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„Zu Losnummern degradiert“Wie die Schulplatznot Kölner Viertklässler belastet

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Man sieht Kinder mit Plakaten, die die Schulpolitik kritisieren.

Ein Protest gegen die Schulpolitik der Stadt.

Es gibt wesentlich mehr Bewerber als Plätze. Das trifft in Köln vor allem an Gymnasien und Gesamtschulen zu. Derzeit hoffen Hunderte Kinder und Eltern auf die Zusage für einen Platz auf einem Gymnasium.

„Müssen wir jetzt zur Oma ziehen, damit ich in Mönchengladbach zur Schule gehen kann?“ Die Frage, die der neunjährige Titus kürzlich seiner Mutter stellte, macht klar: Ihn beschäftigt und bedrückt seine Situation. Titus ist eines von 493 Kölner Kindern, die noch nicht wissen, auf welche weiterführende Schule sie nach den Sommerferien gehen dürfen. Vor allem an Gymnasien und Gesamtschulen wurden auch in diesem Jahr wieder viele Kölner Viertklässler abgelehnt. Bis zum Freitag, 10. März, mussten die Eltern der abgelehnten Kindern sich an einer anderen Schule anmelden.

In der Schule ärgern mich Kinder und sagen ,Ich hab´´nen Schulplatz und du nicht‘.
Titus, 9 Jahre

Nachdem Titus, der mit seinen beiden großen Schwestern und der Mutter in Sülz wohnt, sowohl auf dem Schiller Gymnasium als auch auf dem Elisabeth-von-Thürigen-Gymnasium (EvT) abgelehnt wurde, hat seine Mutter ihn nun auf der Kaiserin-Augusta-Schule in der Innenstadt angemeldet. „Jetzt warten wir gespannt auf Post von der Stadt“, sagt Titus’ Mutter Sabine Schweitzer. „Als alleinerziehende berufstätige Mutter bin ich darauf angewiesen, dass ich ein gutes Netzwerk habe. Ich stehe jetzt total unter Druck“, sagt sie. Auch ihr Sohn leidet unter der Situation. „In der Schule ärgern mich andere Kinder und sagen ,Ich hab’ ‚nen Schulplatz und du nicht‘“, hat Titus seiner Mutter erzählt.

Bis wann die Zu- und Absagen für die weiterführenden Schulen verschickt sind, kann die Stadt auf Nachfrage noch nicht sagen. Nur soviel: „Wir sind jedoch zuversichtlich, dass wie geplant vor Beginn der Osterferien alle Schülerinnen und Schüler wissen, welche Schule sie im kommenden Schuljahr besuchen.“ Die Osterferien beginnen am 3. April. Für abgelehnte Kinder und Eltern ist die Ungewissheit bis dahin ein Stresstest. Denn: Wer auch in der zweiten Anmelderunde leer ausgeht, muss zusammen mit der Stadt nach einer neuen Lösung suchen.

„Unser Sohn darf sich gar nicht mehr auf den Schulplatz freuen“, sagt eine andere Sülzer Mutter. „Es ist für ein Kind schrecklich, eine Losnummer zu sein“, sagt sie. Drei Ablehnungen hat ihr Sohn schon wegstecken müssen. Weder auf der Helios-Schule wurde er angenommen, noch auf dem Schiller oder dem EvT. „Jetzt will er immer prozentual wissen, wie hoch die Chance ist, dass er auf die Kreuzgasse gehen darf. Er ist der einzige in seiner Klasse, der noch keinen Platz hat“, sagt die Mutter des Fast-Zehnjährigen. Sie habe gesagt, dass sie eine „40-Prozent Chance“ sehe. Ihr Sohn wünsche sich jetzt, dass er bis zu seinem Geburtstag am 19. März einen Schulplatz hat. Die Begründung: So könne er seinen Geburtstag genießen.

Initiative kritisiert Verlosung von Plätzen

„Die zweite Bewerbungsrunde bei der Schulplatzvergabe führt zu Ergebnissen, die nicht gut sind“, kritisiert Olaf Wittrock. Der Vater hat aus eigener Betroffenheit vor zwei Jahren die Initiative „Die Abgelehnten“ gegründet. Wittrock kritisiert massiv, wie die Stadt mit der Schulplatznot umgeht. Die zweite Verfahrensrunde für die abgelehnten Kinder sei so nicht notwendig und auch gesetzlich nicht vorgegeben. Dass Schulen, die noch Plätze haben, aus Not die Plätze verlosen, führe zum Teil zu unsinnigen Lösungen.

Wittrocks Vorschlag: Statt die Eltern alleine zu lassen und die Kinder „zu Losnummern zu degradieren“, sollen Schulen und Stadt gemeinsam nach passenden Lösungen für die abgelehnten Kinder suchen. Teilweise könnte es eine Lösung sein, dass Kinder die Plätze tauschen, damit sie nicht ohne einen Freund oder eine Freundin auf die neue Schule müssen.

Noch etwas kritisiert Wittrock: Die Vergabe sei intransparent. Zwar seien im Internet und auf Hinweisschreiben Schulen mit freien Kapazitäten gelistet. Wie viele Plätze an der jeweiligen Schule noch frei seien und ob eher Mädchen oder Jungen eine Chance hätten, veröffentlichte die Stadt jedoch nicht. Die Begründung sei, dass der Ruf der Schulen nicht geschädigt werden solle. Die Folge für die Eltern ist, dass sie sich mühsam selbst die Informationen in den Schulsekretariaten besorgen mussten. Ein Kraftakt. Und auch einer, den nur sehr gut informierte Eltern bewerkstelligen.


Protest wegen fehlender Grundschulplätze

Auch Grundschulplätze in der Nähe ihres Wohnortes sind für das Schuljahr 2023/24 nicht für alle Kölner Kinder in ausreichender Zahl vorhanden. In mehr als einem Drittel der Grundschulen gibt es mehr Anmeldungen als Plätze.

Eine Protestaktion unter dem Motto „Kurze Beine, lange Busfahrten“ soll am Montag, 20. März, den Mangel anprangern. Stadtschulpflegschaft und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rufen Eltern, Kinder und Lehrkräfte auf, von 16 bis 17.30 Uhr auf dem Theo-Burauen-Platz zu protestieren und der Stadt die „Rote Karte“ zu zeigen. Dazu sollen rote Karten beschriftet werden.

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