Die Firmen sagen aber, sie würden sich an Minen wenden, die den staatlichen Regularien folgen. Was danach passiert, welche Mittelsmänner noch weitere Arbeiter einstellen, wisse man nicht“, sagt Tabitha. Auch die Unternehmen, die die Teile zur Technik-Herstellung kaufen, würden sich nicht verantwortlich fühlen. „Ich würde nicht mal sagen, dass weggeguckt wird. Es wird hingeguckt – und die Sache dann unter den Teppich gekehrt“, sagt Tabitha. „Die Leute im Kongo werden immer ärmer und sind dann auch noch schlimmer Gewalt ausgesetzt. Es gibt einfach niemals eine Pause für sie.“

Es gehe dem Kollektiv nicht darum, dass Menschen, die Technik benutzen, sich schämen sollen. „Es geht einfach darum, dass die internationale Gesellschaft Solidarität zeigt.“ Das ist laut Tabitha auf mehrere Arten möglich: Großkonzerne, die von unethischer Minenarbeit profitieren, könnten sanktioniert werden und Milizen sowie ihre Unterstützer vor internationale Gerichte gebracht werden. Aktivistinnen und Aktivisten wie Dr. Mukwege brauchen außerdem nachhaltig Unterstützung für ihre Arbeit vor Ort.

Für Tabitha ist der Kongo mehr als seine Krisen. Wenn sie an das Land, sechsmal so groß wie Deutschland, denkt, sieht sie üppige Regenwälder, mächtige Flüsse, hunderte Kulturen und Sprachen. Und sie sieht Hoffnung. Hoffnung auf eine grünere Zukunft. Denn die Bodenschätze des Landes sind dringend notwendig für die Energiewende.

„Wir wollen alle emissionsfrei und modern unterwegs sein. Dafür müssen Unternehmen und Regierungen eigentlich im Kongo anklopfen und saubere, faire Lieferketten aufbauen. Aber aktuell treten sie einfach die Tür ein und nehmen sich, was sie wollen“, erklärt sie. „Die Kongolesen haben ein Recht darauf, dass die Reichtümer ihrer Heimat so genutzt werden, dass sie davon profitieren.“


Demokratische Republik Kongo: Hintergrund der Krise

Die Kolonialherrschaft Belgiens von 1885 bis 1960 zeichnet den Kongo bis heute. Menschen und Natur wurden ausgebeutet, während sich Belgien an den Ressourcen bereicherte. Schätzungsweise starben über zehn Millionen Kongolesen.

Als der Kongo unabhängig wurde, hatte das Land kein funktionierendes politisches System. Nach der Ermordung von Unabhängigkeitskämpfer Patrice Lumumba die CIA und belgische Regierung waren verwickelt kam 1965 Diktator Joseph Mobutu an die Macht. Er beutete das Land ebenfalls aus, sorgte mit seinem Gewinnstreben für Elend.

Auch nach dem Sturz des Diktators fehlt es laut der Bundeszentrale für politische Bildung an staatlichen Strukturen und dem Willen zur Verbesserung unter den Eliten, die sich an den Bodenschätzen bereichern.

Mit dem Black-History-Month will die Stadt Köln auch in diesem Jahr Schwarze Geschichte und Gegenwart sichtbarer machen. Noch bis zum 29. Februar finden in Köln Events wie Koch- und Sprachkurse oder Vorträge statt, um Begegnungen zu schaffen. Das volle Programm gibt es online.

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