Mit Fotograf Eusebius WirdeierWolfgang Niedecken stellt Bildband über die Südstadt vor

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Ihr gemeinsames Buchprojekt stellten Niedecken (l.) und Wirdeier in der Severinstorburg vor.

Ihr gemeinsames Buchprojekt stellten Niedecken (l.) und Wirdeier in der Severinstorburg vor.

Die Fotografien von Chargesheimer, die Erinnerungen von Wolfgang Niedecken und die aktuellen Bilder von Eusebius Wirdeier öffnen den Blick auf ein urkölsches Veedel.

Neu entdeckte Fotografien von Chargesheimer, aktuelle von Eusebius Wirdeier und Erinnerungen von Wolfgang Niedecken fügen sich in „Fotogeschichten Kölner Südstadt“ des Emons Verlags zu einem Stück authentischer lokaler Geschichtsschreibung zusammen.

1956 streift Chargesheimer durch die Südstadt und nimmt das rege Treiben auf den Straßen zwischen Severinstor und Volksgarten auf: den Alltag, Karneval, vom Krieg zerstörte Häuser, die wieder gefüllten Schaufenster der Geschäfte. Am 19. Mai 2024 hätte der legendäre Kölner Fotograf seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seine historischen Aufnahmen, 62 davon noch nie veröffentlicht, sind eindrucksvolle Zeugnisse einer vergangenen Epoche. Sie offenbaren seine einfühlsame, den „kleinen Leuten“ zugewandte Fotografie.

Gerochen hat es in der Südstadt vor allem nach dem, was in der Schokoladenfabrik gerade hergestellt wurde und eine unverwechselbare, eigenwillige, olfaktorische Melange mit den Ausdünstungen der Reissdorf-Brauerei ergab.
Wolfgang Niedecken

Chargesheimer bedient sich einer Kommunikationstechnik, um die Bilder von noch unbekannten Personen lebendiger zu machen. Während der Aufnahmen spricht er sein Gegenüber direkt an, provoziert eine Reaktion und dann löst er aus. Die Straßenszenen sind historisch besonders aufschlussreich. Auf dem Platz vor St. Severin werden Bonbons, Gemüse und Langnese „Eiskrem“ verkauft. An der Verkehrsinsel vor der Kirche parkt ein Mercedes 300 mit dem Kennzeichen der britischen Besatzungszone. Daneben eine Transportkarre mit leeren Gemüsekisten. An der Hausfassade des Lebensmittelgeschäfts von Josef Niedecken in der Severinstraße sind Reklamen für Milch, Persil und Wipp Waschmittel zu erkennen. Wenige Meter weiter bietet Anna Stork in ihrem kleinen Café Bohnenkaffee für 40 Pfennige, Milch und Kakao, das Glas für 25 Pfennige an. An der Torburg wirbt die Haushaltswarenhandlung Nitsche mit den neuen Tischhandfegern, Milchkännchen und Sammeltassen. Ein Käfer mit einteiligem Heckfenster fährt vorbei und im Hintergrund sieht man das Roxy-Kino.

Der 2019 mit dem Severins-Bürgerpreis ausgezeichnete Fotograf Eusebius Wirdeier entdeckte die Negative bei Recherchen im Rheinischen Bildarchiv Köln und sichtete sie monatelang auf der Leuchtplatte. „Da ist noch ein ganzer Schatz zu heben. Hier müsste die Politik mal einen Batzen Geld für die Digitalisierung in die Hand nehmen“, fordert Wirdeier.

Seine eigenen Fotografien führen rund siebzig Jahre später in die Gegenwart der Kölner Südstadt und erzählen eine eigene Geschichte. Vieles ist verschwunden, einiges geblieben. Als Chargesheimer die Kölner Südstadt portraitiert, ist Wolfgang Niedecken fünf Jahre alt. Bis heute erinnert er sich an den einzigartigen Geruch im Veedel: „Gerochen hat es in der Südstadt vor allem nach dem, was in der Schokoladenfabrik gerade hergestellt wurde und eine unverwechselbare, eigenwillige, olfaktorische Melange mit den Ausdünstungen der Reissdorf-Brauerei ergab.“

Blick in ein ur-kölsches Veedel

Die Fotografien von Chargesheimer, die Erinnerungen von Wolfgang Niedecken und die aktuellen Bilder von Eusebius Wirdeier öffnen den Blick auf ein urkölsches Veedel. Sie nehmen mit auf eine lebendige und berührende Zeitreise zwischen Wandel und Beständigkeit, Geschichte und Gegenwart, Rückblicken und neuen Perspektiven.

Chargesheimer, Niedecken, Wirdeier, Fotogeschichten Kölner Südstadt, Emons-Verlag, 240 Seiten, 49,95 Euro

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