Am Samstag in Köln4000 Menschen demonstrieren gegen die Bildungsmisere

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Alexandra Leitretter-Bürkle und Katja Ritter beklagen den fehlenden Respekt von Schülern.

Alexandra Leitretter-Bürkle und Katja Ritter beklagen den fehlenden Respekt von Schülern.

Auf der Demonstration auf dem Heumarkt forderten Teilnehmer auch einen „echten“ Bildungsgipfel, der mit den Bildungsbetroffenen auf Augenhöhe kommuniziert.

„Bildung ist unsere Zukunft und wir brauchen eine Bildungswende jetzt“, – diese Forderung wiederholen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bildungsdemonstration am Samstag auf dem Heumarkt. Über 4000 Menschen kamen: Neben den Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft und Verdi sind zahlreiche Menschen aus der Schul- und Erziehungslandschaft gekommen, um ihre Anforderungen an die Politik von Bund und Länder lautstark zu äußern.

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung ist nicht mehr gegeben“, sagt Andreas Schienbein aus Wuppertal am Rande der Kundgebung. Mit seiner Frau Nina möchte auch er auf die Missstände im System hinweisen. Wenn dem Kindergarten seines Sohnes die Mitarbeiter fehlen, erfahren die Eltern es erst kurzfristig und müssten sich entscheiden, ob „Mama oder Papa zu Hause bleiben“. „Irgendwann sagt auch der Arbeitgeber, dass es so nicht weitergehen kann“, sagte Schienbein.

Den Fachkräftemangel spüren auch die Schulen überall durch den Lehrerinnen- und Lehrermangel. Pädagoginnen Alexandra Leittretter-Bürkle und Katja Ritter haben in ihren Einrichtungen damit zu kämpfen. „Es fehlt an allem, zum Beispiel, an personellen und zeitlichen Ressourcen, auch an Bildungsmaterial“, sagt Leittretter-Bürkle. Digitalisierung sei ein großes Problem: Die Schule von Leittretter-Bürkle hat ungefähr 500 I-Pads zur Verfügung, dürfe sie doch nicht mehr einfach ausgeben, sondern müsse sie an die Kinder durch die Eltern leihen. Der verwaltungstechnische Aufwand dahinter sei teilweise zu hoch.

Azra, Medina und Qusai aus Duisburg beklagen den Unterrichtsausfall

Azra, Medina und Qusai aus Duisburg beklagen den Unterrichtsausfall

Auf der Demonstration fordern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben einer Ausbildungsoffensive für Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher einen „echten“ Bildungsgipfel, der mit den Bildungsbetroffenen auf Augenhöhe kommuniziert und auf sie eingeht. Denn nicht nur Erwachsene spüren die Auswirkungen der zahlreichen Missstände: Auf der Kundgebungsbühne am Heumarkt sind Schülerinnen und Schüler aus NRW präsent gewesen. „Eine gewisse Bildungsfinanzierung ist nicht gegeben: An vielen Schulen sehen wir, dass immer noch alltägliche Dinge – zum Beispiel Fenster – kaputt sind. Oder auch die Technik nicht funktioniert“, sagt Sebastian Dahlmann vom Vorstand der Landeschülerinnen und -schülervertretung NRW.

Fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Betreuungsausfall beklagt Familie Schienbein aus Wuppertal.

Fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Betreuungsausfall beklagt Familie Schienbein aus Wuppertal.

„Es gibt ein Umsetzungsproblem, die Dinge, die problematisch sind, einfach zu ändern“, sagt Tjark Sauer von Verdi NRW. Das Land müsse dringend in die frühkindliche Bildung investieren. Die Erkenntnisse seien da, doch aktive Handlungen würden fehlen. „Wir brauchen ein Sondervermögen Bildung. Das Sondervermögen soll 100 Milliarden Euro sowie für eine dauerhafte, ausreichende Finanzierung zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts beinhalten“, so die Demonstrierenden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei die zukunftsorientierte und inklusive Entwicklung von Kitas und Schulen. Ein Thema mit dem sich Anja Färber seit 20 Jahren bundesweit als Beraterin für Sonderpädagogen beschäftigt. Auf ihren Fortbildungen werde die Kölnerin oft von Schulleitungen gefragt: „Wie ist es möglich, Schulen zukunftsorientiert zu führen?“

Sie ist auch in der Brennpunktarbeit an Schulen tätig, wo sie ein großes Problem sieht: „Es wird nie richtig thematisiert, was wirklich passiert: Wir haben Kinder und Jugendliche, die geprägt von ihrem Heimatland zu uns kommen und sich in ihrer Sprache unterhalten. Auf mögliche Beleidigungen würde die Lehrkraft gerne reagieren, doch man weiß nicht, ob es eine ist“, sagt Färber.

Die Überforderung sei für die Lehrerinnen und Lehrer schwer zuzugeben, insbesondere wenn sie bei traumatisierten Schülerinnen und Schülern mehr auf sich nehmen, als sie fachlich in der Lage seien. Es brauche Coaches von außerhalb, so Färber — was das Bildungssystem aber nicht vorsieht.

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